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Rohstoff Holz:Brettspiele ohne Gewinner

Weil China und die USA den Weltmarkt leer kaufen, wird Holz hierzulande immer teurer. Das bekommen Schreiner und ihre Kunden zu spüren, Sägewerke profitieren von dem Preisanstieg nicht. Dabei wäre eigentlich genug vorhanden.

Von Bernhard Lohr und Martin Mühlfenzl

Holly, die quickfidele Hündin von Susanne Vordermaier, springt im Vorgarten am Besucher hoch. Rauf und runter geht es dieser Tage aber nicht nur im Vorgarten der Ottobrunnerin, die mit ihrem Mann Andreas eine Schreinerei führt. Schon beim Betreten des Unternehmens sagt Vordermaier den bemerkenswerten Satz: "Wir fühlen uns jeden Tag wie an der Börse." Das hat einen Grund: den eklatanten Mangel an Holz - und in der Folge immer weiter steigende Preise auf dem Holzmarkt, die kleine Unternehmen massiv treffen.

Eigentlich sind die Vordermaiers ganz gut durch die Corona-Krise gekommen. Die Inhaber des 92 Jahre alten Familienbetriebs konnten mit ihren sechs Angestellten durcharbeiten. Aber in der ersten Phase der Pandemie fehlten Aufträge. Die Kunden seien verunsichert gewesen, sagen die beiden Firmenchefs. Daher mussten sie Corona-Hilfen für ihre Schreinerei beantragen. Jetzt sind die Auftragsbücher wieder voll, doch es fehlt schlichtweg das Material. Nicht nur Hartholz, auch Spanplatten, Beschläge für die Türen und Glas - alles ist Mangelware. Nur an Edelhölzer komme man, sagt Vordermeier, die für die CSU im Ottobrunner Gemeinderat sitzt, aber von Aufträgen mit diesen Hölzern könne ein kleiner Betrieb nicht leben.

Sägewerk

Der Eindruck trügt: Holz ist aktuell Mangelware.

(Foto: Philipp von Ditfurth/dpa)

Schon im April warnte der Bundesverband der Deutschen Säge- und Holzindustrie, dass im Land der Rohstoff knapp werden könnte. Viel Holz wird aktuell ins Ausland exportiert - vor allem nach China und in die USA. Von einem "rasanten Wandel" in der Branche ist beim Bundesverband die Rede. Etwa 20 Millionen Festmeter Rund- und Schnittholz seien 2020 ins Ausland geliefert worden, das sind laut Branchenverband 80 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Das wirkt sich auf die kleinste Schreinerei aus.

Momentan könne es acht bis zehn Wochen nach Bestellung dauern, bis die Händler Lieferungen bearbeiten können, sagt Vordermaier, das habe natürlich Auswirkungen auf die Planungen. "Die Kunden verstehen es nicht, sie werden ungeduldig." Hinzu kommen die Unsicherheit und das Risiko weiter steigender Preise. "Der Kunde sagt was er will, wir machen ein Angebot, und zehn Tage später sind die Holzpreise um vier bis sechs Prozent gestiegen. Wie soll ich das dem Kunden erklären?" Die offiziellen Listen mit den Holzpreisen seien mittlerweile wertlos.

Sägewerksbesitzer Klaus Widmann.

(Foto: Claus Schunk)

Aber wieso ist Holz auf einmal knapp? Warum wird so viel exportiert? Vor gar nicht langer Zeit gab es Holz im Überfluss. Wegen trockener Sommer wütete der Borkenkäfer im Forst, Orkane rissen Schneisen in die Wälder. Viele Bäume mussten gefällt werden, um größere Schäden zu vermeiden. Die Bayerischen Staatsforsten ergriffen in ihrer Not zu außergewöhnlichen Maßnahmen. Der Holzpreis war wegen des Überangebots im Keller, noch vor vier Jahren stapelten sich etwa im Höhenkirchner Forst gewaltige Stämme auf Hunderte Meter in einem riesigen Nasslager. Dort wurden die gefällten Bäume mit Wasser besprüht, um die Qualität des Holzes zu erhalten, bis sich der Markt erholt. Mittlerweile ist die Situation gekippt. Jan-Paul Schmidt, Sprecher der Staatsforsten, bestätigt, dass sich die Lager geleert hätten und weiter leerten. Georg Kasberger, der Leiter des Forstamts in Ebersberg, das auch für den Landkreis München zuständig ist, sieht einen Grund darin, dass große Sägewerke in der damaligen Notlage ihr Heil im Export gesucht hätten und jetzt vertraglich oft gebunden seien. Zudem spielt die Politik eine Rolle.

