Evangelische Kirche in Putzbrunn„Meine Kinder wurden hier getauft, meine Eltern wurden hier beerdigt“

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Pfarrer Philipp Bäumer verlässt Putzbrunn und wird Dekanatsjugendpfarrer. Vorher hält er noch den letzten Gottesdienst in St. Martin.
Pfarrer Philipp Bäumer verlässt Putzbrunn und wird Dekanatsjugendpfarrer. Vorher hält er noch den letzten Gottesdienst in St. Martin. (Foto: Claus Schunk)

In Putzbrunn waren Christen beider Konfessionen seit den Neunzigerjahren unter einem Dach vereint. Doch nun gibt die evangelische Kirche ihre Räume im ökumenischen Zentrum auf – und die Trauer der wenigen aktiven Gemeindemitglieder ist groß.

Von Patrik Stäbler, Putzbrunn

Es ist kalt an diesem Abend in St. Martin in Putzbrunn – im übertragenen wie im wörtlichen Sinne. In Mänteln und Daunenjacken sitzen die Menschen auf den Kirchenbänken, zwei Frauen rücken ihre Stühle direkt neben die Heizkörper an der Wand, die jedoch vergeblich gegen die Kälte in dem sakralen Raum ankämpfen. Und auch die Worte von Philipp Bäumer sind nicht gerade herzerwärmend. „Ich kann verstehen, was für ein Schmerz das ist“, sagt der Pfarrer, der an gewohnter Stelle am Altar spricht – heute jedoch nicht im Gottesdienst, sondern bei einer Gemeindeversammlung. Ihr Anlass ist der Grund für die, jetzt im übertragenen Sinne, frostige Stimmung. Denn die Jubilate-Gemeinde wird ihre Kirchenräume in St. Martin Ende November schließen.

„Ich persönlich verliere die Möglichkeit, hier in Putzbrunn in den Gottesdienst zu gehen“, klagt eine Frau, die sich als „einfaches Gemeindemitglied“ vorgestellt hat. „Die Kirche war für mich eine geistige Heimat, die Räume haben mir Trost gespendet. Ich finde es sehr schade.“ Ähnlich betrübt klingt eine zweite Frau, die sich ebenfalls zu Wort meldet. „Meine Kinder wurden hier getauft, meine Eltern wurden hier beerdigt“, sagt sie. „Das ist einfach unglaublich traurig.“

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Bei ihren Worten nickt Philipp Bäumer verständnisvoll. Er ist 2018 hierher nach Putzbrunn gekommen und lebt auch im Ort. „Auf der Straße erkennt man mich als Dorfpfarrer“, hat er vorhin erzählt. „Und natürlich haben mich Leute angesprochen, wie traurig sie es finden, dass wir die Kirchenräume schließen.“ Doch Bäumer hat ja selbst erlebt, wie seine Gemeinde immer kleiner und kleiner geworden ist. Im Jahr 1993 bei der Eröffnung der Räume im ökumenischen Kirchenzentrum zählte sie noch 1100 Mitglieder; heute sind es laut dem Pfarrer keine 700 mehr.

Bäumer steht an diesem Abend vor vielleicht 30 Anwesenden – ein Vielfaches dessen, was sich zuletzt bei Gottesdiensten in St. Martin eingefunden hat. „Teilweise waren weniger als fünf Personen da“, berichtet Philipp Bäumer. Wie sich eine Predigt vor solch einer Geisterkulisse anfühlt? Auf diese Frage antwortet der Pfarrer mit dem Satz: „Wenn ich nur einen Menschen erreiche, der im Gottesdienst etwas für sein Leben mitnehmen kann, dann ist das für mich erfüllend.“

Und doch räumt Philipp Bäumer ein, dass es seine Gemeinde schlicht nicht mehr geschafft habe, die Kirchenräume mit Leben zu erfüllen. Dabei habe man vieles versucht – von anderen Gottesdienstzeiten bis zu unterschiedlichen Formaten. Sogar eine Beratung durch die Landeskirche habe man in Anspruch genommen. „Doch leider hat das alles keinen nachhaltigen Erfolg gebracht“, sagt der Pfarrer bedauernd. Und so habe die Gemeinde letztlich schweren Herzens entschieden, die Kirchenräume aufzugeben.

Damit ist St. Martin beileibe kein Einzelfall, wie Stefanie Ott-Frühwald betont. Die Dekanin aus München ist ebenfalls zu der Gemeindeversammlung gekommen und erläutert den Putzbrunnerinnen und Putzbrunnern den „größeren Kontext“, wie sie es nennt. So habe die evangelische Kirche in Bayern aufgrund des anhaltenden Mitgliederschwunds beschlossen, bis 2035 die Hälfte ihrer Kirchen, Gemeinde- und Pfarrhäuser aufzugeben. Bis Jahresende müssten die Dekanate angeben, welche Gebäude noch benötigt werden; für München habe man wegen der dortigen Strukturreform eine Verlängerung dieser Frist bis Ende 2026 beantragt. Die aufgegebenen Kirchenimmobilien sollen danach „transformiert werden“, wie Stefanie Ott-Frühwald sagt. „Es gibt Gebäude, die von anderen christlichen Kirchen nachgenutzt werden.“ Zugleich würden aber auch Kirchen entweiht und anderweitig verwendet – etwa als Hotel oder Restaurant.

„Wir werden alles dafür tun, damit die Ökumene hier weiterläuft“

In Putzbrunn ist noch offen, was mit den Räumen von St. Martin geschehen wird. Ohnehin gebe es hier die Besonderheit, dass evangelische und katholische Kirche unter einem Dach seien und entsprechend eng zusammenarbeiteten, sagt Pfarrer Philipp Bäumer. „Wir werden alles dafür tun, damit die Ökumene hier weiterläuft“, betont er. „Und dass es auch das Evangelische hier in Putzbrunn weiter geben wird.“

Allein, die Anwesenden sind da skeptisch. „Vor ein paar Jahren hieß es noch, dass das hier ein Leuchtturmprojekt ist und ein Meilenstein für die Ökumene“, sagt eine Frau. „Und jetzt wird die Kirche plötzlich geschlossen, das verstehe ich nicht.“ Eine andere Besucherin, die schon seit Jahrzehnten Gemeindemitglied ist, klagt: „Wir sind arm dran. Wir haben bald keinen Pfarrer mehr und keine Kirche mehr.“ Schließlich wird sich auch Philipp Bäumer aus der Gemeinde verabschieden und als Dekanatsjugendpfarrer nach München wechseln. Nach seinen Worten ist die Stelle in Putzbrunn jedoch schon ausgeschrieben und soll neu besetzt werden. „Glaubst?“, fragt die Frau argwöhnisch. Worauf der Pfarrer antwortet: „Ich hoffe es sehr.“

Vor seinem Weggang wird Philipp Bäumer aber noch die Kirchenräume von St. Martin verabschieden. Der letzte Gottesdienst dort findet am 23. November statt – dem „Ewigkeitssonntag“, wie es auf der Ankündigung für die Veranstaltung heißt. Besser bekannt ist dieser Tag, an dem das Kirchenjahr endet, jedoch unter einem anderen Namen: Totensonntag.

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