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Rassismus-Debatte:Der Mohr verschwindet nur halb

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Die Figur aus schwarzem Marmor wird das nächste Mal im Oktober verliehen. Über ihre Zukunft sollen die Unterföhringer mitentscheiden.

(Foto: Unterföhring)

Der Unterföhringer Gemeinderat hat sich darauf verständigt, den Kulturpreis umzubenennen, aber die Statue mit dem schwarzen Knaben weiterhin zu verleihen. Es wird aber weitere Diskussionen im Ort geben

Von Sabine Wejsada, Unterföhring

Der Name geht, die Büste bleibt: Der Kulturpreis in Unterföhring trägt künftig nicht mehr die Bezeichnung "Mohr". Die Auszeichnung für die Künstler, die während einer Spielzeit beim Publikum am besten angekommen sind, wird fortan schlicht "Unterföhringer Kulturpreis" heißen. Darauf hat sich der Gemeinderat in seiner Sitzung am Donnerstagabend nach eingehender Debatte mehrheitlich geeinigt.

Bereits vor der Sommerpause war das Thema im Zuge der "Black lives matter"-Proteste in den USA in der Gemeinde angekommen. Viele stellten sich auch am Ort die Frage, ob der "Unterföhringer Mohr" als Würdigung von Kulturschaffenden angesichts der aktuellen Rassismus-Diskussion noch angemessen sei. Während der Name verschwindet, soll sich an der Gestaltung der Figur allerdings bis auf Weiteres nichts ändern. Überreicht wird deswegen am 3. Oktober erneut eine Büste aus schwarzem Marmor, die einen Knaben mit Haarkrause und breiten Lippen darstellt. Laut Beschluss soll das Kulturamt für 2021 eine Veranstaltungsreihe zum Thema Rassismus auflegen. Am Ende der öffentlich geführten Diskussionen soll es dann um die Zukunft der kleinen Skulptur gehen. Das Publikum entscheide schließlich, wer den Preis bekommt, es solle daher auch über die Ausgestaltung mitbestimmen, so die Mehrheit im Gemeinderat.

Dieser Entscheidung vorausgegangen war an diesem Abend eine kontroverse Debatte im neuen Feststadel, wo die Kommunalpolitiker coronabedingt zum ersten Mal tagten. Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer (Parteifreie Wählerschaft, PWU) und die Verwaltung hatten dem Gremium zwei Varianten für den künftigen Umgang mit dem Mohren vorgelegt, wonach entweder nur der Name geändert werden oder der Kulturpreis eine ganz neue Gestalt erhalten soll. Bei ihm, so sagte Kemmelmeyer, rufe die Büste keine Assoziation mit Diskriminierung oder Rassismus hervor, am Namen aber müsse man nicht hängen. "Wer Unterföhring kennt, weiß, dass wir bunt und weltoffen sind", versicherte er. SPD-Gemeinderätin Saran Diané, deren Vater aus Guinea stammt, hatte der SZ vor der Sitzung gesagt, sie empfinde die Bezeichnung für den Kulturpreis und dessen Bildnis als "zutiefst rassistisch". Sie berichtete dem Gremium davon, dass es nicht nur ihr so gehe, "sondern mehreren schwarzen Menschen, mit denen ich mich unterhalten habe". Mehr noch: Die schwarze Büste, die da Jahr für Jahr überreicht werde, erinnere an die Kolonialzeit, an den Sklavenhandel. Diané warb deshalb für die komplette Umgestaltung und plädierte dafür, die Rassismus-Debatte in der vom Rathaus vorgeschlagenen Veranstaltungsreihe zu führen.

Zuvor hatte Barbara Schulte-Rief mit ihren differenzierten Worten den Gemeinderat beeindruckt. Die Kulturamtsleiterin legte ihre Gedanken zum Publikumspreis "Unterföhringer Mohr" dar, der seit 2008 verliehen wird. Immerhin sei sie die Person, die den Mohren seit einer Dekade vergibt. So habe sie intensiv mit ihrem Team im Kulturamt und mit den Preisträgern gesprochen, Meinungen eingeholt, recherchiert. Das Odyssee Dance Theatre aus Salt Lake City etwa, in dessen Reihen viele farbige Künstler tanzen und dem 2015 der Preis ausgehändigt wurde, habe sich nicht verletzt gefühlt, zitierte Schulte-Rief aus dem Brief des Ensembles. Es sei schon richtig, dass der Mohr bei jedem eine individuelle Assoziation hervorrufe, sagte die Kulturchefin. Der Duden aber stufe das Wort Mohr als diskriminierend ein, erklärte Schulte-Rief, dennoch frage sie sich, ob man den Preis mit einem Federstrich abschaffen solle oder die Debatte nicht auf eine breitere Basis stellen könnte. Das Bürgerhaus biete sich da idealerweise als Forum an. Die Kultur solle in ihrem ganzen Spektrum das Thema Rassismus aufnehmen und zur Auseinandersetzung anregen - unter Einbeziehung des Publikums, in Ausstellungen, im Schauspiel und bei einer Podiumsdiskussion zum Beispiel. Am Ende dann könne man entscheiden, wie mit der Büste verfahren werden soll.

Der Bürgermeister und seine Fraktion sowie die CSU hielten diesen Vorschlag für den besten, also den Namen streichen, aber an der Ausgestaltung der Figur aktuell nichts verändern. Saran Diané, die Grünen und FDP-Gemeinderat Raphael Gutmann sowie der Großteil der Sozialdemokraten votierten dagegen und machten sich für eine neue Gestalt stark. SPD-Fraktionssprecher Philipp Schwarz und sein Kollege Thomas Weingärtner aber wollten diesen Weg nicht mitgehen. "Ich bin tief hin- und hergerissen", gab Letzterer zu. Freilich müsse man darüber nachdenken, ob der Mohr noch zeitgemäß sei, sagte er. Ihm erscheine es aber als sinnvoller, die Diskussion wie vorgeschlagen auf "die Kulturebene zu heben". Schwarz brachte gar eine dritte Variante ins Spiel. Er könne sich vorstellen, die Erstellungskosten der Büste künftig für Projekte gegen Rassismus sowie für Integration zu verwenden und auf eine Darstellung ganz zu verzichten. Am Ende ging der Vorschlag, den Namen zu streichen und es bei der Figur zu belassen, mit 16 zu acht Stimmen durch.

Dass das Motiv eines Mohren seit 1957 auch das Unterföhringer Wappen ziert, war in der Sitzung nur am Rande ein Thema. Doch es ist davon auszugehen, dass sich der Gemeinderat schon bald auch damit auseinandersetzen muss.

© SZ vom 12.09.2020

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