Schäffler:Der Tanz ihres Lebens

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Schäffler: Die Ismaninger Schäffler tanzen vor der Polizeiinspektion.

Die Ismaninger Schäffler tanzen vor der Polizeiinspektion.

(Foto: Stephan Rumpf)

Disziplin, gute Nerven und Trinkfestigkeit - das Schäfflerdasein ist anstrengend. Ein Tag mit der Ismaninger Truppe, die im Fasching viele Menschen glücklich macht.

Von Sabine Wejsada

Schuhe nicht geputzt? Kostet fünf Euro. Nicht rasiert? Ebenso. Sich verspäten? Pro Minute wird ein Euro fällig. Zu früh aufs Fass geschlagen? Oje, das macht für jeden noch einmal fünf Euro. Die Geldbußen der Ismaninger Schäffler und ihrer fünf Kasperl sind exakt festgelegt und werden ohne Murren bezahlt, wenn sich einer in der Zeit vertut oder über die eigenen Füße fällt.

Am Ende einer langen Faschingssaison sind die Strafkassen durchaus gut gefüllt. Denn passieren kann ja immer etwas angesichts der mehr als 300 Auftritte, die heuer von 25 Schäfflern und fünf Kasperln des Bauerntheaters Ismaning absolviert werden. Getanzt wird seit dem 6. Januar, immer donnerstags bis sonntags ist die Truppe unterwegs, begleitet von jeweils bis zu 20 Musikern der Feldkirchner Blaskapelle, die sich seit zwei Jahrzehnten mit den Ismaningern bestens verbunden fühlen und mit ihnen im eigens gecharterten Schäffler-Bus durch den Landkreis München fahren.

2019 ist ein Schäfflerjahr und die jungen Männer in Kasperlkostüm oder roter Fassmacher-Uniform geben alles, um ihr Publikum zu erfreuen und zu unterhalten. Bei den Gastspielen in Kindergärten, Schulen, kommunalen Einrichtungen, Seniorenheimen, Bauernhöfen und bei Firmen sowie Privatleuten wird nicht nur einfach gejuxt und getanzt. Das Schäfflerleben erfordert Disziplin, Standvermögen, gute Nerven und Flexibilität.

Der Reifenschwinger, also jener Tänzer, der auf dem Fass stehend den Holzreifen durch die Luft wirbelt, in dem ein volles Schnapsglas versenkt ist, dankt für die Einladung mit schnell einstudierten Zeilen über den Gastgeber. Diesem werden beste Wünsche in Reimform und etwas Hochprozentiges serviert. Überhaupt schadet es nicht, als Schäffler trinkfest zu sein, einen empfindlichen Magen sollte man auch nicht haben - angesichts der obligatorischen Brotzeit, die von den Besuchten bereitet wird. Brezen, Weißwürste, Leberkäse gehören so gut wie zu jedem Dankeschön-Buffet.

Normalerweise wird unter freiem Himmel getanzt und musiziert, doch dieser strahlend schöne, wenn auch kalte Tag beginnt für die Ismaninger Schäffler in altehrwürdigen Gemäuern: Gleich in der Früh beglücken sie den Bayerischen Landtag mit ihrer Vorstellung: Auf Einladung des Stimmkreisabgeordneten Nikolaus Kraus von den Freien Wählern ist das Maximilianeum die erste Station für die Truppe. "Das ist für uns auch etwas Besonderes", sagt Max Kraus, der die Termine ausmacht und koordiniert - und für die Freien Wähler im Kreistag sitzt.

Auf seinen Wangen prangen bunte Herzerl, wie sie die Kasperl auch Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) und allen anderen Zuschauern aufmalen. Anstelle der früheren rußigen Nasenspitzen verpassen die Ismaninger Kasperl dem Publikum blaue, grüne, rote und orangefarbene Glückssymbole.

Wer mitmachen will, muss Mitglied beim Bauerntheater sein

Chef der schön geschminkten Kasperl ist Josef Kienast, 31, der zusammen mit seinen Kollegen im Laufe einer Saison nicht nur Tausende von Herzerl zeichnet, sondern auch gut und gerne 30 Kilogramm Bonbons unter die Leute bringt. Die Kasperl sind es auch, die für die spontane Gestaltung der Auftritte zuständig sind und als humorvoller Sidekick der traditionellen Schäffler gelten.

Im Kindergarten an der Camerloherstraße, einer der zehn Stationen an diesem Tag, robben sie als bunter Bandwurm durch den Sandkasten, was die Buben und Mädchen herzhaft zum Lachen bringt; beim Auftritt auf dem großen Platz vor dem Ismaninger Allianz-Zentrum für Technik lässt sich einer der lustigen Burschen in einer Tonne auf einem Gabelstapler in die Höhe fahren, um das vom auf dem Fass stehenden Schäffler traditionell über die Schulter geworfene Schnapsglas mit seinem Hut aufzufangen. Gelingt nicht ganz, wird aber nach den Worten von Max Kraus nicht mit einer Strafe belegt.

Schon der Vater von Oberkasperl Josef Kienast gehörte als Vortänzer den Ismaninger Schäfflern an, der Opa übrigens auch. Überhaupt sieht es so aus, als ob das Schäfflersein Familiensache ist. Terminchef Max Kraus, 55, war 1984, 1991 und 1998 selber Tänzer in Fassmacher-Uniform, heuer drehen sich seine beiden Söhne im Kreis: Für Max, den älteren, ist es bereits die zweite Schäfflersaison, Simon gibt 2019 seinen Einstand. Eine geschlossene Gesellschaft sei man keineswegs, sagt Kienast. Voraussetzung, in Ismaning beim Schäfflertanz mitzumachen, ist eine Mitgliedschaft beim örtlichen Bauerntheater.

Eine eingeschworene Gemeinschaft sind Schäffler, Kasperl und Musikanten allerdings schon. Im Tour-Bus hat jeder seinen Platz, Fahrer Alexander Vogel ist auch ein Schäffler. Wenn die Ismaninger von einem Auftrittsort zum anderen fahren, laufen eigens aufgenommene Songs, bei längeren Fahrten greifen die Musiker aus Feldkirchen zu ihren Instrumenten.

Stephanie Theel, 35, spielt Tuba und hat sichtlich Spaß an den Auftritten. Seit 1998 ist sie mit den Ismaningern auf Tour. Ganz schön jung war sie damals in ihrem ersten Schäfflerjahr, 15, aber eben auch familiär "vorbelastet", weil der Vater schon musikalischer Begleiter war. Könnte also schon sein, dass der Schäfflertanz am Ende dann doch etwas mit den Genen zu tun hat.

Als Nächstes steht der Besuch bei der Polizeiinspektion in Ismaning an. Die Zufahrt ist abgesperrt, viele Uniformierte und zahlreiche Schaulustige warten auf die Tänzer. Und sogar die Autos halten, wenn sich der lange Zug mit Musikanten, rot-schwarz gewandeten Tänzern mit ihren Buchs-Girlanden und bunten Gesellen am Straßenrand in Gang setzt, um anschließend die Senioren im Bürgerstift gegenüber zu unterhalten. Dort wird zu den Klängen der volkstümlichen Traditionsmelodie "Aber heit is koid" von den älteren Herrschaften kräftig mitgesungen und geklatscht. Nach dem Auftritt gibt es Kaffee und Tee zum Aufwärmen. Zum ersten Mal an diesem langen Tanz-Tag, der noch nicht zu Ende ist.

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