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Schloss Schleißheim:Fürstliche Häppchen

Brembeck-Konzertreihe

Jakob Rattinger - hier bei einem Konzert im Jahr 2016 - organisiert die Schrobenhausener Barocktage.

(Foto: Günther Reger)

Ein Wandelkonzert entführt in die Klangwelt des Barock

Von Julian Carlos Betz, Oberschleißheim

Unter hohen, bemalten Decken, zwischen Gemälden von Peter Paul Rubens und Diego Velázquez, eine feine Sopran-Stimme im Ohr, die sich wie ein silberner Strahl zwischen brummenden Gambentönen hindurchschlängelt, mit der lebendigen Vorstellung, wie es sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts unter den Ägiden des Kurfürsten in Bayern gelebt haben muss: So etwa fühlt sich der geneigte Zuhörer, wenn er im Schloss Oberschleißheim das Wandelkonzert im Rahmen der 10. Barocktage Schrobenhausen miterlebt.

Dabei handelt es sich nicht um ein herkömmliches Konzert, wie es im musikalisch regen Landkreis immer wieder angeboten wird. Der Begriff "Wandelkonzert" ist nämlich wörtlich zu nehmen: anstatt alle Gäste einfach in einen Raum zu packen und dort Sonate an Sonate zu reihen, hat Jakob Rattinger es sich zum Ziel gesetzt, den Abend dynamisch zu gestalten. Das heißt, anstelle von einem Raum mit einem Programm gibt es sechs verschiedene Räumlichkeiten, darunter die eindrucksvolle Alte Galerie. Man wandelt also tatsächlich von Zimmer zu Zimmer und genießt jeweils circa zehnminütige musikalische Canapés. Wenn sich schon ein opulentes Schloss als Rahmen anbietet, so muss man das schließlich ausnutzen.

Das erste Mal habe es sich ergeben, erzählt Rattinger stolz, in solch prächtiger Kulisse Konzerte zum Thema bayerische Barockmusik abzuhalten. Dies sei geradezu "ein Traum zum zehnjährigen Jubiläum", der es ihm ermögliche, alte Musik mit Fokus auf die Regentschaft von Kurfürst Max Emanuel von Bayern auch äußerlich perfekt einbetten zu können. An sich sei die Organisation so einer Veranstaltung natürlich hochkomplex, erklärt er. Nicht nur dürften die ausgewählten Stücke nur minimal besetzt sein, auch die Bestuhlung sei vonseiten der Schlossverwaltung begrenzt. Damit habe man zwar kein Problem beim Ticketverkauf - sämtliche Plätze waren vergeben -, müsse jedoch einiges an Archivarbeit leisten, um schließlich das gewünschte Ergebnis zu erzielen. So ist das Programm vielfältig aufgestellt, vom bekannten Komponisten und Organisten Johann Pachelbel, der den Nürnberger Teil des Programms liefert, über weniger bekannte Komponisten wie den gebürtigen Schweizer Johann Melchior Gletle, seinerzeit tätig in Augsburg, bis zu Georg Muffat, der zu Lebzeiten berühmter noch als Bach gewesen sei, wie einer der Musiker dem Publikum berichtet. Die "kleinen Häppchen", wie Rattinger sie nennt, können also auf musikalischer Ebene den Petits Fours der kulinarischen Welt durchaus das Wasser reichen.

Tatsächlich punktet jedes der kleinen Konzerte mit eigenem Charme bei den Zuhörern: sei es das Lautenkonzert mit den ungeglätteten Stücken von Pachelbel in fis-Moll, deren französischer Stil, auch genannt "style brisé" oder "durchbrochener Stil", das melodische Empfinden herausfordert, indem Akkorde aufgelöst und einzelne Töne daraus hervorgehoben werden, oder das spielerisch sehr reizvolle Ensemble aus Sopran, Viola da Gamba - gespielt von Rattinger selbst - sowie Theorbe, ein zur Familie der Lauten gehörendes Instrument. Letzteres Trio bietet Musik des in München tätigen Komponisten Pietro Torri, wobei die klare und schön abgemessene Stimme von Mirjam Striegel hervorzuheben ist.

Für manchen vielleicht überraschend ist der Einsatz eines Hackbretts, das sich in der Darbietung einer Sonate von Giovanni Benedetto Platti wiederfindet. Das fidel-versonnene Stück erinnert stellenweise an Bachs Brandenburgische Konzerte und schafft es dabei gleichzeitig mit der Instrumentierung auch Bezüge zu volkstümlicher Musik herzustellen.

Interessant ist ebenfalls der einzige nicht-musikalische Teil, bei dem Texte unter anderem von dem französischen Aufklärer und Philosophen Baron de Montesquieu gelesen werden. Dieser zeigte sich im Jahr 1730 während eines Besuchs auf der Durchreise nicht sehr begeistert und schilderte das Schürzenjägertum des Kurfürsten ebenso abfällig wie die Erfolglosigkeit des Regenten im europäischen Machtvergleich. "Der Hof des Kurfürsten muss sparen", lästert er freimütig und lässt sich auch von den Ausführungen des neuen Schlossbaus nicht überzeugen. Während Montesquieu unter dem Eindruck der absolutistisch prägenden Ära Ludwigs XIV. mit all ihrem Prunk stand, bildet sich der Besucher des Wandelkonzerts heute seine eigene Meinung zu Schloss und musikalischer Ergänzung.

Zu erwähnen, dass dieses Urteil in Anbetracht der royalen Atmosphäre und vor allem der hochwertigen musikalischen Darbietung günstig ausfällt, ist dabei eine Formalie.

© SZ vom 17.09.2018
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