Schausteller auf der Wiesn Das Schönste auf der Welt

In ihrem Wohnwagen fühlt sich Margot Heppenheimer wohler als in ihrem Haus.

(Foto: Stephan Rumpf)

Margot Heppenheimer stammt aus einer Zirkusfamilie und schwärmt von der Wiesn, auf der sie bis heute einen Schießstand betreibt.

Von Christina Hertel, Haar

"Schauen's Fräulein", sagt Margot Heppenheimer und deutet auf ein Schwarz-Weiß-Bild, das in einem Fotoalbum mit braunem Ledereinband klebt. "Das ist ein dressiertes Schwein." Das Tier hat eine dunkle Haut mit hellen Flecken, es ist ziemlich dick. "Und dieses dressierte Schwein isst dem dummen August sein Essen weg." Margot Heppenheimer lacht und klatscht die Hände zusammen. "Ist das nicht wunderbar? Ein dressiertes Schwein!" Heppenheimer ist 80 Jahre alt und seit 1963 Schaustellerin auf der Wiesn - zuerst mit einer Reitbahn, bis heute mit einem Schießstand.

Doch noch lieber als über das Oktoberfest redet sie über den Zirkus, den ihre Familie einmal hatte. Seit dem 17. Jahrhundert sind ihre Vorfahren Gaukler. "Ein Zirkus, das ist ein ganz wunderschönes Leben. Das kann man mit nichts auf dieser Welt vergleichen", sagt Heppenheimer. In ihrem Wohnwagen fühle sie sich bis heute wohler als in ihrem Haus in Haar.

Margot Heppenheimer rollt ihr "r" auf die Weise, wie man es aus Filmen kennt, die in der Nachkriegszeit spielen. Ihre Lippen sind rot geschminkt, in ihrem dunklen Haar steckt eine Perlen-Spange und ihre Bluse hat weiße Rüschen, die nach Wilder Westen aussehen. Dazu trägt sie Jeans und einen Gürtel mit einer silbernen Pferde-Schnalle. Sie steht in ihrem Wohnwagen, ein kleiner weißer, die Art, mit der Familien in den Urlaub fahren. Die nächsten zwei Stunden, so lange wie das Interview dauert, wird sie sich auch nicht hinsetzen. Margot Heppenheimer blättert weiter durch das Fotoalbum - zu Fotos von Ponys, die in Sesseln sitzen, Hündchen, die Männchen machen und Affen mit Hütchen, die Mensch-ärger-dich-nicht spielen.

Und schließlich zu einer jungen Frau in einem hellen Kleid mit dunkler Spitze, mit schwarzen Handschuhen und Hut. "Ja, und das bin ich", sagt Margot Heppenheimer. Sie ist die "Hohe Schule" geritten, so nennt man die Pferdedressur des höchsten Schwierigkeitsgrades. Und außerdem machte sie auf einem Drahtseil Akrobatik. "Ich war ja schließlich die Tochter." Und ihre Großmutter sei die Baroness von Winkler, die sich - zum Ärger ihrer Eltern - in den "stärksten Mann der Welt" verliebte, mit ihm elf Kinder zeugte, von denen einer Margot Heppenheimers Vater war. An der Wohnwagenwand über der Küchenarbeitsplatte hängen Fotos von ihm - mit Zigarre und Hut, wie er zwei weiße Pferde mit schwarzen Punkten streichelt.

Herr Costa und die fliegenden "San Diegos"

Beim Zirkus lernte Margot Heppenheimer ihren Mann, den "Herrn Costa" kennen. Früher der Fänger in einer Gruppe von sechs Luftakrobaten, die sich die "San Diegos" nannten, heute ein 85 Jahre alter Mann, mit weißem Haar, vielleicht 1,50 Meter groß, der auf der Eckbank in dem Wohnwagen Platz genommen hat. Mit ganzen Namen heißt er Julio Costa und kommt ursprünglich aus Italien. Zusammen mit ihrem Boxer Tino fahren er und Margot Heppenheimer den ganzen Sommer über von Volksfest zu Volksfest und im Winter noch zum Altöttinger Weihnachtsmarkt. Dort haben sie keinen Schießstand, sondern eine Maronibude. Den Winter verbringen sie sonst in ihrem Haus in Haar. "Aber sobald es Frühling wird, werde ich ganz kribbelig und möchte wieder rausfahren", sagt Heppenheimer. Wenn man das Paar fragt, ob das Leben im Wohnwagen nicht langsam etwas beschwerlich wird, wenn man älter als 80 ist, winkt es ab. "Wenn man es doch nicht anders gewöhnt ist, Fräulein", sagt sie. "Ich brauch keinen Luxus - bloß einen Tisch, einen Stuhl, ein Bett", sagt er. Und dann sagen beide: "Ja, was sollen wir denn sonst machen? Zuhause sitzen und Fernseher schauen?"

1963 verschenkten Margot Heppenheimers Eltern die Affen, den Elefanten, den Löwen, die Hunde und die dressierten Schweine. Der Zirkus Heppenheimer war Geschichte. Die Menschen saßen jetzt lieber vor dem Fernseher als im Zirkus, sagt Margot Heppenheimer. Von nun an verdiente ihre Familie ihr Geld mit einer Reitbahn. Jedes Jahr bis 2014 bauten sie die Bahn auf dem "schönsten Volksfest der Welt" auf, wie Heppenheimer die Wiesn nennt. Dann verschenkte sie die Pferde und Ponys - die Tiere wurden zu viel Arbeit, das Futter zu teuer und tierliebe Pfleger ließen sich immer schwerer finden. "Alle, denen ich ein Pferd schenkte, mussten unterschreiben, dass sie die Tiere gut behandeln", sagt Heppenheimer. Seitdem sind sie und Julio Costa mit ihrer Schießbude unterwegs. Das sei zwar nicht mit der Rennbahn vergleichbar und schon gar nicht mit dem Zirkus, aber Spaß mache es ihnen trotzdem.

Margot Heppenheimer ritt im Zirkus ihrer Eltern die "Hohe Schule" und tanzte auf dem Drahtseil.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wenn junge Kerle für ihre Freundinnen etwas schießen möchten, aber nichts treffen, stecke sie den Damen manchmal eine Plastikblume zu, erzählt Heppenheimer. "Haben Sie nicht hingeschaut, sage ich dann. Er hat doch alles abgeräumt."