Schon zur Zeit von Prinzregent Luitpold von Bayern fuhr die Isartalbahn durch die Gemeinde Schäftlarn. Kurz nach 1900 gab es sogar eine Autobusstation, und die herrlich gelegene, bäuerlich geprägte Gemeinde zog bald darauf eine städtische Bevölkerung an. So entstanden die ersten Villen, Gastwirtschaften, Sanatorien und Pensionen in Ebenhausen, die den Sommerfrischlern Erholung und Unterkunft boten.
„Mich hat die Entwicklung der Gemeinde Schäftlarn zwischen 1900 und 1950 interessiert. Drei politische Systeme – Monarchie, Republik und Diktatur – haben deutliche Spuren im Gemeindeleben hinterlassen“, sagt Dagmar Bäuml-Stosiek. Jahrzehntelang hat sie sich mit der Historie ihrer Heimatgemeinde beschäftigt. Als die Lehrerin, die unter anderem Geschichte unterrichtete, in Pension ging, fasste sie ihr Wissen in dem Buch „Schäftlarn – zwischen Kuhdorf und Kurort“ zusammen.
Sie beschreibt darin die vielschichtige Entwicklung in einer Gemeinde angesichts der Herausforderungen, welche die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts für den ländlichen Raum in Großstadtnähe mit sich brachte. Sie zeigt, wie sich bäuerliche und bürgerliche Akteure in den Jahren der Monarchie, der Republik und der Diktatur auf die Verhältnisse einstellten, gegen sie opponierten oder sie jeweils vorantrieben, und gibt damit ein Beispiel für soziales und politisches Handeln auf dem Land, während die Welt sich im Umbruch befand. Immer wieder verweist sie auch auf die unterschiedliche Sozialstruktur in den Dörfern der Gemeinde Schäftlarn: das bäuerliche Leben in Hohenschäftlarn und das bürgerliche Leben der Villenbesitzer in Ebenhausen.

Für die Gemeinde ist es beachtlich, dass sich die Einwohnerzahl zwischen 1850 und 1900 verdoppelt hat. „Es kamen viele Kinder auf die Welt, Hohenschäftlarn ist in dieser Zeit am stärksten gewachsen“, erklärt Dagmar Bäuml-Stosiek bei einem Rundgang, der am früheren Schulhaus in dem Ortsteil beginnt. Bevor es gebaut wurde, besuchten die Kinder aus den sieben Siedlungen der Gemeinde die Schule gegenüber der Klosterkirche, die zu dieser Zeit aus allen Nähten platzte. In der Folge entbrannte ein heftiger Streit über den Standort eines Neubaus. Die Regierung von Oberbayern schlichtete den Zwist. „Das ist insofern interessant, als das Gemeindeedikt von 1818 besagt, dass solche Entscheidungen zur kommunalen Selbstverwaltung gehören. Die Regierung entschied, dass das neue Schulhaus in Hohenschäftlarn gebaut werden sollte“, erläutert Bäuml-Stosiek.
1907 wurde das Schulhaus fertiggestellt. Es beherbergte damals neben der Schule auch einen Raum für die Gemeindeverwaltung. Bäuml-Stosiek holt einen Grundrissplan aus ihrer Tasche. „Anfangs gab es keine Räume für die Bearbeitung der Gemeindeangelegenheiten“, erläutert sie. Der Bürgermeister habe die Gemeindekasse und den Schlüssel aufbewahrt, der Lehrer die Beratungen unter den Gemeinderäten und Ortsvorstehern protokolliert, und die Protokolle habe man privat aufgehoben. „Erst zu Beginn des neuen Jahrhunderts wurde den Akteuren in der Gemeindeverwaltung ihre wachsende Verantwortung bewusst“, sagt Bäuml-Stosiek.

Die landwirtschaftliche Prägung Hohenschäftlarns zeigt sich besonders im Oberdorf. Ein paar Stufen führen hinauf zum Neuchl-Anwesen. Der Hausname lautet Stallwastlgütl, in dem heute das Heimatmuseum untergebracht ist. Prächtiger Blumenschmuck ziert im Frühjahr und Sommer das Anwesen. „Der Bauer auf dem Stallwastlgütl bewirtschaftete fast fünf Hektar. Er hatte wenige Kühe und einen Ochsen. Nebenbei verdingte er sich als Holz- und Stallknecht im Kloster Schäftlarn, das zu den größten Arbeitgebern in der Gemeinde gehörte“, erklärt Bäuml-Stosiek. Die meisten Bauern waren im Nebenerwerb tätig und Selbstversorger.
Ein paar Schritte weiter auf der anderen Straßenseite steht der „Selcherhof“. Dieser Hof war mit mehr als 70 Hektar einer der größten. Auch wenn in Hohenschäftlarn um 1900 einige neue Landhäuser errichtet wurden, waren die Sozialstruktur und das Wirtschaftsleben doch überwiegend von bäuerlicher Nutzung geprägt. „Als um 1900 im Nachbardorf Ebenhausen die Villen und Sanatorien emporwuchsen, bezeichneten die Hohenschäftlarner ihr Dorf als ‚Kuhdorf‘, das dem ‚Kurort‘ Ebenhausen auf dem Höhenrücken in Sichtweite gegenüberliegt“, sagt Dagmar Bäuml-Stosiek und lacht.

Der Dorfrundgang führt rechts am Maibaum vorbei in die Schorner Straße. Dort fällt die einstige Villa Elisabeth auf, die im Ersten Weltkrieg ein Erholungsheim beherbergte. Heute ist in gelben Lettern „Bäckerei“ auf den Erker geschrieben. In dem historischen Gebäude befindet sich die Bäckerei Valent.
Wer ein paar Schritte die Schorner Straße hinunterläuft, stößt auf die Starnberger Straße. Unauffällig befindet sich hier ein von Linden gesäumter Parkplatz. An dieser Stelle stand früher das Gasthaus von Georg Reindl mit einem Kastaniengarten. In den oberen Räumen war seit 1934 die Gemeindeverwaltung untergebracht. „Endlich hatte man genug Platz. Bezeichnend ist, dass dies just in dem Moment geschah, als die kommunale Selbstverwaltung im Rahmen der Gleichschaltungspolitik der Diktatur aufgehoben wurde“, betont Dagmar Bäuml-Stosiek. Zu dieser Zeit wehte die Hakenkreuzfahne auf dem Dach.

Für die Bauern bedeutete die Nazi-Zeit, dass sie ihre Erträge steigern sollten. Ziel der Nationalsozialisten war es, eine autarke Lebensmittelversorgung zu gewährleisten. Erträge und Milchleistungen wurden überprüft. Dies spitzte sich in den Kriegsjahren derart zu, dass die Kontrollen unerbittlich wurden: Zentrifugen und Butterfässer wurden beschlagnahmt, damit die Bauern ihre Milch nicht mehr zu Butter verarbeiten und für den Eigenbedarf zurückhalten konnten. „Das Vorgehen der Nazis führte zu solchen Protesten, dass diese Maßnahmen wieder zurückgenommen werden mussten“, berichtet Bäuml-Stosiek.
Am 30. April 1945 war die NS-Diktatur auch in Schäftlarn vorbei. Amerikanische Panzer rollten die Schorner Straße hinunter. „Die Besatzer stürmten die Gemeindeverwaltung, nahmen die Hakenkreuzfahne ab und warfen sie in den Misthaufen des gegenüberliegenden Bauernhofs“, sagt Bäuml-Stosiek. Das Gebäude mit dem Gasthaus und der Gemeindeverwaltung wurde 1978 abgerissen, um die Kurve dort für den Verkehr zu entschärfen.

