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Pullach:Vom Suchen und Finden der Sehnsucht

Die Jahresausstellung des Künstlerkreises Münchner Süden öffnet nicht zuletzt Pforten zur Weltflucht

Das Bild ist Grün. Mit Grün. Und Grün. Gabriele Rodler spielt in ihrem Gemälde mit nahezu allen Varianten der Farbe. Flaschen- und Apfelgrün lässt sie ineinander fließen, in der Mitte der großflächigen, abstrakten Arbeit schlägt sich ein heller Pfad durch den Wald. Wer einen Schritt zurücktritt, das Stimmengewirr im Bürgerhaus Pullach für einen Augenblick auszublenden vermag, fühlt sich auf unerklärliche Weise angezogen von diesem Weg, der möchte dem diffusem Licht folgen, das von ihm abstrahlt. Immer weiter - zu einem unbestimmten Sehnsuchtsort.

Ein Motto hatte der Künstlerkreis Münchner Süden in diesem Jahr zwar nicht vorgegeben. Kulturreferent Holger Ptacek meinte aber dennoch, ein verbindendes Element zwischen den mehr als 20 ausstellenden Künstlern auszumachen. "Ich möchte es als Sehnsüchte zusammenfassen", sagte der Pullacher SPD-Gemeinderat bei der Eröffnung der 19. Jahresausstellung am Donnerstagabend. Sie begegneten einem immer wieder in den ausgestellten Werken, sei es nun die Sehnsucht nach Farben, nach Frische oder nach fremden Kulturen. Der Betrachter begab sich also auf die Suche nach der Sehnsucht. Und wurde fündig: Das Gefühl vagen Verlangens begegnete einem etwa in einem Aquarell von Angela Musil, die eine Gruppe Menschen unter einem diesig blauen Himmel durch Budapest schlendern lässt. Bei Hannelore Angele lauert das Objekt der Begierde dagegen schon im Titel. Sommer I + II heißen ihre Arbeiten. Und das ist nun wirklich etwas, das man während der kalten Jahreszeit vermissen kann.

Ein grauhaariger Mann mit Brille inspiziert das farbenfrohe Bild. Von oben nach unten, von unten nach oben wandert sein Blick, dann zuckelt er weiter, nimmt sich eine Fotografie, eine Arbeit aus Holz, und zuletzt das dösende Nilpferd von Erika Hacker vor, eine schwere Bronze-Skulptur, die allerdings weniger die Lust auf eine Fernreise weckt als den Wunsch, ihm einmal über die kühlen, glatten Rundungen zu streicheln. Schließlich notiert der Ausstellungsbesucher den Namen einer Künstlerin auf einen kleines Stück Papier. Auch in diesem Jahr dürfen die Pullacher nämlich ihren Favoriten wählen, zur Finissage der Ausstellung am 26. Oktober wird der Publikumspreis vergeben. Ob ihn tatsächlich derjenige gewinnen wird, der den Pullachern mit seiner Kunst ein Tor zur Weltflucht aufstößt? Wer weiß das schon.

Sicher jedoch ist: Die Jahresausstellung erweist sich 2016 als Stelldichein unterschiedlichster Kunststile. Avantgardistisches trifft hier auf klassische Blumenmotive, ätherische Landschaftsdarstellungen stehen quietschbunten, grafischen Arbeiten gegenüber. Nur langweilig, das sind die Werke nie. Meistens gibt es sogar eine Geschichte zu erzählen. Eine Reaktionen auf die Dinge, die in dieser Welt geschehen. Auch wenn die künstlerische Auseinandersetzung damit jeweils eine völlig andere ist. In einem der vier quadratischen Porträts, die eine Videoinstallation umrahmen, geht es sogar um Helden. "Dann sind wir Helden für einen Tag", greift Georg Steidinger die wohl bekannteste Liedzeile David Bowies aus seinem Song "Heroes" auf. Vier Künstler eint sein Bilderquartett: David Bowie, Andy Warhol, Joseph Beuys und Leonardo da Vinci. Alle großartig, alle tot. Zu ihren Konterfeis hat Steidinger jeweils ein Zitat gestellt, und zwar in einer Sprache, die nicht ihre Muttersprache gewesen sei, wie er betont. Im Fall von Beuys ist das Italienisch, es lautet: "Ogni persona è un artista".

Ein wahres Zitat, wie Steidinger einem Herren erläutert, der wissen will, ob denn wirklich in jedem Menschen ein Künstler schlummere. "Ich glaube daran", sagt Steidinger, "jeder hat eine schöpferische Kraft." Einer, auf den das definitiv zutrifft, fehlt an diesem Abend zum Bedauern vieler: Hans Margules ist im Februar verstorben. Immer wieder kommt es zu Andrang vor seinen Werken. Wie die Motten das Licht umschwirren die Besucher die filigranen Drahtskulpturen, die Margules mit einem ironischen Lächeln ausgestattet hat. Keine Helden, aber vielleicht so was wie Stellvertreter im Diesseits. Denn, so hatte Ptacek eingangs gesagt: "Seine Kunstwerke überdauern. Und die Sehnsucht nach dem Menschen Hans Margules, die bleibt bestehen."

Die Jahresausstellung des Künstlerkreises Münchner Süden im Bürgerhaus Pullach dauert bis zum 26. Oktober

© SZ vom 17.10.2016
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