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Traditionelle Wirtshäuser:Treffpunkt für Künstler, Studenten und Spione

Unter der Ägide des Bildhauers Josef Heppner wurde der Rabenwirt in Pullach Anfang des 20. Jahrhunderts ein beliebtes Ausflugsziel der Münchner Boheme.

Von Daniela Bode

Es muss ein Heidenspaß gewesen sein. Adolf Scherer, ehemals Bäcker in Pullach, war im ersten Weltkrieg im Leibregiment gewesen und verletzt worden, er hatte daher ein Holzbein. Manchmal erlaubten er und seine Freunde sich am Stammtisch im Rabenwirt in Pullach einen Scherz. "Als die Stube voll war, provozierten sie einen Streit, einer zog ein Messer und hat es ihm ins Bein gerammt", erzählt Erwin Deprosse augenzwinkernd. Deprosse hat lange im Rathaus gearbeitet, unter anderem als Geschäftsleiter, und ist noch im Ruhestand mit viel Herzblut als Archivar dort tätig. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie es einige Jahre in dem Wirtshaus am Kirchplatz 1 zugegangen sein muss.

Das Haus kann auf eine bewegte Geschichte mit vielen interessanten Gästen zurückblicken. Im 18. Jahrhundert entstand ungefähr an der Stelle, wo sich heute der Rabenwirt befindet, eine so genannte Bierzäpflerei. Hier durfte nur nach den Sonntagsmessen ausgeschenkt werden. Seit er sich hier niedergelassen hatte, übernahm das der Gemeindevorsteher Johann Weiß.

Auch das gute Bier spielte eine Rolle

Erst um 1860, nach anderen Quellen bereits 1852, erhielt er die Vollkonzession, auch Speisen anzubieten. Von da an kam immer mehr Leben ins Haus, das bald nach seinem neuen Besitzer Anton Köck "Köckswirtshaus" hieß, wie auf der Homepage des jetzigen Rabenwirts zu lesen ist. Seit die Staatsbahn 1855 bis ins benachbarte Großhesselohe fuhr und man gut zu Fuß über einen Waldweg die Hochleite entlang nach Pullach kam, entdeckten viele Münchner den Ort mit seinem wunderbaren Ausblick aufs Isartal als beliebtes Ausflugsziel.

Auch viele Künstler und Studenten fanden Gefallen an dem Haus, nicht zuletzt als der Münchner Steinbildhauer Josef Heppner es laut Deprosse noch vor der Jahrhundertwende gekauft und ausgebaut hatte. Auch das gute Bier dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben. Durch Heppner erhielt es auch seinen heutigen Namen. Er hatte sich die Jahre zuvor mit weiteren Münchner Künstlern im Gasthof Iberl im benachbarten Solln zum Stammtisch getroffen.

Dort verliebte er sich in die hübsche Wirtstochter Anna Iberl, fand Gefallen an der Gastronomie und griff zu, als ihm Anton Köck sein Lokal zunächst zur Pacht, dann zum Kauf anbot. Den Stammtisch verlagerte Heppner natürlich in sein Haus in Pullach. Die Künstlerfreunde nannten sich "Die Raben", weil sie wie diese Vögel einfielen, um etwas zu essen, und mit großem Lärm wieder verschwanden, wie Deprosse erzählt. Von da an hieß das Haus "Zum Rabenwirt".

Ein Steinrelief neben der Eingangstür, das Heppner geschaffen hat und sieben Raben zeigt, erinnert noch heute an die Künstlergruppe. Schon früher verkehrten laut der Pullacher Ortschronik Studenten und Künstler mit so bekannten Namen wie Sebastian Habenschaden, Franz Graf von Pocci und Karl Stieler in dem Haus.

Eine illustre Gesellschaft, die es verstand, Spaß zu haben. "Im Rabenwirt wurden wüste Feste gefeiert", sagt Sibylla Abenteuer, die 2000 mit ihrem damaligen Mann Klaus das Haus übernahm und heute alleinige Wirtin ist. Es sollen auch Bänke den Hang zur Isar hinunter geworfen worden sein. Erzählt wird auch von schlagenden Studentenverbindungen, die hier gefeiert haben. Die Gäste reisten mit allen Fahrzeugen an, die es damals eben gab. Mit der Isartalbahn, die seit 1891 verkehrte und in Pullach eine Haltestelle hatte. Und mit der Kutsche - die Pferde ließ man während des Wirtshausbesuchs im Stall versorgen, in etwa da, wo heute die Raben-Apotheke situiert ist.

