TechnikdenkmalDas Isarwehr ist fit für die Zukunft

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Aktueller Schleusenwärter: Christian Hickisch ist technischer Leiter der Isarwerke. Im Bild befindet er sich auf dem Teilungswehr (im HIntergrund das Schleusenwärterhaus).
Aktueller Schleusenwärter: Christian Hickisch ist technischer Leiter der Isarwerke. Im Bild befindet er sich auf dem Teilungswehr (im HIntergrund das Schleusenwärterhaus). (Foto: Florian Peljak)
  • Das über 100 Jahre alte denkmalgeschützte Isarwehr in Pullach wurde nach jahrelanger Planung und zweijähriger Bauzeit umfassend saniert.
  • Während der Bauarbeiten wurden 600 Tonnen historische Steinbrocken geborgen, darunter eine Gebotstafel der 1938 abgerissenen Münchner Hauptsynagoge.
  • Die Stadtwerke München erhielten im Oktober den Anerkennungspreis des oberbayerischen Denkmalpreises für die gelungene Sanierung der Anlage.
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Die denkmalgeschützte Anlage in Pullach ist umfassend saniert worden, um weiterhin Schutz vor Hochwasser zu gewährleisten. Das ist so gut gelungen, dass es dafür einen Preis gibt.

Von Annette Jäger, Pullach

Das Schleusenwärterhaus mit seinen weiß eingerahmten Fenstern thront leuchtend gelb in der Isar gleich bei der Großhesseloher Brücke in Pullach. Vor über 100 Jahren wohnte und arbeitete dort der Schleusenwärter. Es muss ein anstrengender Job gewesen sein. Egal wie rau die Temperaturen, wie garstig Wind und Wetter, er war der Lotse im oft reißenden Flussverkehr. Er öffnete und schloss die Floßgasse, um die Flößer, die das Brenn- und Bauholz aus dem Oberland nach München transportierten, in den parallel zur Isar verlaufenden Werkkanal zu leiten. Dort gelangten sie auf ruhigen Wassern in die Stadt. Obendrein war er dafür verantwortlich, die Wasserstände zwischen Fluss und Kanal zu regulieren. Vor allem, wenn das Schmelzwasser aus den Bergen Hochwassergefahr in München bedeutete, musste er die Schützentafeln des Stauwehrs, die Sperren, immer wieder nachjustieren.

Heute wohnt in dem gelben Haus am Isarwehr immer noch ein Schleusenwärter. Christian Hickisch steht auf dem Klingelschild am Eingangstor zum Wehr. Allerdings ist seine offizielle Berufsbezeichnung heute eine andere. Hickisch ist Wasserkrafttechniker und bei den Stadtwerken München Technischer Betriebsleiter der Isarwerke. Das Großhesseloher Wehr wird heute komplett elektronisch gesteuert, Flößer kommen hier nur noch auf Ausflugsfahrten vorbei.

Das mehr als 100 Jahre alte Schleusenwärterhäuschen mit charmantem Satteldach, daneben die hochmoderne computergesteuerte Wehranlage: Beide Bauten erzählen von dem Spagat, den die Stadtwerke als Eigentümer des Isarwehrs in den vergangenen Jahren zu vollbringen hatten. Das denkmalgeschützte Isarwehr galt es zu bewahren, gleichzeitig musste es umfassend saniert werden, um weiterhin Schutz vor Hochwasser zu gewährleisten, aber auch um die Gefahr zu reduzieren, dass sich Treibgut wie Äste und Baumstämme in der Anlage verkeilten. Außerdem sollte die Durchgängigkeit für Fische verbessert werden.

Viele Jahre Planung, zwei Jahre Bauzeit und einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag an Investitionskosten später wurden die allerletzten Feinarbeiten im Oktober beendet. Spaziergängern am Isarufer präsentiert sich jetzt mit dem Isarwehr ein ebenso modernes wie historisches Bauwerk, das ein Stück Flussgeschichte erzählt. Für die Sanierung der Anlage haben die Stadtwerke im Oktober den Anerkennungspreis des oberbayerischen Denkmalpreises erhalten, den der Bezirk Oberbayern verleiht. Zur Geschichte des Wehrs gehört seit der Sanierung noch ein weiteres Kapitel. Denn während der Bauarbeiten wurden 600 Tonnen historische Steinbrocken aus dem Wasser geborgen. Doch dazu später.

