Süddeutsche Zeitung

Pullach:Kulturgut und Gefahrenquelle

Münchner Forum und Kanuverband verweisen auf Defizite in den Plänen zur Sanierung des Großhesseloher Wehrs

Von Julian Raff, Pullach

Die Erneuerung des Großhesseloher Wehrs dürfte aus technischer Sicht überfällig sein, soll aber sowohl die Belange des Denkmalschutzes stärker berücksichtigen als auch die Sicherheit von Wassersportlern. Ersteres fordert das Münchner Forum, Letzteres der Bayerische Kanuverband. Gemeinsam verlangen beide Gruppen, die wasserrechtliche Genehmigung für den geplanten "Ersatzneubau" zu verweigern, solange ihre jeweiligen Anliegen nicht in die Planung eingeflossen sind.

Für das Münchner Forum, einen gemeinnützigen Verein, der Ende der Sechzigerjahre auf Initiative von Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD) gegründet wurde und seither die Stadtentwicklung kritisch begleitet, haben sich unter anderem dessen Vorsitzender Detlev Sträter und sein Vize Klaus Bäumler ans Landesdenkmalamt gewandt, dem sie die Aufnahme des 113 Jahre alten Bauwerks in die Denkmalliste nahelegen. Der frühere Verwaltungsrichter Bäumler unterlegt die Causa mit detaillierten juristischen Begründungen. Viele gute Gründe kann aber auch der Laie überall an der Isar besichtigen, in Form denkmalgeschützter Isarkraftwerke, Wehre und sonstiger Wasserbauten, vom Ickinger Wehr, übers Corneliuswehr und die Kaimauern der Inneren Isar, bis hin zum Muffat- und zum Maxwerk. Den benachbarten und besonders imposanten Präzedenzfall gibt das 1906 bis 1908 in Verbindung mit dem Großhesseloher Wehr entstandene Isarwerk 1 ab. Dort, zwischen Hinterbrühl und Marienklause, läuft das älteste große Wasserkraftwerk der Stadtwerke München.

Der bislang verkannte Denkmalwert des flussaufwärts unterhalb der Großhesseloher Brücke gelegenen Wehrs liegt für Bäumler und das Forum nicht allein in den Bauten. Vielmehr habe seinerzeit das noch heute maßgebliche Genehmigungsverfahren mit seinem ganzheitlichen Ansatz Umweltschutz- und Rechtsgeschichte geschrieben: Nicht zuletzt auf Druck des 1902 gegründeten Isartalvereins war die Anlage unter der Voraussetzung genehmigt worden, die einzigartige Mischung aus Natur- und Kulturlandschaft weitgehend zu erhalten, auch wegen ihrer sozialen Bedeutung als Erholungsgebiet. Als Kompensation für die Landschaftseingriffe entstand unter anderem der Park um den Hinterbrühler See, nach dem Vorbild der Flaucheranlagen.

Die Einwände des Kanuverbandes gegen die Sanierung in ihrer jetzigen Form haben mit den jüngsten Hochwassern, Rettungseinsätzen und Unfällen an der Isar noch einmal an Aktualität gewonnen. Wie zuletzt eine spektakuläre Rettung am 26. Juli zeigte, kann das Wehr bereits im jetzigen Zustand eine lebensgefährliche Falle für unbedarfte Schlauchbootfahrer werden, die oft schwimmend versuchen, ihre nicht wildwassertauglichen Fahrzeuge aus Gefahrenzonen zu manövrieren. Regelmäßig bleiben Schlauchboote an den hölzernen Wehrklappen hängen, obwohl diese von weitem zu sehen sind. Mit den geplanten überströmten Klappen wäre die Stufe aber von oben gesehen für Unerfahrene kaum wahrnehmbar, ein Sturz darüber wegen der unten liegenden Walze ("Rücklauf") noch gefährlicher als die bisherigen Havarien, heißt es in einem Schreiben des Kanuverbands ans Umweltreferat. Unerfahrene Bootsfahrer, die das Wehr trotzdem rechtzeitig erkennen, müssten sich entscheiden, ob sie ihre Boote in den Kanal umsetzen oder - ums Wehr herum - in den Isar-Unterlauf tragen sollen. Wer zu lange überlege, könne also dennoch ans Wehr getrieben werden. Als Konsequenz fordert der Kanuverband, obwohl ausdrücklich kein Fürsprecher umfassender Verbote, das freie Isarbett zwischen Großhesseloher Wehr und Marienklause für "Badeboote" zu sperren, falls die jetzige Planung umgesetzt wird. Der obligatorische rechtzeitige Umstieg in den Kanal müsse vorgeschrieben und entsprechend gekennzeichnet werden. Im Bereich der Marienklause bliebe aber eine lange Tragestrecke, da der Kanal hier vom Isarwerk 1 versperrt wird.

Für Kanuten und andere Sportbootfahrer könnte das Wehr über eine auch als Fischaufstieg nutzbare "Bootsgasse" passierbar bleiben, die nicht ausgeschildert und am Einlass auf 1,2 Meter verschmälert werden sollte, um Schlauchbootfahrer abzuhalten. Weit besser wäre es aus Sicht der Wassersportler allerdings, den Ostteil des Wehrs von einer unbeweglichen Mauer in eine bei allen Wasserständen überströmte "Sohlgleite" beziehungsweise eine "raue Rampe" zurückzubauen. Das sanftere Gefälle könnte unterschiedlichen Bootstypen eine sichere Abfahrt und zugleich Fischen einen zusätzlichen Aufstieg eröffnen. Ob sich die Idee technisch umsetzen lässt, bleibt allerdings abzuwarten, da im Inneren der Mauer ein 1,2 Meter dickes Druckrohr für die Münchner Wasserversorgung verläuft.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5401637
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 06.09.2021
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.