Georgenstein

Pullach ist ein guter Startpunkt für Spaziergänge am Isarhochufer und an der Isar. Schöne Ziele sind beispielsweise der Klettergarten auf der Höhe von Buchenhain und das Naturdenkmal Georgenstein noch etwas weiter südlich. Los gehen kann man an der Jaiserstraße, Ecke Habenschadenstraße. Dort führt eine Treppe nach unten zur Isar. Dann die Isar entlang Richtung Süden, entweder auf der Kanalstraße oder durch den Pfad im Wald. Etwas weiter südlich läuft man am besten durch den Höllriegel-Park, den der Münchner Steinmetzmeister Franz Höllriegel Mitte des 19. Jahrhunderts als Landschaftsgarten anlegen ließ. Ein Stück weiter nach der Hochspannungsleitung kommt eine Abzweigung nach rechts zum Klettergarten. Dort kann man nach oben gehen und landet in Buchenhain. Oder man bleibt auf dem Weg und blickt bald auf den Georgenstein, einen Felsblock, der etwa fünf Meter aus dem Fluss ragt. Direkt zum Stein kommt allerdings nur, wer auf der anderen Seite der Isar unterwegs ist. Daniela Bode

Als das Wirtshaus um 1906 besonders florierte, ließ Heppner es von den Gebrüdern Rank großzügig umbauen. Vielleicht stieg ihm der Erfolg auch etwas zu Kopf, jedenfalls ließ er sich auf eine Rivalität mit dem Nachbarn ein. Er ließ auf der nördlichen Seite eine große Villa anbauen, Trutzbau wurde sie genannt, wie Sibylla Abenteuer erzählt, um dem benachbarten Bürgerbräu den Blick auf die Alpen zu versperren. Die Terrasse wurde vergrößert. Etwa 1910, als die Spatenbrauerei die Bierbelieferung übernahm, sollen in den Wein- und Bierstuben, den Gesellschaftssälen und auf der Terrasse des Rabenwirts um die 5000 Menschen Platz gefunden haben.

Viele Jahre blieb das Haus im Besitz der Familie Heppner. Später kaufte es ein wohlhabender Münchner Anwalt, der Schwager eines der Heppner-Söhne. Heute ist es in Besitz der Enkelin dieses Anwalts, wie Abenteuer erzählt. Im Krieg war das Haus zeitweise geschlossen, es folgten verschiedene Wirte, bis es die Familie Abenteuer übernahm.

Heute präsentiert sich das Haus edel und traditionell

Auch in den 20 Jahren seither hat sich einiges ereignet. Während nicht mehr vor allem Studenten und Künstler in dem Haus verkehren, sind es heute viele Familien. Auch viele Geschäftsleute kamen und kommen, sitzt doch der Industriekonzern Linde im Pullacher Ortsteil Höllriegelskreuth und die Arzneimittelfirma Hermes im Ortsteil Großhesselohe.

Mit Sicherheit trafen sich dort auch Mitarbeiter des Bundesnachrichtendiensts, der noch immer 1000 bis 1500 Mitarbeiter am Standort in Pullach hat. Genau weiß man das natürlich nicht. "Bei einigen Gästen habe ich es mir im Nachhinein gedacht, wenn sie auf einmal umzogen", sagt Abenteuer, die bis 2019 mit ihrem damaligen Mann Klaus auch das Gasthaus Iberl's führte und bis vor kurzem auch das Isartaler Brauhaus in Großhesselohe, das nun er alleine leitet. Wenn Gäste etwa auf einmal zu ihrer Frau nach Spanien ziehen mussten oder ähnliches. Wenn es politische Krisen gab, sagt Abenteuer, habe es immer einige internationale Buchungen bei ihnen gegeben.

Der Rabenwirt ist längst nicht mehr nur ein einfaches Wirtshaus. Laut Abenteuer hat sich das Haus zum Gasthaus und mittlerweile in Richtung Restaurant gewandelt. "Wir sind immer mit der Zeit gegangen, die Ansprüche der Gäste sind gestiegen", sagt sie. Viele Jahre hat sie selbst viel dekoriert. Heute präsentiert sich das Haus edel und gleichzeitig traditionell. Wie man das von Abenteuer kennt, hat sie viele Ideen. Sie möchte zum Beispiel bald einen DJ engagieren und eine Rave-Party auf der großen Terrasse veranstalten. Abenteuer denkt auch daran, Künstler ihre Werke im Rabenwirt ausstellen zu lassen. Feste feiern und Künstler beherbergen, ein bisschen wie zu Heppners Zeiten also.

© SZ vom 14.08.2020

Rabenwirt
:Aussicht und Ambiente

Außen punktet das Lokal mit seiner Terrasse über dem Isartal, innen mit edlem Design

Von Daniela Bode

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