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Kickende Flüchtlinge in Pullach:Servus, Mohamed

Das Otfried-Preußler-Gymnasium in Pullach stellt den Fußballplatz zur Verfügung, damit Schüler und junge Flüchtlinge dort zusammen kicken können.

(Foto: Claus Schunk)

Jeden Freitag treffen sich in Pullach Gymnasiasten und junge Flüchtlinge zum Fußballspielen. Wenn sie sich danach verabschieden, wissen sie nie, ob sie sich noch einmal sehen.

Von Trang Dang, Pullach

"Servus!", sagt Abiturient Corbinian Kempf, 18, während er dem gleichaltrigen Mohamed S., 18, die Hand auf dem Fußballrasen zum Abschied reicht. "Servus!" sagt auch Mohamed, selbstbewusst und erschöpft vom Spiel. Sich die Hände zu schütteln und sich auf Bairisch zu verabschieden, das ist nach dem Spiel zum Symbol geworden.

Jeden Freitag kicken neben Corbinian Kempf und Mohamed S. weitere Gymnasiasten und junge Flüchtlinge beim offenen Fußballtreff auf dem Sportplatz des Otfried-Preußler-Gymnasiums. Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sind seit vergangenem Jahr in der Burg Schwaneck untergebracht. Die Wiese dort, sagt der fußballvernarrte Mohamed, gehe schon, aber natürlich sei es hier besser.

Ein Benefizturnier gab den Impuls

Die Pullacher Schulleitung stellt die Fußballplätze für die jungen Erwachsenen zur Verfügung. Auch wenn der interkulturelle Fußballtreff nicht als Schulveranstaltung stattfindet, war es ein Benefizturnier am Gymnasium kurz vor Weihnachten, das den Impuls zum regelmäßigen Kicken gegeben hatte. Bei diesem Turnier kamen die Gymnasiasten und jungen Flüchtlinge erstmals zusammen.

Kempf erzählt vom "Arbeitskreis Soziales", der im letzten Schuljahr seine Aktivitäten aufgenommen hat. Gemeinsam mit dem Sozialpädagogen Hubert Goldbrunner vom Kreisjugendring Land und für die Jugendsozialarbeit am Pullacher Gymnasium tätig, hat Kempf die Idee eines Offenen Fußballtreffs umgesetzt. Mit dem Projekt "Buntkicktgut" konnten sie erfahrene Unterstützer in Sachen interkultureller Fußball gewinnen. "Buntkicktgut" stellt nicht nur die aus dem Irak stammende, erfahrene und junge Trainerin Ide, sondern organisiert auch die Abholung der Jugendlichen von der Burg Schwaneck.

Corbinian und Mohamed - auf dem Fußballplatz auf Augenhöhe und auch im Alltag gar nicht so unterschiedlich unterwegs. Für den aus Somalia stammenden Jugendlichen hat sich nach seiner Ankunft in Deutschland vor mehr als einem Jahr viel geändert. Das gilt auch für den aus Pullach stammenden Abiturienten, der im Helferkreis Pullach ehrenamtlich Nachhilfeunterricht für Flüchtlingskinder gibt. Von einem gleichaltrigen Mädchen weiß er von Erlebnissen, die Kinder eigentlich nicht haben sollten.

Wer heute noch kickt, wird morgen vielleicht abgeschoben

Wie lange Corbinian Kempf und Mohamed S. noch gemeinsam kicken werden ist ungewiss. Der junge Flüchtling, der beim Benefizturnier als "fairster Spieler" ausgezeichnet wurde, spielt schon nicht mehr mit. Ob er in eine andere Unterkunft verlegt oder abgeschoben wurde, weiß Kempf nicht.

Was kann der Fußball zur Integration leisten? Er helfe ihm entspannter zu sein, wenn nachts die Bilder aus Somalia erscheinen, wo die islamistische Terrormiliz Al-Shabaab seit vielen Jahren Schrecken verbreitet, oder wenn tagsüber Fremde ihn in der S-Bahn rassistisch angehen, sagt der 18-jährige Somalier. Durch Aktivitäten wie Fußball werden neue Bilder erzeugt, weiß auch Rüdiger Heid, Leiter von "Buntkicktgut" zu berichten, und der Sport eigne sich gut zur Gewaltprävention.

Neben dem Fußballtreff am Freitagnachmittag sind in Pullach von Seiten der Jugendsozialarbeit noch weitere Angebote, auch für Mädchen, geplant. Man wolle die Schüler auf diese Weise untereinander gut vernetzen, sagt Sozialpädagoge Goldbrunner. Besonders am Gymnasium, wo der Anteil der ausländischen Schüler eher gering ausfällt.

© SZ vom 19.07.2016
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