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Pullach:Naturwaldreservat mit Klimawandel-Vorbehalt

Grünwald, an der Isar, Spaziergängerin mit Hund im Spätherbst,

Der Gemeindewald am Isarhang bei Pullach soll laut einstimmigem Beschluss zum Naturwaldreservat werden.

(Foto: Angelika Bardehle)

Auf Betreiben der FDP will die Gemeinde bei der Ausweisung darauf dringen, dass notwendige Eingriffe vorgenommen werden dürfen

Von Martin Mühlfenzl, Pullach

Wer von den Kiesbänken der Isar aus Richtung Westen nach oben blickt, sieht sattes Grün. Dicht bewachsene Wälder mit hoch aufragenden Bäumen, die sich gewissermaßen schützend vor die Gemeinde Pullach hoch oben am Hang stellen. Diese Hang- und Schluchtenwälder, die sich in großen Teilen im Besitz der Gemeinde befinden, sind ortsbildprägend wie im Ortskern die Mauern des Bundesnachrichtendienstes - und sie sollen dem Willen des Gemeinderates nach für die nächsten Jahrzehnte unter besonderen Schutz gestellt werden. Das Gremium hat am Dienstagabend einstimmig beschlossen, die Ausweisung eines sogenannten Naturwaldreservats auf den Flächen des Gemeindewaldes bei der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft zu stellen. Damit würde der Gemeindewald auf lange Zeit sich selbst überlassen und zu einer Art Urwald an der Isar.

Weit mehr als 150 solcher Naturwaldreservate mit einer Fläche von nahezu 8000 Hektar existieren bereits im Freistaat - darunter etwa der Auwald in der Pupplinger Au an der Isar mit seinem dichten Bestand aus Kiefern, Weißerlen und Weiden oder das Naturwaldreservat Fasanerie im nördlichen Landkreis zwischen der Landeshauptstadt und Oberschleißheim. Für alle Reservate gilt, dass weder eine Bewirtschaftung noch eine Holzentnahme erfolgen darf. Dadurch soll eine natürliche Entwicklung der Wälder ohne menschliche Eingriffe ermöglicht werden; in Pullach soll dies für eine Fläche der Größe von etwa 75 Fußballfeldern gelten.

Für FDP-Gemeinderat Alexander Betz ist die Ausweisung eines Naturwaldreservats "grundsätzlich eine gute Sache", wie er im Gemeinderat sagte. Die Sache habe aber einen Haken. Die Gemeinde würde sich ihrer Handlungsfähigkeit berauben, wenn es darum gehe, die Zukunft des Waldes zu sichern. "Unser Ziel muss es doch sein, den Wald so umzuwandeln, dass auch der Klimawandel berücksichtigt wird", sagte Betz. Wenn die Gemeinde als Besitzerin aber überhaupt nicht mehr in den Wald eingreifen dürfe, sei dies nicht mehr möglich. "Die Eschen sind am Kaputtgehen. In den nächsten Jahrzehnten kommen wir eventuell in eine Situation, in der wir deshalb eingreifen müssen", sagte Betz. "Denn wenn die einheimischen Bäume sterben, dann müssen wir Bäume pflanzen, die sich an die neuen Klimabedingungen besser anpassen." Daher müsse die Möglichkeit geschaffen werden, einen Wald klimagerecht umgestalten zu dürfen, auch wenn dies die Statuten des Freistaats nicht vorsähen.

Betz schlug daher vor, "erst mal nichts zu machen", und auf die Anerkennung des Pullacher Gemeindewaldes als Naturwaldreservat zu verzichten. Bernhard Rückerl, Leiter des Umweltamtes im Rathaus, entgegnete, er finde den "Grundgedanken", überhaupt nicht in den Wald eingreifen zu dürfen, "auch nicht nur gut". Grundsätzlich sei es aber sinnvoll, den Wald weitestgehend sich selbst zu überlassen.

Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) wies darauf hin, dass es nun erst nur darum gehe, den Antrag zu stellen - in den Verhandlungen mit den Behörden über die Ausweisung eines Naturwaldreservates könne dann darauf gedrungen werden, dass klimapolitisch notwendige Umbauten des Waldes doch erfolgen dürften. Diesen Passus nahmen die Gemeinderäte dann in die Beschlussvorlage auf und stimmten einstimmig für die Einrichtung eines Reservates.

Falls dieser vom Freistaat gebilligt wird, verzichtet die Gemeinde zunächst für einem Zeitraum von 20 Jahren auf die Bewirtschaftung des Waldes und die Holzentnahme - und der Hangwald wird in eine urwaldähnlichen Zustand mit zahlreichen Altbäumen und Totholz versetzt. Auf dem betreffenden Areal dürfte dies leicht fallen, da der Mensch an den steilen Hängen und Schluchten aufgrund der Bedingungen schon in den vergangenen 120 Jahren nur geringfügig in den Wald eingegriffen hat.

© SZ vom 21.01.2021
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