Süddeutsche Zeitung

Verkehr:Wenn das Wohnviertel zur Lkw-Falle wird

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Seit die Wolfratshausener Straße wegen Bauarbeiten gesperrt ist, herrscht Chaos in der Sauerlacher Spatzensiedlung. Weil die Umleitung schlecht ausgeschildert ist und Navis die Fahrer auf Nebenstraßen schicken, bleiben immer wieder Lastwagen dort stecken. Die Gemeinde bemüht sich um Nachbesserungen - doch bis die durchschlagen, kann es dauern.

Von Martin Mühlfenzl, Sauerlach

Mit einer ruhigen, aber bestimmten Handbewegung signalisiert die Polizistin der herannahenden Autofahrerin, dass sie stehen bleiben soll. Sekunden später hält der Wagen an der Kreuzung des Amsel- mit dem Elsternweg im Sauerlacher Westen, das Fenster auf der Fahrerseite wird heruntergelassen und eine etwas verdutzte Frau schaut heraus. "Sie sind aber nicht von hier", sagt die Polizeibeamtin. Leugnen ist zwecklos, denn das Bochumer Kennzeichen offenbart, dass sie keine Anliegerin ist - und daher die engen Seitenstraßen nicht befahren darf.

Am Dienstag haben auf der Wolfratshausener Straße die Bauarbeiten am Fernwärmenetz der Zukunfts-Energie Sauerlach begonnen. Und seit die Verkehrsader gesperrt ist, die den Ort von West nach Ost durchquert, liegen in der Gemeinde die Nerven blank. Denn die ersten Tage der Baustelle haben unter den Anwohnern insbesondere am Amselweg, dem Lerchenweg und dem Schelcherweg die Angst wachsen lassen, dass die kommenden Monate zur Hölle werden könnten.

Den Ärger bekam Bürgermeisterin Barbara Bogner (UBV) gleich am Abend nach Baubeginn auf der Bürgerversammlung ab. Bogner bezeichnete die Baustelle selbst als "Ärgernis". Schon am ersten Tag, so die Rathauschefin, habe sich gezeigt, dass es so nicht funktioniere. "Wir werden uns bemühen, dass es erträglich wird", sagte sie, um gleich darauf anzukündigen, dass die Arbeiten bis zum vierten und letzten Bauabschnitt in der Wolfratshausener Straße wohl eher bis Ende September als Ende August, wie eigentlich angekündigt, dauern könnten. Und dann schob Bogner noch hinterher: "Sie werden schon was aushalten müssen."

"Das müssen wir auch", sagt am Mittwochnachmittag ein Anwohner des Lerchenwegs. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen, im Rathaus aber habe er sich schon beschwert. "Autos und Lastwagen fahren alle trotzdem nach Sauerlach rein und weichen dann in unsere Wohnviertel aus, obwohl nur Anlieger rein dürfen", sagt er. "Das ist brandgefährlich, es gibt kaum Gehsteige." Das findet auch Bernhard Schneider, der ebenfalls in dem Spatzensiedlung genannten Viertel wohnt. "Das ist ein echtes Nadelöhr. Und hier sind viele Kinder, aber auch ältere Menschen unterwegs", sagte Schneider auf der Bürgerversammlung. Die Bürgermeisterin dürfe die Situation nicht herunterspielen. Schneider bat darum, sich die Situation noch mal anzuschauen - auch die Beschilderung in Endlhausen, denn die erkenne man kaum.

In dem Ortsteil der Gemeinde Egling im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen beginnt die Umleitung wegen der nur wenige Hundert Meter langen Baustelle in Sauerlach. An der Kreuzung der Staatsstraße 2070 mit der Staatsstraße 2368 sind zwar die Ortsangaben Sauerlach und Altkirchen durchgestrichen, wirklich gut zu sehen ist die Tafel aber nicht. Tatsächlich reichen ein paar Minuten, um festzustellen, dass kaum ein Fahrzeug auf die Ausweichroute über Oberbiberg und Oberhaching einbiegt. Wenige Kilometer weiter in Altkirchen werden die Warnungen schon eindringlicher. Dort versperrt eine nicht zu übersehende Straßensperre den Weg, garniert mit gleich drei Hinweisschildern: Umleitung zur A8, Anlieger frei, keine Wendemöglichkeit für Lkw. Auch am Sauerlacher Ortseingang steht eine Absperrung samt Warnhinweis.

Dennoch rauschen vor allem im morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr, aber auch tagsüber zahllose Fahrzeuge an den Barrieren vorbei. Handwerker aus ganz Bayern, Autos aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen und von deutlich weiter her, aber auch immer wieder tonnenschwere Lastwagen auf dem Weg zur Salzburger oder in umgekehrter Richtung zur Garmischer Autobahn bei Wolfratshausen.

Die Bauamtsleiterin spricht von "abenteuerlichen Szenen"

"Und die bleiben dann in Sauerlach stecken und können nicht mehr wenden", sagt die Sauerlacher Bauamtsleiterin Jeanette Schaffert. "Nur müssen wir die aus der Spatzensiedlung ja wieder irgendwie rausbekommen, und das dauert." An den ersten Tagen der Baustelle hätten sich in den Seitenstraßen "abenteuerliche Szenen" abgespielt, erzählt Schaffert, und im Rathaus habe das Telefon wegen empörter Anwohner nicht mehr stillgestanden. "Und das können wir verstehen. Vor allem für Schulkinder ist es hochgradig gefährlich."

Am Mittwochmorgen haben sich daher Vertreter der Gemeinde, darunter Schaffert, des Landratsamtes und der Polizeiinspektion Unterhaching bei einem Ortstermin getroffen, um nach Lösungen zu suchen. Nun soll laut Schaffert vor allem ein Problem angegangen werden. "Die Navi-Anbieter. Die Umleitungen müssen in den Diensten angezeigt werden", sagt sie, räumt aber ein, dass dies noch etwas dauern könne. Auch die Polizeibeamtin bestätigt, dass viele Autofahrer berichteten, ihnen würde das Navi den Weg durch die Seitenstraßen vorschlagen.

Laut Schaffert wird zudem überlegt, noch weiter außerhalb des Sauerlacher Gemeindegebietes, etwa direkt in Endlhausen, Baken auf der Fahrbahn aufzustellen, um so zu signalisieren, dass es hier nicht weitergeht. Eine Sprecherin des Münchner Landratsamtes ergänzt, dass die bestehende "Umleitungs- und Sperrbeschilderung aus allen Richtungen" erweitert werden solle. Im Sauerlacher Westen sollten zudem Vollsperrungen eingerichtet werden.

Wie lange die Unterhachinger Polizeibeamten noch in der Spatzensiedlung Dienst verrichten werden, ist nicht klar. "Aber wir können hier sicher keine zwei Wochen stehen", sagt die freundliche Beamtin, die mit ihrem Kollegen jedes Auto kontrolliert und auswärtige Fahrer auffordert, wieder umzudrehen. Und das an Tag zwei der Baustelle noch ohne Folgen. "Eigentlich hätte jeder, der kein Anlieger ist, 50 Euro Strafe zahlen müssen. Aber am Anfang waren wir jetzt noch kulant." Am Donnerstag aber wurde abkassiert.

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