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Schauspielschule:Steiniger Weg zum Traumjob

Die Karriere im Blick: Unterhachinger Schauspielschülerinnen Marla Friesewinkel (links) und Melanie Schlüchtermann.

(Foto: Claus Schunk)

Marla Friesewinkel und Melanie Schlüchtermann absolvieren an der München Film Akademie in Unterhaching ihre Ausbildung zur Schauspielerin. Die Chancen sind gering, einmal von ihrem Beruf leben zu können

Von Pauline Deichelmann, Unterhaching

Ein Kreis aus Salz liegt auf der Bühne. Darin ein rosafarbiges Hemd. Elektra trauert um ihren toten Vater, dem das Kleidungsstück gehörte. Er wurde von der Mutter und deren Liebhaber ermordet. Elektra ist in einem Keller eingesperrt und plant, die Mutter aus Rache umzubringen. Doch ihre Schwester will sie daran hindern, sie ist auf der Seite der Mutter, denkt rational. Ein Streit zwischen den Schwestern entbrennt.

Das ist die Szene, die sich auf der Werkstattbühne der München Film Akademie (MFA) in Unterhaching abspielt. Dozentin Alexandra Haasbach gibt letzte Tipps zur Verbesserung der Szene. "Wenn du sie anschreist, gib' nicht noch mehr Gas, sonst kracht dir die Stimme weg", sagt die Dozentin. Auf der Bühne stehen Marla Friesewinkel und Melanie Schlüchtermann. Beide sind im dritten Ausbildungsjahr und proben für einen szenischen Abend mit klassischen Stücken.

Für die beiden jungen Frauen stand schon früh fest, dass sie Schauspielerin werden wollen. Bereits im Teenageralter sammelten sie erste Erfahrungen auf der Bühne. Wenn man ihnen gegenüber sitzt, wird klar, wie sehr sie für ihr Handwerk brennen. Beide können sich nichts anderes vorstellen. "Ich bin einfach glücklich, wenn ich auf der Bühne stehe", sagt Melanie Schlüchtermann. Bei ihr wurde vor einigen Jahren ADHS diagnostiziert. Durch die Schauspielerei hat sie gelernt, damit umzugehen. Für Marla Friesewinkel liegt der Reiz darin, eine Rolle mit Leben zu füllen und ihr einen eigenen Charakter zu geben.

Schauspieler ist immer noch der Traumberuf für viele: im Rampenlicht auf einer großen Bühne oder vor der Kamera zu stehen. An staatlichen Schauspielschulen wie der Theaterakademie August Everding im Münchner Osten bewerben sich mehrere hunderte Interessierte auf 15 bis 20 freie Plätze pro Semester. Die München Film Akademie in Unterhaching gehört zu den privaten Schauspielschulen. Hier kostet die Ausbildung 425 Euro im Monat. Dazu kommt eine Vorauszahlung von rund 2000 Euro. Damit liegt die Schule im preislichen Mittelfeld, verglichen mit anderen privaten Einrichtungen. Trotzdem entscheiden sich viele für eine Ausbildung an genau dieser Schule. Mehr als 200 Bewerber haben sie jedes Jahr, nur 28 können aufgenommen werden. Schulleiter Lou Binder hat sich bewusst gegen ein klassisches Vorsprechen mit Monologen und Gedichten entschieden. Er veranstaltet als Aufnahmeprüfung einen Wochenendworkshop mit verschiedenen Stationen für die Bewerber. Außerdem müssen sie einen kleinen Text auswendig lernen. "So kann ich die Motivation und den Willen der Bewerber viel besser spüren und sehe, wer es wirklich will", sagt Binder.

Jeder dritte Schauspieler ist arbeitslos, und selbst diejenigen, die in einer Beschäftigung sind, haben meist nur Kurzzeitengagements oder sind in kleinen Rollen im Fernsehen zu sehen. Gut leben können davon nur die wenigsten. Friesewinkel und Schlüchtermann hat das nie abgeschreckt. "Ich habe mir einen Zeitraum von 15 Jahren gesetzt. Wenn ich es bis dahin nicht geschafft habe, davon zu leben, lasse ich es sein", sagt Friesewinkel. Beide haben im Moment eher andere Sorgen. "Ich habe Angst davor, dass das alles mal ein Ende hat. Ich fühle mich hier so wohl und geborgen."

Frauen haben es tendenziell etwas schwerer, an einer Schauspielschule genommen zu werden. Sie sind oft in der Überzahl. Weil es aber am Theater mehr männliche Rollen zu besetzen gibt, werden mehr Plätze an männliche Kandidaten vergeben. Aber auch für die ist es schwer, aus der Masse herauszustechen. "Staatlich anerkannteR SchauspielerIn" so heißt der Abschluss, den jährlich hunderte junge Menschen erwerben. 56 private und 15 staatliche Schauspielschulen gibt es in Deutschland. Besonders Abgänger der privaten Schulen haben nach der Ausbildung Probleme, viele Intendanten hielten den Abschluss an Privatschulen für weniger wertig, sagt Melanie Schlüchtermann. "Beim Film ist das anders." Dafür sei hier die Konkurrenz größer, denn Schauspieler ist kein geschützter Beruf, und gerade beim Film hätten es schon viele ohne Ausbildung geschafft.

Trotz des breiten Angebots an Schulen haben sich beide nur an der MFA beworben. Der Filmaspekt und die große Bandbreite an Dozenten reizte die Schülerinnen. Natürlich seien auch staatliche Schauspielhochschulen ein Thema gewesen, aber aufgrund des für Sie etwas altmodischen Unterrichts entschieden sie sich dagegen. "An jeder Hochschule wird hauptsächlich auf Theater geschult und es wird noch Fechten unterrichtet", sagt Friesewinkel. Dabei seien heute andere Kampftechniken mehr gefragt.

Nach ihrer Ausbildung wollen beide eher Richtung Film gehen. Marla Friesewinkel will es auch im internationalen Business schaffen, Melanie Schlüchtermann sieht ihr späteres Arbeitsleben eher in der Vielseitigkeit des Berufs. "Man kann Coachings für selbstbewusstes Auftreten geben oder selbst Dozentin werden", sagt sie. Eines stellen beide klar: Die Schauspielschule sei trotz aller Höhen und Tiefen die richtige Entscheidung.

© SZ vom 16.11.2019

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