Süddeutsche Zeitung

Sauerlach:Tonis Kanten für Berlin

Die Grünen nominieren Anton Hofreiter einstimmig als Direktkandidaten für den Bundestag. In den nächsten Wochen entscheidet sich, ob der Sauerlacher auch Spitzenkandidat der Partei wird

Von Martin Mühlfenzl, Sauerlach

Nein, nach Veggie-Day sieht Anton Hofreiter immer noch nicht aus - und will es auch nicht. Der Sauerlacher, der mit seiner langen blonden Mähne und dem Janker irgendwie eine Mischung aus Surferboy und oberbayerischem Stammtischbruder verkörpert, ist zwar Grüner, aber bekennender Fleischesser. Obwohl er sich vehement gegen Massentierhaltung und für einen Umstieg auf die ökologische Landwirtschaft einsetzt. Der Toni, so sein Rufname, ist auch Realist. Ein Pragmatiker, aber kein konservativer Realo wie Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer oder Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, bei denen angesichts ihrer intern teils heftig umstrittenen Ansichten ab und an angezweifelt werden muss, ob sie derselben Partei angehören wie der Toni.

Pragmatisch wie Hofreiter nun also ist, macht er kur vor seiner Nominierung zum Direktkandidaten seiner Partei im Wahlkreis München-Land sehr deutlich, was er sich für den Bundestagswahlkampf im kommenden Herbst nicht mehr wünscht. Eine "absurde" Forderung wie jene nach einem Veggie-Day in Deutschlands Kantinen; und zweitens die Festlegung auf ein Steuerkonzept, das seiner Partei nur erneut Schaden zufügen würde. Denn Hofreiter weiß, dass es eher nicht die Surfer und Stammtischbrüder sind, die Grün wählen, sondern gut situierte Bildungsbürger und Städter. Und denen wollte die Partei im Wahlkampf 2013 mit der Forderung nach einem Einkommenssteuersatz von 45 Prozent ab einem jährlichen Gehalt von 60 000 Euro an den Geldbeutel. "Solche Diskussionen dürfen wir nicht noch einmal führen", sagt Hofreiter mit Blick auf die damaligen Kontroversen innerhalb der eigenen Partei - aber vor allem auch in der Öffentlichkeit.

Das kommt gut an bei den 33 Grünen, die Hofreiter am Mittwochabend im Eine-Welt-Haus in München wie selbstverständlich einstimmig zu ihrem Direktkandidaten für den Wahlkreis München-Land wählen. Was sollten sie auch sonst tun, ein prominenteres Gesicht hatten die Grünen hier noch nie. Der Toni ist für seine Fans aus der Heimat der Malocher, der sich aus dem Sauerlacher Gemeinderat bis an die Spitze der Bundestagsfraktion hochgearbeitet hat. Ein uriger Typ mit Ecken und Kanten, der sich von den aalglatten Politikrobotern in Berlin auf sympathische und authentische Art und Weise abhebt. So zumindest sehen sie ihn hier im Landkreis.

"Ich bin ein kantiger Typ. Und genau das ist in diesem schwierigen Wahlkampf gefragt", sagt Hofreiter selbst auf die Frage, was ihn denn von seinen Kontrahenten unterscheidet. Denn der 46-Jährige befindet sich gewissermaßen schon im internen Dauer-Wahlkampf. Noch bis zum 13. Januar können die Mitglieder bei ihrer Urwahl abstimmen, wer den männlichen Part in der Doppelspitze übernehmen soll, die die Partei in den Bundestagswahlkampf führen soll: Hofreiter konkurriert dabei mit Parteichef Cem Özdemir und dem schleswig-holsteinischen Umweltminister Robert Habeck. Über die beiden würde er nie etwas Schlechtes sagen, betont Hofreiter: "Das haben wir vereinbart." Seine Kanten sollen für ihn sprechen. Die will er auch an diesem Wochenende auspacken, wenn in Augsburg die Landespartei ihre Liste für die Bundestagswahl aufstellt. Allerdings wird er keine Krallen ausfahren müssen - es gilt als sicher, dass Hofreiter Platz zwei hinter der Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth zugesprochen bekommt.

Stellt sich also die Frage, was Hofreiter nach der Wahl will. Welche Koalition? Ein Ministeramt - vielleicht das Ressort Umwelt? Oder wieder die Fraktionsspitze gemeinsam mit seiner Kollegin Katrin Göring-Eckardt? Farben- und Zahlenspiele seien das, sagt Hofreiter. "Wir müssen sehen, mit wem wir grüne Inhalte am besten durchbringen können." Und die sind aus seiner Sicht klar und schnell umrissen: Der Zusammenhalt der Gesellschaft und der Kampf gegen Rechtspopulisten. Eine ökologische und nachhaltige Landwirtschaft und der Ausstieg aus der Kohle. Die Modernisierung der EU. "Das geht nur, wenn wir Vertrauen zurückgewinnen", sagt Hofreiter. "Es muss gerechter in unserer Gesellschaft zugehen. Der Buchhändler kann nicht verstehen, dass er ehrlich seine Steuern zahlt. Und Amazon überhaupt keine." Und nebenbei, sagt Hofreiter, müssten die Grünen auch noch die Autoindustrie und deren Arbeitsplätze retten - mit dem Umstieg auf emissionsfreie Antriebe.

Seine Freunde im Landkreis muss der Sauerlacher nicht mehr überzeugen. Sondern die Grünen in Bayern und im Bund. Dann könnte der Aufstieg weitergehen.

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Quelle:
SZ vom 09.12.2016
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