Schloss Schleißheim Rokokopie

Ignaz Günthers Ostportal als Kopie: Fast zehn Jahre mit Unterbrechungen haben Oswald Senoner und Margaretha Binapfl an den Türen gearbeitet, die die Originale in Schloss Schleißheim ersetzen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Repliken ersetzen zwei Ignaz-Günther-Portale des Schleißheimer Schlosses. Gefertigt haben sie Bildhauer mit Unterstützung durch digitale Technik.

Von Gudrun Passarge, Oberschleißheim

Manchmal ist es nur ein schmaler Grat, der kunstvolle Bildhauerei von modernen Reproduktionsmöglichkeiten trennt. Bei den Kopien der Portale, die Ignaz Günther 1763 für das Schloss Schleißheim gefertigt hat, waren es teils nur wenige Millimeter, die die beiden Bildhauer der Schlösserverwaltung zur Verfügung hatten, um den besonderen Schwung des großen Bildhauers der Rokoko-Zeit einzufangen.

Das Grobstück war durch moderne Technik wie 3-D-Druck bereits vorgefertigt worden. Erklärtes Ziel der Bildhauer Oswald Senoner und Margaretha Binapfl war es, das Original durch die Kopie zu erhalten. Die Ergebnisse sind künftig im Schloss zu besichtigen.

250 Jahre Wind und Wetter sind nicht spurlos an Günthers Diana und seinem Apoll vorübergegangen. Viele Details der Darstellung verschwanden mit der Zeit und ein kleiner Putto hat gar Nägel in den Backen, weil dort schon vor vielen Jahren mit kleinen Holzstücken ausgebessert worden war. Deswegen entschied sich die Bayerische Schlösserverwaltung bereits vor zehn Jahren, die Günther-Portale durch Kopien zu ersetzen. Ein langwieriges Projekt, für das der Bildhauer Senoner sogar seinen Ruhestand um einige Monate aufschob.

Aber wenn Projektleiter Heinrich Piening die Details berichtet, wird schnell klar, wie aufwendig die Restauratoren arbeiten mussten. Allein die Suche nach geeignetem Holz gestaltete sich schwierig. Um die jeweils 450 Kilogramm schweren Türflügel nachzuarbeiten, brauchte es Eichenholz, das 70 Zentimeter breit, zehn Zentimeter stark und vier Meter lang ist. Fündig wurden die Münchner in Frankreich. Aber als die Mitarbeiter der Fachfirma das Holz bearbeiteten, um sie in die Türform zu bringen, erlebten sie eine Überraschung: In einem Stück war ein Granatsplitter eingewachsen, "eine kleine Rache aus dem Ardennenfeldzug", wie Pliening sagt. Die Bildhauer haben durchaus von der modernen Technik profitiert. "Das hat uns etwa 50 Prozent der Arbeitszeit eingespart", erklärt Pliening. Insgesamt listet die Schlösserverwaltung 5000 Arbeitsstunden für dieses Projekt auf. Die alten Türen wurden gescannt, dann wurden die Holzarbeiten an der Kopie computergesteuert ausgefräst. Wo Unklarheiten bestanden, blieben kleine Holzklötzchen stehen. Danach begann die Arbeit der Bildhauer.

Der Faltenwurf muss flattern

Der gebürtige Südtiroler Oswald Senoner und die aus Oberammergau stammende Margaretha Binapfl teilten sich die Arbeit. Er übernahm das Westportal mit Apoll und der Allegorie der Architektur, sie bearbeitete Diana und Flora am Ostportal jeweils mit ihren Attributen. Beide betonen, dass es Zeit und Liebe braucht, um sich dem Künstler und seiner Zeit zu nähern. "Wir müssen uns ja unterordnen", sagt Senoner und Binapfl bekräftigt: "Ich möchte keine eigene Handschrift reinbringen." Sie loben den Meister Günther für seine emotionalen Gesichter, betonen das Besondere der lang gezogenen Figuren, sind fasziniert von seiner Arbeit der Faltenwürfe. "Der Faltenwurf, das muss flattern", sagt Senoner und erklärt, wie wichtig es ihnen war, das Lebendige in Günthers Werk herauszuarbeiten: "Das ist wie eine flotte Handschrift, das muss den Schwung haben." Doch wenn die beiden auch zahlreiche alte Fotos von den Portalen studiert haben, nicht alle verloren gegangenen Details vermochten sie zu rekonstruieren. So hält eine Frauenfigur ein leeres Medaillon, weil niemand weiß, welcher Kopf darin zu sehen war. "Erfinden tun wir nichts", sagt Senoner.

Etwa 140 000 Euro hat das Projekt die Schlösserverwaltung gekostet, wie deren Präsident Bernd Schreiber sagt. 15 000 Euro hat die Mooseder-Stiftung dazu beigetragen. Während im Osten und Westen des Schlosses nun die Kopien glänzen, können Besucher die Originale bald im Schloss besichtigen. Der Vergleich dürfte interessant ausfallen. Von Fachleuten seien die Kopien als Werk des 21. Jahrhunderts zu erkennen, sagt Schreiber. Senoner nickt: "Aber es gibt nur ganz wenige, die das bemerken." Und wenn Wind und Wetter erst einmal mit den Kopien spielen, dann dürfte bald kein großer Unterschied mehr zu erkennen sein.