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S-Bahn:Ausbau der S 7 nährt Hoffnungen in Pullach

Die Bahnschranken sind seit Jahrzehnten ein Ärgernis in Pullach.

(Foto: Claus Schunk)

Weil nach der Verlängerung bis Geretsried auf der Strecke Langzüge fahren sollen, müssen die Bahnsteige verlängert werden. Das könnte für eine Tieferlegung der Gleise genutzt werden.

Der Pullacher Agenda-Sprecher Bert Eisl erinnert sich noch gut an die Zeit Ende der Achtzigerjahre, da sich alle im Ort freuten, endlich von den Bahnschranken erlöst zu werden, die ihren Wohnort in zwei Hälften teilen. Bund und Bahn hatten bereits zugesagt, gemeinsam die Kosten für eine Tieferlegung der Gleise zu übernehmen, damals geschätzte 80 Millionen Mark. "Dann aber kam die Wiedervereinigung und plötzlich sollte Pullach alles alleine bezahlen", sagt Eisl heute. Die Pullacher Hoffnungen blieben auf der Strecke. Jetzt aber schöpft Eisl neuen Mut, genährt durch das Vorhaben der Bahn, die S 7 bis Geretsried fahren zu lassen. Seine Überlegung: Auf der verlängerten Trasse werde die Bahn wohl Langzüge einsetzen, dafür aber sind die Bahnsteige in Pullach zu kurz, ergo muss die Bahn dieses Problem auf eine andere Weise beheben. Kommt Pullach quasi als Trittbrettfahrer zu einem kreuzungsfreien Ausbau der Bahnstrecke in ihrem Ort? Womöglich.

Der Agenda-Sprecher hatte einen guten Riecher: Die bayerische Staatsregierung will das Thema tatsächlich zurück aufs Gleis bringen, jedenfalls hat sie die Deutsche Bahn dazu aufgefordert, für die Stationen Großhesselohe Isartalbahnhof, Pullach und Höllriegelskreuth Bahnsteigverlängerungen von bislang 140 Metern auf 210 Metern zu planen. Auf Anfrage teilte eine Sprecherin des Verkehrsministeriums mit, die notwendigen Planungen und die dafür erforderlichen Planungsmittel würden derzeit zwischen Freistaat und Bahn abgestimmt. Aufgrund des noch sehr frühen Stadiums der Maßnahmen ließen sich aber belastbare Aussagen zu Umfang, Kosten und Zeitplan noch nicht treffen.

Bert Eisl reagierte am Dienstag freudig auf die Nachricht aus dem Ministerium: "Das wäre bestechend", sagte er. Denn auch wenn eine Verlängerung der Bahnsteige beim ersten Hinsehen keine einzige Schranke beseitigt, sie könnte nach seinen Überlegungen der Türöffner für eine Tieferlegung der Gleise sein oder, wie er sagt, eine "super Vorlage" dafür. Eine oberirdische Verlängerung der Bahnsteige ist nämlich baulich nur schwer zu schaffen, zumal an den beiden Bahnübergängen an der Pater-Rupert-Mayer- und Bahnhofstraße sowie an der Münchener Straße.

Die Alternativen wären die Schließung eines der beiden Bahnübergänge oder der Bau einer Unterführung. Beides würde zu erheblichen Einschränkungen durch das notwendige Abbinden von Straßen in der betroffenen Umgebung führen, sagt Bert Eisl.

Seine Hoffnung, die Verlängerung der Bahnsteige könnte schließlich zu einer Tieferlegung der Trasse führen, teilt Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) indes nicht in gleichem Maße. Das größte Problem ist ihrer Meinung nach die räumliche Enge. Gerade während der Bauarbeiten bräuchte man dazu viel Platz, die Bahnlinie verliefe aber nah an Wohngebäuden und viele Grundstücksbesitzer müssten Fläche abtreten, gibt Tausendfreund zu bedenken.

Aber auch hinter der Finanzierbarkeit sieht sie ein großes Fragezeichen. Denn anders als etwa die Gemeinde Unterföhring, die für ihren 2005 eröffneten und 83,2 Millionen Euro teuren Tunnelbahnhof 64,8 Millionen aus eigener Tasche bezahlen konnte, ist die Gemeinde Pullach dazu nicht in der Lage. Zumal die Kosten vermutlich deutlich höher wären. Hier kann sich Pullach ein wenig an Geretsried orientieren. Laut einer aus dem Jahr 2015 erstellten Machbarkeitsstudie kostet die Tieferlegung der Gleise dort 200 Millionen Euro, und der Betrag dürfte heute ebenfalls deutlich höher sein.

Nicht zuletzt die Angst vor horrenden Kosten hat den Gemeinderat zuletzt auf Abstand zum Wunschprojekt gehen lassen. Im Ortsentwicklungsplan ist die Tieferlegung des Bahnhofs nur noch unter Priorität drei aufgelistet, die Handlungsempfehlung lautet: Eine Tieferlegung der S-Bahn in der Ortsmitte wird mittelfristig angestrebt. Im April 2018 fasste der Gemeinderat den Beschluss, die im Jahr 2007 gebildete Sonderrücklage "Bahn-Tieferlegung", die zu diesem Zeitpunkt auf 4,4 Millionen Euro angewachsen war, aus finanztechnischen Gründen aufzulösen, was Johannes Schuster von der Wählergruppe Wir in Pullach damals als "Beerdigung dritter Klasse" bezeichnete. Erst nach langer Debatte und der Zusicherung der Bürgermeisterin, es handle es sich wirklich nur um eine finanztechnische Maßnahme und damit sei die Tieferlegung des Bahnhofs nicht vom Tisch, fiel dieser Beschluss seinerzeit einstimmig.

© SZ vom 05.02.2020/wkr
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