Bittgänger und Pferdebesitzer, tiefgläubige Katholiken und vermutlich auch Schaulustige, die religiös eher unmusikalisch sind – sie alle machen sich jedes Jahr am 26. Juli zu Fuß auf, im Sattel oder auf dem Kutschbock, zu einer abgelegenen Waldkapelle im Deisenhofener Forst. Besonders bei schönem Wetter ist das Waldstück nordwestlich von Sauerlach von Wallfahrern und Besuchern gesäumt. Tausende pilgern dann zur St.-Anna-Kapelle in Staucharting, um dort erst einen Festgottesdienst im Freien zu feiern und danach die große Umfahrt und Segnung der Pferdegespanne und Reitpferde zu erleben, welche das Kirchlein mehrfach umrunden. Prächtig geschmückte Tiere, aber auch viele in Tracht gewandete Kinder und Erwachsene verleihen der weihevollen Atmosphäre die passende Optik.
Das St.-Anna-Fest am Namenstag der Heiligen ist heuer ins bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen worden. An diesem Mittwoch, 24. Juni, wird es nun zusammen mit anderen „kulturellen Ausdrucksformen“ wie dem „Wolfauslassen“ im Bayerischen Wald, dem Varieté-Theater „Auf geht’s beim Schichtl“ am Oktoberfest, dem Hopfenanbau in Deutschland oder der Künstlervereinigung Dachau in der Münchner Residenz mit einer entsprechenden Urkunde aus den Händen von Finanz- und Heimatminister Albert Füracker (CSU) ausgezeichnet.
„Für Sauerlach ist das immer ein Tag voller Freude“, sagt Bürgermeister Michael Hohenleitner (CSU), „ein schönes, traditionelles Fest mit Wallfahrt-Charakter“. Und das soll auch so nach der Aufnahme in die Kulturerbe-Liste so erhalten bleiben. Die Befürchtung, dass künftig vielleicht zu viele Besucher durch die neue Aufmerksamkeit kommen oder sich gar ein überambitionierter Volksfestcharakter entwickeln könnte, hegt Hohenleitner nicht. „Die schauen jetzt ja nicht alle auf einmal in diese Liste.“ Die wesentlichen Protagonisten bleiben wohl kirchliche Vertreter, Wallfahrer und Pferdefreunde, die aus den umliegenden Orten und Weilern wie Sauerlach, Arget, Oberbiberg und Deisenhofen nach Staucharting kommen. Diverse Vereine und ihre Mitglieder sowie die Gemeinde Sauerlach zeichnen darüber hinaus für das Gelingen des Festes verantwortlich. Die Sauerlacher Entourage am Mittwoch in der Münchner Residenz wird rund ein Dutzend geladene Gäste umfassen.
Die Auszeichnungsveranstaltung ist in der Münchner Residenz
Die 1692/93 von Melchior Seidl errichtete Kapelle in Staucharting, die zehn Jahre später erweitert wurde, ist der Heiligen Anna gewidmet, die als Mutter Marias und somit als Großmutter Jesu angesehen wird. Sie gilt laut Wikipedia als Schutzheilige der Ehefrauen, Bergleute, Schiffer, Beschützerin der Armen und Helferin gegen Gewitter. Entsprechend besorgen sich findige Besucher in Staucharting auch geweihte Wetterkerzen. Was manch guter bayerischer Katholik womöglich nicht weiß: In gewisser Weise spielt die heilige Anna auch eine Rolle für die Reformationsgeschichte. Der junge Martin Luther soll jedenfalls, als er auf offenem Feld 1505 bei Erfurt von einem schweren Gewitter überrascht wurde, sie in Todesangst um Hilfe gebeten und dafür sein Gelübde abgelegt haben: „Ich will ein Mönch werden.“
Nun, unabhängig davon, avancierte die Kapelle schon bald nach ihrer Errichtung zu einem Wallfahrtsort. Staucharting war lange eine Schwaige, wo Schweine gehalten wurden. Vor mehr als 150 Jahren verkaufte Hans Portenlenger, der letzte Schwaiger, das Anwesen an die bayerische Krone. Die Kapelle jedoch wurde nicht abgerissen, sondern blieb bestehen. In ihr waren früher mehr als hundert Votivtafeln. Freilich besuchten im Laufe der Zeit auch immer wieder „unheilige“ Gestalten mit krimineller Energie das Kirchlein. Bei einem Einbruch 1971 wurden gar Teile des Altars herausgerissen, Figuren entwendet und der größte Teil der Votivtafeln gestohlen. Der Diebstahl konnte nie aufgeklärt werden. Drei Tafeln von Staucharting sind heute im Bayerischen Nationalmuseum ausgestellt.

Das bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes umfasst derzeit 103 Einträge. Und dazu gehört jetzt auch das St.- Anna-Fest, das im Bewerbungsschreiben als „lebendiger Schatz“ bezeichnet wurde, den es zu schützen, zu fördern und sichtbar zu machen gelte.

