Schon die Zahl ist beeindruckend: Im Schleißheimer Schlosspark gibt es insgesamt 59 Brücken, kleine und große, wichtige und ein paar, auf die man verzichten kann. Die einen sind kunstvoll mit schmiedeeisernen Geländern gestaltet und verfügen über historische Abdecksteine, bei anderen muss man schon ganz genau hinsehen, um vor lauter wucherndem Grünzeug überhaupt zu erkennen, dass darunter Wasser fließt.
Drei Brücken sind bereits in den vergangenen Jahren ersetzt worden, 18 sollen in naher Zukunft erneuert oder saniert und ertüchtigt werden, zwei werden komplett entfernt. Der Haushaltsausschuss des bayerischen Landtags hat dafür jüngst 15,1 Millionen Euro vorgesehen. Frühestens 2027 sollen die Arbeiten beginnen, in der ersten Hälfte der Dreißigerjahre könnte das Großprojekt abgeschlossen sein. Bei allen anderen befahrbaren Brücken ist der Zustand nach Prüfung durch das Staatliche Bauamt Freising noch so gut, dass sie die Last von Maschinen der Gartenverwaltung und Feuerwehrautos tragen können. Ähnliches gilt für die kleineren Übergänge, die nur für Fußgänger und Radler ausgerichtet sind.
Christoph Straßer, Baudirektor bei der Bayerischen Schlösserverwaltung, hat zum Rundgang an diesem sonnigen Herbsttag eine ganze Reihe von Plänen mitgebracht, darunter natürlich auch historische Darstellungen des weithin bekannten Schlossparks und aktuelle Aufzeichnungen von Statikern und Architekten, die mit dem Vorhaben betraut sind. Er breitet sie auf einem Tisch im Büro von Klaus Grubauer auf, der am 1. Oktober die Nachfolge von Paula Kleeberger als Vorstand der Schloss- und Gartenverwaltung in Schleißheim angetreten hat. Es gibt viel zu sehen, und Straßer hat viel zu erzählen. Zum Beispiel, warum es rund um die Schlösser überhaupt so viele Brücken gibt.

Das gehe auf Herzog Wilhelm V. zurück, sagt der Baureferent. Dieser habe Ende des 16. Jahrhunderts zugunsten seines Sohnes Maximilian I. abgedankt, kurz davor die Schwaige Schleißheim erworben. Sein Plan war es, diese als Mustergut zur Versorgung mit bäuerlichen Produkten des Münchner Hofes auszubauen, Kanäle anzulegen und die Wasserkraft zu nutzen. Noch heute verfügt das Schloss über zahlreiche Wirtschaftsgebäude, die davon Zeugnis ablegen. Bereits 1611 wurde der erste Würmkanal angelegt, wie im amtlichen Führer über die Schlossanlage Schleißheim nachzulesen ist. Jeder der drei Innenhöfe der Schlossverwaltung verfügte über einen offenen Kanaldurchfluss. Die Wasserläufe dienten dazu, Mühlen anzutreiben, die Außenanlagen zu bewässern und den Unrat abzutransportieren.
Als in den Jahren 1616 bis 1623 das Hauptgebäude des Gutes auf Geheiß von Wilhelms Sohn Maximilian zum Landschloss wurde, folgte der Bau weiterer Kanäle – diesmal zum Amüsement. Der Adel liebte zu dieser Zeit Gondelfahrten à la Venedig. Eine umfassende Erweiterung des Schleißheimer Kanalsystems wurde unter Kurfürst Max Emanuel vorangetrieben, der von 1684 an Schloss Lustheim errichten ließ und damit den Grundstein für die heutige Parkanlage mit seinen Wasserläufen legte.
Einige Brücken stammen aus der Barockzeit, andere aus dem 20. Jahrhundert
Die rund um das Schloss liegenden Brücken sind nach den Worten von Christoph Straßer unterschiedlich alt. Jene mit „historischem Erscheinungsbild“, also verspielten Geländern zum Beispiel, gehen auf die Barockzeit zurück, wurden zum Teil schon Ende des 17. Jahrhunderts errichtet. Aus dieser Zeit hätten sich besonders Reste der Fundamente erhalten. Die oberhalb der Wasserfläche sichtbaren Teile seien allerdings bei diesen Brücken in der Regel jünger, sie stammten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, sagt Straßer und bleibt auf der Ringkanalbrücke nördlich des Mittelkanals in Lustheim stehen, die zwischen Sommer 2023 und Herbst 2024 erneuert wurde. Der Beton ist schon etwas verwittert, und auch das von einem Metallrestaurateur sanierte Geländer hat bereits Patina angesetzt. Das sei ganz wichtig, sagt Straßer. Denn die neuen Übergänge sollen sich möglichst schnell in das historische Ambiente der Gartenanlage einfügen. Wind und Wetter sind da die Garanten dafür. Der Neubau hat 530 000 Euro gekostet.

