Pullach:Projekt Big Wings soll gestutzt werden

Die lokale Agenda fordert den Gemeinderat auf, die Erweiterungs- und Umbaupläne vom United Initiators auf ein Mindestmaß zu reduzieren

Von Michael Morosow, Pullach

Die umstrittenen Umbau- und Erweiterungspläne des Pullacher Chemiewerks United Initiators (UI) sollen nach dem Willen der lokalen Agenda 21 radikal zusammengestutzt werden. In ihrer Stellungnahme im Rahmen des zweiten Schrittes zur Öffentlichkeitsbeteiligung fordert die Gruppierung den Gemeinderat auf, alle Vorhaben auf ein Mindestmaß zu reduzieren, die über das vom Unternehmen vorgestellte Projekt "Big Wings" hinausgehen. Keine Mehrung der industriell nutzbaren Flächen, Begrenzung der Produktionsmengen und Lagerkapazitäten, keine Waldrodungen, Begrenzung der Kühlwasserentnahme aus den Hangquellen, Umstellung auf Ökostrom und eine zunehmende Verlagerung des Gefahrgutransporten von der Straße auf die Schiene - das sind die wesentlichen Forderungen des Agenda-Teams, über die nun der Gemeinderat entscheiden muss. Die Agenda spreche sich mit Rücksicht auf die Sicherheitsinteressen der Pullacher Bürger gegen eine Mehrung der industriell nutzbaren Fläche aus, die sich durch die Umwandlung von bisherigem Gewerbegebiet in Industriegebiet ergeben würde, heißt es in dem Antrag. Das betreffe eine Fläche von insgesamt 25 800 Quadratmeter, wobei auf der größeren Teilfläche mit 19 000 Quadratmetern auch Produktions- und Lagerstätten zugelassen sein sollen. Großen Wert legt die Agenda auch auf die Begrenzung der Produktionsmengen und Lagerkapazitäten. "Wir meinen, dass eine mögliche Erweiterung der elektrochemischen Produktion organischer Peroxide und der Lagerung dieser als Gefahrstoffe klassifizierten Produkte auch mit einer Erhöhung der Störfallwahrscheinlichkeit verbunden ist."

"Dass trotz aller Sicherheitsmaßnahmen ein Störfall jederzeit möglich ist, hat sich vor Kurzem in Leverkusen gezeigt", begründen die Antragsteller ihre Bedenken. Im Chempark Leverkusen waren bei einer Explosion am 27. Juli sieben Menschen getötet und 31 verletzt worden. Die Gemeinde solle daher die von UI beim Landratsamt München beantragte Erhöhung der Lagerkapazität auf 3340 Tonnen organischer Peroxide ablehnen. Die Lagerkapazität solle stattdessen maximal 1600 Tonnen betragen, die Produktionsmenge an Gefahrstoffen 60 000 Tonnen jährlich nicht überschreiten.

Unbedingt vermieden werden solle auch die von UI vorgesehene Rodung von circa 16 000 Quadratmeter Wald im Süden des Werksgeländes. "Diese Waldfläche habe angesichts des dramatisch fortschreitenden Klimawandels durchaus eine klimarelevante Bedeutung und bindet jährlich circa 20 bis 30 Tonnen Kohlenstoffdioxid", argumentiert die Agenda. Die Versiegelung der gerodeten Fläche für industrielle Nutzung sei darüber hinaus aus ökologischer Sicht ebenfalls abzulehnen. Die Gemeinde solle stattdessen im Rahmen eines städtebaulichen Vertrags mit dem Unternehmen entsprechende Höchstmengen verbindlich vereinbaren.

Das Instrument eines städtebaulichen Vertrages soll die Gemeinde nach Darstellung der Agenda auch in anderen Bereichen anwenden. In einem solchen etwa sollte mit UI verbindlich vereinbart werden, dass das Unternehmen seinen Fremdstrombezug bis zum Jahr 2022, sein erdgasbetriebenes Dampfwerk bis 2025 auf hundert Prozent Ökostrom umstellt und auch bei der Versorgung mit Prozesskälte auf regenerative Energiequellen zurückgreift. "United Initiators ist immerhin der größte Energieverbraucher und CO₂-Produzent am Ort", schreibt die Agenda.

Auch der "sehr hohe Ressourcenverbrauch" von mehr als vier Millionen Kubikmeter Quellwasser aus dem Isarhang, überwiegend als Kühlwasser bei der Produktion, soll in einem städtebaulichen Vertrag begrenzt beziehungsweise eingestellt werden. "Die Hangquellen stellen eine wertvolle Trinkwasserreserve für Pullach und die Region dar", das Kühlwasser könne aus dem Isarkanal entnommen werden. Mit dem Unternehmen soll auch eine Vereinbarung über die Verlagerung des Auslieferverkehrs von der Straße auf die Schiene verhandelt werden, und schließlich beharrt die Agenda auf der Einhaltung der EU-Luftreinhaltungsrichtlinien und fordert, dass künftig die Luft in der Umgebung des Chemiewerkes regelmäßig gemessen wird.

Wann und in welchem Rahmen sich der Gemeinderat mit den Einwänden der Agenda beschäftigen wird, ist noch unklar. Laut dem Leiter der gemeindlichen Bauverwaltung Jürgen Weiß steht noch nicht fest, ob über den Antrag separat debattiert und beschlossen werden wird, wie von der Agenda gewünscht, oder die Einwände im Rahmen der gemeindlichen Abwägung zusammen mit anderen in einem Paket behandelt werden. Eine Entscheidung darüber obliege Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund, die noch im Urlaub weile, sagte Weiß.

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