Eine Verordnung zur falschen Zeit

Denn eigentlich steht ausreichend Holz im Wald. Die jüngste Bundeswaldinventur ergab, dass genug nachwächst. Bei Försterin Julia Borasch vom Forstrevier Aschheim, das bis nach Unterschleißheim reicht, klingt das so: "Wir haben das Holz auf der Fläche stehen." Der Wald müsse gepflegt werden, es wäre genug da, um den Einschlag zu erhöhen. Doch der Bund hat diesen für Fichten mit Gültigkeit vom 23. April in einer Verordnung deutschlandweit auf 85 Prozent der regulären Menge begrenzt. Damit sollen Waldschäden vergangener Jahre ausgeglichen werden. Im Prinzip ein richtiger Gedanke, sagt Kasberger. Doch die Regulierung komme wegen der Verzögerung durch die politischen Mühlen zu spät.

Vom "dümmsten Zeitpunkt" spricht gar Klaus Widmann, Inhaber des Sägewerks Kogler in Oberhaching, der um Nachschub für seine Kunden kämpft. Widmanns seit 1889 existierender Betrieb gehört nicht zu den Großen in der Branche, er arbeitet nicht für den Export. "Wir versuchen unsere regionalen Stammkunden zu bedienen", sagt er, was auch weitgehend gelinge. Die staatliche Regulierung bremse aber und treibe die Preise weiter an. "Rohstoff ist genügend da", so Widmann. Aber dieser dürfe nicht geerntet werden. Neue Kunden nehme er trotz vieler Anfragen daher nicht auf.

Schreiner Andreas Vordermaier.

(Foto: Claus Schunk)

Die Zimmerei Schmidt in Ottobrunn hat Aufträge und Arbeit ohne Ende. Der Bausektor boomt. Die Zimmerei fertigt Dachausbauten, Sanierungen, neue Dachstühle. Sie gehört zu Koglers Kunden und bestätigt, dass der regionale Markt mit gewachsenen Kundenbeziehungen noch einigermaßen funktioniert. "Wir kommen schon noch an alles ran", sagt Benedikt Schmidt. Aber es komme insgesamt in der Branche zu Verzögerungen. Der Preis sei je nach Holzart um 100 Prozent gestiegen.

Auf den nachhaltigen Baustoff Holz setzt die Gemeinde Neubiberg. Der Anbau des Rathauses soll in einer Mischung aus Holz- und Stahlbetonbauweise errichtet werden. Diese Kombination würde allerdings auch die Kosten um etwa 130 000 auf dann 664 000 Euro hochtreiben. Für Architektin Angela Spreen, die den Neubau mit ihrem Mann Jan plant, wird Holz als Baustoff immer wichtiger. So habe etwa die Stadt München entschieden, dass - wo immer möglich - Gebäude in Holzbauweise errichtet werden sollen. "Es ist einfach ein sehr schönes Material", findet sie. Den Mangel hätten sie und ihr Mann bis jetzt noch nicht zu spüren bekommen, aber es seien derzeit neben dem Neubiberger Rathaus einige Holzprojekte in Planung. Natürlich berge der Mangel an Holz ein Risiko bei Projekten, bestätigt die Architektin, unerwartete Preissteigerungen seien derzeit immer möglich.

In der Ottobrunner Familienschreinerei schreibt Susanne Vordermaier mittlerweile bei jedem Auftrag "circa" dazu, wenn es um Preis und Lieferzeitraum geht. "Anders können wir das den Kunden nicht mehr vermitteln." Zur Ungeduld mancher Kunden sagt sie nur: "Beim Friseur oder Arzt warten sie manchmal auch vier Wochen auf einen Termin."

© SZ vom 19.06.2021/belo
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