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Radfahren in München:Kommt Zeit, kommt Rad

München würde so gerne zur "Radlhauptstadt" werden. Nur: Mehr Platz für Radler heißt weniger Platz für Autos. Kein Wunder, dass die Widerstände groß sind.

Manchmal geschehen Wunder quasi über Nacht. Auch für Radler. Über Wochen hatten die Stadtwerke am Maxmonument die Trambahngleise erneuert, über Wochen herrschte dort Chaos. Nun sind die Bauarbeiten beendet, und mancher Radler staunt: Währenddessen hat das Baureferat in der Maximilianstraße zwei Radstreifen angelegt - quasi über Nacht. "Vor kurzem war das noch nicht", sagt eine Radfahrerin an der Ampel und fügt erstaunt hinzu: "Es tut sich was."

Radfahrer am Odeonsplatz: Sommerzeit ist in München Radlerzeit.

(Foto: ag.dpa)

Es tut sich was - das finden auch Grünen-Stadträtin Sabine Nallinger und ihr Parteifreund, Bürgermeister Hep Monatzeder. Nicht nur die Grünen, die größten Radlfans in Stadt und Region, klopfen sich auf die Schulter. Auch der Radlerclub ADFC lobt die Stadt, zum Beispiel für die 200 der insgesamt 700Einbahnstraßen, durch die Radfahrer nun auch in entgegengesetzter Richtung unterwegs sein dürfen. In den nächsten Jahren sollen 150 weitere hinzukommen.

Sommerzeit ist Radlerzeit: An Isar und Würm tummeln sich die Radler, die Stellplätze in Biergärten wie der Kugler Alm oder der Waldwirtschaft sind voll. Auch bei Radtouristen ist die Gegend rund um München beliebt. Am Wochenende sind die Radabteile der Züge am Hauptbahnhof gut belegt. Zumindest in der Freizeit zieht es die Menschen aufs Rad, im Alltag aber legen die Münchner damit nur 14 Prozent ihrer Wege zurück.

Das soll sich ändern. Rot-Grün will mehr Radverkehr in der Stadt. Dazu hat der Stadtrat im vergangenen Jahr die Mittel zur Förderung des Radverkehrs von zwei auf 4,5 Millionen Euro aufgestockt. Das Geld fließt in zahllose Projekte, auch in die Kampagne zur "Radlhauptstadt München", die die Opposition immer wieder kritisiert. Es fließt aber auch in Projekte wie das in der Maximilianstraße, mit dem die Verwaltung den Radlern neue Wege durch die Stadt bahnen will.

Denn die bisherigen Strecken und Wege sind oft heillos überlastet. "Gerade im Sommer stoßen wir auf den Radstrecken an die Kapazitätsgrenze", sagt Grünen-Stadträtin Nallinger. Sobald es das Wetter zulässt, geht es eng zu auf den Radwegen. Es bilden sich Trauben an den Ampeln, rund um die Bahnhöfe, an den Unis oder in den Einkaufsstraßen werden die Stellplätze knapp. Die Radverkehrsoffensive der Stadt soll da Abhilfe schaffen.

Platzprobleme in der Lindwurmstraße

An die großen Brocken aber hat sie sich bisher nicht herangetraut. Monatzeder spricht zwar von "Vorplanungen", die es gegeben habe, doch in Kapuziner-, Brienner und Rosenheimer Straße landen Radler weiter zwischen den Autos, weil der Radstreifen plötzlich endet. Oder sie müssen sich, wie in der Lindwurmstraße, auf schmalen Radwegen quälen - was oft dazu führt, dass Fußgänger um ihr Leben fürchten.

Die Lindwurmstraße zeigt auch, mit welchen Problemen die Verkehrsplaner zu kämpfen haben, wenn sie den Weg frei machen wollen für mehr Radverkehr: Es gibt einfach nicht genügend Platz, um Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer störungsfrei auf den Straßen unterzubringen. Am Ende werden wohl Fahrspuren oder zumindest Parkplätze weichen müssen. "Mehr Platz für Radler, weniger Platz für Autos" - diese Devise gibt Monatzeder aus: "Es geht nicht anders." Es stehe eben nur der vorhandene Platz zur Verfügung, nicht mehr. "Wir können ja nicht einfach Häuser abreißen, um mehr Platz für den Verkehr zu haben."

