Michael Graeter:Kein Blatt vor dem Mund

Michael Graeter: Elegant, aber erfolglos: Kolumnist Michael Graeter hat sich im Pullacher Gemeinderat vertippt.

Elegant, aber erfolglos: Kolumnist Michael Graeter hat sich im Pullacher Gemeinderat vertippt.

(Foto: Claus Schunk)

Der Klatschreporter kassiert im Pullacher Gemeinderat einen Ordnungsruf von Bürgermeisterin Tausendfreund.

Von Udo Watter, Pullach

Ein Bürgerhaus am Stadtrand ist nicht gerade der Sehnsuchtsort par excellence für einen, der mal als Deutschlands berühmtester Gesellschaftskolumnist galt. Wenn dann dort auch noch der Gemeinderat statt der Schickeria tagt, stellt sich die Frage: Was tut der hier? Michael Graeter, der viele Jahre lang für AZ, Bunte und Bild die Welt der Schönen und Reichen erkundete, wird doch auf seine alten Tage nicht noch auf beinharten Lokaljournalismus umsatteln?

Dass der 1941 geborene Münchner sich mit den Regeln der Lokalpolitik indes nicht ganz so gut auskennt wie einst mit den gesellschaftlichen Codes der Hautevolee, zeigte sich in der Dienstagssitzung des Pullacher Gemeinderats. Der Tagesordnungspunkt, dessentwegen er gekommen war - die Entscheidung, ob die Gemeinde das denkmalgeschützte Hutherhaus an der Habenschadenstraße als Eigentümerin behalten oder aber verkaufen würde, war bereits abgeschlossen, als sich Graeter erhob und markant zu Wort meldete. Der Mann, der als Vorbild für Helmut Dietls Reporter Baby Schimmerlos ("Kir Royal") gilt, später aber finanziell abstürzte und sogar kurz ins Gefängnis musste, wollte sein vermeintlich demokratisch verbrieftes Rederecht nutzen. Er kritisierte die gerade getroffene Entscheidung - die Gemeinde wird das Haus behalten und die Sanierung selbst stemmen statt sie in private Hände zu geben - und sprach verärgert von "Willkür".

Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) war erst mal perplex: Der selbstbewusst auftretende, elegant gewandete Graeter ließ sich von ihrem Einwand, dass Bürger während einer Gemeinderatssitzung nicht einfach mitdiskutieren dürften, nicht irritieren, sondern glaubte wohl, nach seiner Vorstellung ("Ich bin Michael Graeter und seit 60 Jahren Journalist in München." ) eine erneute Diskussion vom Zaum brechen zu können. Nach kurzem Hin und Her und unter Einsatz der Glocke schaffte es Tausendfreund schließlich, sich durchzusetzen: "Ich darf Sie jetzt zur Ordnung rufen."

Die besagte Entscheidung fiel knapp aus (11:9), auch weil Sebastian Westenthanner (CSU) sich überraschend den Fraktionen von Grünen, SPD und Pullach Plus anschloss. Daher wühlte sie wohl auch besonders auf, zumal die Vorgeschichte inklusive Räumungsklage und nicht-öffentlicher Verkaufsgespräche mit privaten Investoren lang und kompliziert ist. Persönlich betroffen ist davon Michaela Keune, die am Dienstag anwesend war: Sie lebt seit zehn Jahren im Hutherhaus und betreibt dort als Dirndl-Designerin und Trachtenschneiderin ein Gewerbe. Ihre Eltern wollten das Gebäude kaufen und selbst sanieren. Graeter war offensichtlich zu ihrer Unterstützung hier. Elegant, aber erfolglos.

© SZ vom 29.07.2021/lb
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