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Pullach:Klein-Klein statt großer Wurf

Anstelle des abgerissenen Herzoghauses soll ein Wohnhaus mit Läden und Praxen entstehen.

(Foto: Claus Schunk)

Die Gemeinderäte können sich nicht auf ein städtebauliches Gesamtkonzept für das Bahnhofsareal einigen und überplanen nur einzelne Grundstücke. Kritiker warnen vor der Entstehung eines neuen Ortszentrums.

Stadtplanung sei kein "Ding", sondern ein "Dingdong", sagte der Pullacher Gemeinderat Arnulf Mallach in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats, als es um die Zukunft des Bahnhofsareals ging. Das parteilose Mitglied der SPD-Fraktion machte mit diesem putzigen Vergleich Werbung für ein stadtplanerisches Gesamtkonzept, das die Gemeinde seiner Überzeugung nach für diesen zentralen Bereich anfertigen lassen soll. Vergebens, wie sich zeigte. Am Ende stimmte eine knappe Mehrheit gegen diese große Klammer und stattdessen für den "kleinsten gemeinsamen Nenner", wie Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) es ausdrückte.

Vom Tisch ist damit eine ganzheitliche Betrachtung des Bahnhofareals, zu dem neben dem Bahnhofsgebäude noch das Gelände des historischen, inzwischen abgerissenen Herzoghauses sowie die "Schäferwiese", die Grünfläche über der Tiefgarage, gehört. Stattdessen wird die Gemeinde nun in Detailplanungen eintreten und jede der drei Flächen gesondert betrachten. "Klein-Klein" also statt "Dingdong." Dieses Bild zeigte sich auch bei den Entscheidungen, die der Gemeinderat zu jedem einzelnen Abschnitt fasste und dabei sogar Sätze aus der Beschlussvorlage einzeln herauspflückte und zur Abstimmung brachte.

Kritiker warnen vor einem zweiten Ortszentrum

Von der Entscheidung des Gremiums enttäuscht zeigte sich nicht zuletzt der Sprecher der Pullacher Agenda 21, Bert Eisl, der noch vor der Sitzung in einem Schreiben der Bürgermeisterin und den Fraktionsvorsitzenden dringend empfohlen hatte, für alle drei Abschnitte einen städtebaulichen Wettbewerb auszurufen. Eisl verwies dabei auf die im Ortsentwicklungsplan (OEP) der Gemeinde formulierte Empfehlung eines solchen Wettbewerbs "mit dem Leitziel, dass zwischen Bahnhofsareal und Kirchplatz eine attraktive Erweiterung des alten Ortskerns entsteht". Was Eisl damit verhindern will, ist das Entstehen von zwei Ortszentren, eines am Bahnhof und eines am Kirchplatz.

Sehr knapp fiel die Entscheidung bezüglich des Herzoghaus-Areals aus. Mit neun zu acht Stimmen beschloss das Gremium, diese nach dem Abriss des historischen Gebäudes frei gewordene Fläche von der Wohnungsbaugesellschaft Pullach, der das Grundstück gehört, überplanen zu lassen. Dabei besteht weitgehend Konsens über die gewünschte Nutzung des Neubaus: Wohnraum, Einkaufsläden und Arztpraxen sollen dort entstehen. Für die von der Rathausverwaltung vorgeschlagene kulturelle Nutzung des Bahnhofs stimmten 13 Ratsmitglieder, und dass die Fläche nördlich des Bahnhofs, die aktuell als Containerstandplatz und Parkplatz genutzt wird, für eine Bebauung überplant wird, gefiel 15 Gremiumsmitgliedern.

Es war eine bis dahin noch nicht gesehene Koalition der Grünen und der Wählergruppe Wir in Pullach (WIP), die gegen die Stimmen von CSU, SPD und FDP das Ende eines Gesamtkonzepts herbeiführte. Der Vorschlag von Alexander Betz, den Tagesordnungspunkt zu vertagen und eine Entscheidungsfindung dem neugewählten Gremium zu übertragen, wurde mit fünf zu zwölf Stimmen abgelehnt. Nach Darstellung Tausendfreunds ist der Vorschlag für die kleine Lösung der Sorge geschuldet, dass sonst gar nichts vorwärts gehen würde.

"Ich kann mir vorstellen, dass der Wettbewerb scheitert, weil wir uns nicht über Rahmenbedingungen einigen können", sagte die Bürgermeisterin. Ein städtebaulicher Wettbewerb bringe die Gemeinde eher zurück als nach vorne, sagte auch Marianne Stöhr (Grüne). Reinhard Vennekold (WIP) warnte vor den Kosten eines städteplanerischen Gesamtkonzeptes, die dann in den Sand gesetzt wären, wenn der neue Gemeinderat den Beschluss wieder kippen würde. Diese Annahme sei falsch, konterte Arnulf Mallach (SPD), "denn bis dahin werden wir keine Ausgaben haben".

Wie Mallach argumentierten auch sein Fraktionskollege Holger Ptacek und Andreas Most von der CSU vergeblich für die große Lösung. Die Stellungnahme der Agenda dazu sei ein positives Beispiel für Schwarmintelligenz, sagte Ptacek. Most warb dafür, das Thema ganzheitlich zu betrachten, und, falls Zweifel bestehen, besser zu vertagen. Sein Fraktionskollege Arnulf Brandstetter kritisierte nach der Sitzung in einem Schreiben, es sei erschütternd, wie sich bei der Planung Bahnhofsareal und Herzoghausgrundstück in einer "neuen Koalition Grüne/WIP" das Prinzip "Kleinkleckersdorf" durchgesetzt habe.

© SZ vom 11.03.2020
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