Direkt gegenüber liegt das baugleiche Pendant dieser Brücke, nur eben in Alt. Sie ist bei der anstehenden Sanierung als Erste dran. Zäune schirmen die Geländer mit ihren rostigen Stellen zu beiden Seiten ab, damit sich niemand dagegen lehnt. Weil noch bis Ende Oktober die Bachauskehr im Englischen Garten in München stattfindet, liegen die Pegel der Schleißheimer Kanäle einen halben Meter unter dem Normalmaß. Dieser Umstand ermöglicht an diesem frühen Nachmittag einen Blick auf die Fundamente der Brückenbauwerke und Stege, den man sonst nicht bekommt, weil sie von Wasser umspült sind. Dem Baureferenten der Schlösserverwaltung ist das fast unangenehm beim Rundgang durch den Park, weil durch das Absenken des Wassers die porösen Stellen an den Bauwerken zu sehen sind.

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Für Planer wie auch die ausführenden Firmen stellen die Arbeiten eine große Herausforderung dar: So gibt es Untersuchungen der Kammer- und Seitenwände, der Verbauungen im Erdreich, begleitet von einer archäologischen Bestandsaufnahme. Einerseits müssten die größeren Brücken, die saniert oder neu gebaut werden sollen, so gestaltet werden, dass sich ihre Optik nicht verändert, sagt Straßer. Andererseits müssten sie aber problemlos von Rettungsfahrzeugen oder Maschinen der Gärtner befahren werden können. Doch auch bei den kleineren Übergängen nur für Fußgänger ist Bedacht gefragt, denn jede Brücke sei ein Unikat. Auch wenn eine Vielzahl von ihnen laut Straßer bereits im 20. Jahrhundert in einer „schlichten, aber gestalterisch durchaus ansprechenden Art in Beton und Stahl erneuert worden“ ist. Bei diesen gehe es deshalb weniger um die Denkmalsubstanz, sondern um die technische Funktion wie auch das Erscheinungsbild.
Die Besucher des Schleißheimer Schlossparks sollen von den Bauarbeiten so wenig wie möglich gestört werden. So sollen die meisten Brücken zu jeder Zeit passierbar sein – und sei doch eine gesperrt, dann könnten Spaziergänger auf ihr Gegenstück ausweichen, kündigt Straßer an. Pro Jahr werden seinen Angaben zufolge nicht mehr als drei Übergänge erneuert oder ertüchtigt. Die Mehrzahl der Bauwerke, an die demnächst Hand angelegt wird, befindet sich ohnehin nicht im zentralen Bereich des Schlossparks, sondern auf dem Gelände des Alten Schlosses und der Gärtnerei, wohin sich normalerweise keine Besucher verirren.

Los geht es mit der südlich an der Mittelachse gelegenen Brücke in Lustheim, wo bereits die Zäune von einer anstehenden Erneuerung künden. Dann folgt der Rückbau, also die Entfernung des hölzernen Möltnerstegs beim Pavillon Lustheim am Rande des Schlossparks. Dieser ist bereits heute nicht nutzbar und für Fußgänger abgesperrt. Komplett verschwinden wird zudem die sogenannte Tennenauffahrt, ein schräg in der Landschaft liegendes und rostiges Trumm bei den früheren Wirtschaftsgebäuden, das sich zum großen Teil schon die Natur einverleibt hat. Im Laufe der nächsten Jahre werden neben großen Brücken wie der an der Zufahrt zur Flugwerft des Deutschen Museums auch kleine Schleusenstege instandgesetzt.

Die Fachabteilungen der Schlösserverwaltung arbeiten dabei eng mit dem Staatlichen Bauamt zusammen, wie Straßer sagt: „Die machen das Grobe, wir sind für das Filigrane zuständig.“ Was den Zeitplan für das 20-Brücken-Projekt angeht, gilt folgendes Prozedere: Eine Anfertigung der Werk- und Detailplanung sei für das nächste Jahr vorgesehen, so Straßer. Über die damit verbundene konkretere Kostenschätzung befindet dann erneut der Haushaltsausschuss. Ist das Geld genehmigt, geht das Projekt in die Ausschreibung. 2027 könnten dann die Baumaschinen an der ersten Brücke in Lustheim anrollen, natürlich nur kleinere. Denn Riesenbagger und himmelhohe Kräne vertragen sich nicht mit den Sichtachsen in der historischen Umgebung und dem ehrwürdigen Ambiente.

