Süddeutsche Zeitung

Ismaning:Hilferuf vom Pferdehof

Unterricht und Besuche von Schulklassen sind verboten, aber die Tiere müssen trotzdem versorgt werden: Viele Reitställe kämpfen wegen der Corona-Auflagen um ihre Existenz. Für den Betrieb der Familie Matt in Ismaning werden deshalb Spenden gesammelt.

Von Patrik Stäbler

Wenn im kommenden Frühjahr am Matthof in Ismaning die ersten Fohlen zur Welt kommen, dann könnten darunter eine Hermine, ein Ron oder ein Albus Dumbledore sein. Schließlich lautet das Namensmotto für die neugeborenen Tiere, das alljährlich von den Lehrlingen der Reitschule festgelegt wird: Harry Potter. Bei dieser Wahl mag der Wunsch mitgeschwungen sein, dass sich die Corona-Pandemie, die auch den Matthof 2020 so schwer erwischt hat, mit dem Jahreswechsel wie von Zauberhand in Luft auflöst. Mit Blick auf die vergangenen Wochen jedoch wirkt es eher so, als sei Lord Voldemort am Werk.

"Wir können momentan nichts machen", sagt Pferdewirtschaftsmeisterin Birgit Matt, die den Ismaninger Hof mit tatkräftiger Unterstützung ihrer Familie leitet. Im Corona-Lockdown findet kein Reitunterricht statt, es gibt keine Ausritte, keine Kindergeburtstage, keine Reittherapie, und keine Besuche von Schulklassen und Kindergartengruppen. Die Einnahmen des Betriebs sind dadurch eingebrochen, während bei den Ausgaben kaum gespart werden kann.

"Ein Restaurant oder ein Fitnessstudio kannst du zusperren", sagt Birgit Matt. "Aber wir müssen unsere Pferde ja weiterhin versorgen." Circa 150 Tiere leben auf dem Matthof, womit er eigenen Angaben zufolge zu den größten Reiterhöfen in Bayern zählt. "Wir sind eine neunköpfige Familie, haben 52 Mitarbeiter und neun Lehrlinge. Da hängen Existenzen dran", betont die Chefin.

Schon im Vorjahr habe die Pandemie etlichen Reiterhöfen und Reitschulen das Geschäft verhagelt. Infolge des Lockdowns im Frühjahr seien unter anderem die für sie so wichtigen Osterferien ausgefallen, sagt Birgit Matt. Nach einer "relativ normalen" Sommersaison hätte man dann die Herbstferien dringend gebraucht - auch um Reserven für den Winter zu bilden.

Doch stattdessen kam es zum neuerlichen Lockdown, dessen Ende aktuell nicht absehbar ist. "Wenn das noch in den März oder gar bis in die Osterferien geht, dann wird es viele Ausfälle geben", warnt die Ismaningerin mit Blick auf ihre Branche. "Ich habe keine Existenzangst. Aber ich kenne Reiterhöfe, die wegen Corona zumachen mussten."

Kritik übt Matt an den politischen Vorgaben für Reitschulen. Demnach dürfen sie ihre Pferde aus Gründen des Tierwohls zwar versorgen, pflegen und bewegen, jeglicher Unterricht und Training aber sind seit Dezember verboten. "Unsere Reitschule gilt als Sport- und Freizeitstätte. Wir werden gleichgesetzt mit Fitnessstudios und Trampolinhallen", kritisiert Matt.

Von der Politik und vom Reit- und Fahrverband ist Birgit Matt enttäuscht

Ihren Unmut hat sie schon im ersten Lockdown in mehreren Briefen kundgetan, unter anderen an Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW). Doch zurückerhalten habe sie bloß "Standard-Antworten", sagt sie. Enttäuscht zeigt sich die Ismaningerin auch vom Bayerischen Reit- und Fahrverband (BRFV), der 930 Vereine und 460 Betriebe vertritt: "Ich hätte mir mehr Informationen, mehr Kommunikation und mehr Öffentlichkeitsarbeit erwartet."

Diese Kritik weist BRFV-Geschäftsführer Michael Hohlmeier zurück: "Ich höre oft, wir tun nichts, aber das stimmt nicht. Wir tun unser Möglichstes, doch vieles davon geschieht im Hintergrund." Hohlmeier zufolge ist der Reit- und Fahrverband in ständigem Kontakt mit der Politik, um bei den ersten Lockerungen auch Erleichterungen für den Pferdesport zu erreichen. "Das größte Problem der Betriebe ist das Verbot des Unterrichts", sagt Hohlmeier. "Da gibt es viele, die richtig knapsen. Und einige haben schon Schulpferde verkaufen müssen."

Auch Birgit Matt musste sich wegen der Einnahmeausfälle von einigen Pferden trennen. Von staatlicher Seite habe sie im ersten Lockdown die "kleinstmögliche Überbrückungshilfe" erhalten; ihr Antrag auf Novemberhilfe sei abgelehnt worden. Nun jedoch erhält der Matthof von anderer Seite unerwartete Unterstützung: Eine langjährige Kundin, deren Tochter ebenfalls in Ismaning reitet, hat im Internet eine Spendenaktion gestartet.

Der Titel: "Corona-Solidarität - Rettet den Matthof." Schon in den ersten zehn Tagen sind fast 12 000 Euro zusammengekommen. "Dass das so gebumst hat, das ist schon irre", sagt Birgit Matt. Für sie ist die Spendenkampagne ein Lichtblick in diesen düstren Corona-Tagen - ganz so, als hätte zumindest kurzzeitig Harry Potter den Zauberstab geschwungen.

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SZ vom 02.02.2021/wkr
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