Der Grünen-Politiker weiß aber auch, dass das äußerst umstritten ist. Das zeigte sich vor kurzem im Bauausschuss des Stadtrats. Rot-Grün beschloss, bis Jahresende stadtweit mehr als 1000 neue Stellplätze zu schaffen. Dazu wandelt das Baureferat auch 24 Kfz-Stellplätze in Parkplätze für Radler um - auf dem Raum, den bisher ein Auto einnahm, gibt es so Platz für acht bis zehn Fahrräder. Für Grünen-Politikerin Nallinger ist das eine "flächeneffiziente Lösung".

Doch CSU und FDP fanden das nicht. "Hier wird dringend benötigter Parkraum vernichtet", kritisierte CSU-Stadtrat Mario Schmidbauer. Und sein Fraktionskollege Reinhold Babor ergänzte, an neuralgischen Punkten wie dem Marienplatz würden keine weiteren Radständer geschaffen; wohl aber in Gegenden wie Haidhausen, wo bereits aufgestellte Ständer kaum genutzt würden, "weil die Radler ohnehin parken, wo sie wollen". Freie-Wähler-Stadtrat Johann Altmann fand, Radler seien "ohnehin nicht erziehbar". Deshalb brauche die Stadt auch nicht "Hunderttausende Euro und Kfz-Stellplätze opfern für Ständer, die eh nicht angenommen werden".

Wenn es schon so viel Streit um lediglich 24 Parkplätze gibt - wie sieht es dann erst aus, wenn etwa in der Lindwurmstraße ganze Fahrstreifen weichen müssen? Entsprechend vorsichtig geht deshalb die Verwaltung vor. In Arbeitsgruppen nähern sich die städtischen Referate möglichen Lösungen für die vier vom Stadtrat benannten Bauprojekte (siehe Grafik). Über jede der vier Maßnahmen wird der Stadtrat am Ende einzeln abstimmen müssen. Bis 2013, schätzt Monatzeder, werde es dauern, bis an der Kapuzinerstraße Radler eine eigene Spur erhalten. Die anderen Projekte dürften noch länger dauern.

Aber auch von anderer Seite gibt es Kritik: Martin Nützel vom Bund Naturschutz fordert von der Stadt "mehr Arbeit nach Innen". So würden im Winter viele Radwege nicht geräumt, bei Baustellen würden Umleitungen "stets zu Lasten der Fußgänger und der Radfahrer gehen". Er wünscht sich "mehr Sensibilität in der Stadtverwaltung". Sinnvoll wäre aus seiner Sicht auch, die Geschwindigkeiten von Auto und Radlern "einander anzunähern": Tempo30 für Autos könnte viele Konflikte zwischen den beiden Gruppen entschärfen, findet Nützel: "Infrastrukturausbau ist nicht alles."

Er hilft dennoch dem Radler im Alltag. So versucht der MVV gemeinsam mit den Kommunen Stellplätze an Bahnhöfen zu errichten, und zwar "überall dort, wo es möglich ist", sagt MVV-Koordinator Michael Trost. 50000 Abstellplätze gibt es derzeit an Bahnhöfen im MVV-Raum, weitere 8000 bis 10000 werden laut Trost benötigt. Das liegt auch daran, dass immer mehr Bürger das Fahrrad für sich entdecken: Wuchs der Bedarf an Abstellmöglichkeiten in Bahnhofsnähe in den Jahren 2000 bis 2007 um etwa drei bis fünf Prozent pro Jahr, so verzeichnete Trost in den Jahren 2007 und 2008 Steigerungsraten um elf bis 13 Prozent.

Abhilfe schaffen neuartige Radl-Parkanlagen. Am S-Bahnhof Berg am Laim zum Beispiel entstand eine überdachte Anlage, in denen Radler ihre Velos auf zwei Ebenen parken. Eine junge Frau stellt ihr Rad auf eine herausziehbare Schiene und schiebt diese samt Rad in ein Fach im oberen Abstellbereich. "Ist ganz simpel", sagt sie. Ein älterer Herr dagegen hat Schwierigkeiten mit seinem schweren Hollandrad: "Das krieg' ich nicht da hoch." Er schließt es an einen nahen Laternenpfahl. "Mehr ebenerdige Ständer sollte die Stadt mal einrichten", sagt er. Abwarten. Wunder geschehen ja manchmal über Nacht.