Preiswürdig: das neue Stauwehr der Stadtwerke.
Preiswürdig: das neue Stauwehr der Stadtwerke. (Foto: Florian Peljak)

Es war ein langer Weg bis zur preiswürdigen Vollendung des Projekts. Denn als man bei den Stadtwerken mit der Planung der Sanierung begann, stand das Isarwehr noch gar nicht unter Denkmalschutz. Damals sollte die gesamte Wehranlage abgerissen und neu gebaut werden. Doch mitten im laufenden Genehmigungsverfahren wurde das Isarwehr 2022 als überregional bedeutsames Technikdenkmal in die Denkmalliste aufgenommen, erzählt Christoph Rapp, Leiter der Wasserkraft bei den Stadtwerken. Das stellte die gesamte Planung auf den Kopf.

Das Isarwehr ging 1908 in Betrieb, entworfen hatte es der Münchner Architekt August Blössner (1875 bis 1960). Es reguliert seit jeher die Abflussmengen und Wasserstände der Isar in Großhesselohe und des Werkkanals, der von Baierbrunn bis zur Braunauer Eisenbahnbrücke über eine Strecke von rund 15 Kilometern parallel zur Isar verläuft. Der Kanal liefert das Wasser für die Stromerzeugung der drei Isarkraftwerke, das Kühlwasser für das Heizkraftwerk Süd und er speist die Stadtbäche wie den Westermühlbach.

Besonderes Detail: Christoph Rapp, Leiter der SMW-Wasserkraft, vor Stampfbetonwänden am Wehr.
Besonderes Detail: Christoph Rapp, Leiter der SMW-Wasserkraft, vor Stampfbetonwänden am Wehr. (Foto: Florian Peljak)

Vieles am Wehr war längst nicht mehr im Originalzustand, berichtet Rapp. Im Laufe der Jahrzehnte seien das Stauwehr in der Isar und die Antriebe der Anlage immer wieder überarbeitet und saniert worden. Auch die Pfeiler, die jahrzehntelang dem Wasser standhalten mussten, waren in den 1980er-Jahren erneuert worden. Als besonders schützenswert wurden das über 100 Jahre alte Schleusenwärterhäuschen und die in den 1980er-Jahren stillgelegte Floßgasse mit ihren im Original erhaltenen Antrieben erachtet, die inzwischen stark einsturzgefährdet war.

Besonders an der Floßgasse sind nach Rapps Worten die noch erhaltenen Stampfbetonwände. Damals war der mit Isarkies versetzte Zement schichtweise durch Stampfen verdichtet worden. So entstanden die typisch grobkörnige Oberfläche und die Fugen im Beton. Die denkmalwürdige Anlage wurde rundum restauriert: Die Oberflächen wurden abgedichtet, sodass kein Wasser mehr in das Bauwerk laufen konnte, es wurde stabilisiert, die seitliche Treppe ist jetzt wieder begehbar. Außerdem wurden die Antriebe und auch das Geländer aus Stahl mit Korrosionsschutz versehen. Die alte Floßgasse ist das Schmuckstück des Wehrs geworden. Ein Wandbild an einer Mauer erinnert an die Flößer, die es früher passierten.

Erinnerung an die Flößer: Wandbild an einer Mauer des Wehrs.
Erinnerung an die Flößer: Wandbild an einer Mauer des Wehrs. (Foto: Florian Peljak)

Alt und Neu gehen am Wehr jetzt Hand in Hand: Direkt an die restaurierte Floßgasse schließt sich das neu gebaute Trennwehr an. Bei Hochwasser wird es geschlossen, damit der Werkkanal nicht überläuft. Ebenso neu sind zwei Wehrklappen, die die Wasserstände in der Isar regulieren. Die Fische haben eine Wanderhilfe bekommen. Über eine Fischtreppe können sie den Höhenunterschied in der Isar am Wehr überwinden.

Und dann sind da noch die 600 Tonnen Steine vom Isargrund. Seit der Sanierung gehören auch sie zu dem geschichtsträchtigen Ort. Der Fund hat Christoph Rapp nachhaltig beeindruckt. Das ist seiner Erzählung anzumerken. In Vorbereitung der Baustelle sei das gesamte Isarwehr untersucht worden. „Bekannt war, dass 1955 und 1956 eine extreme Vertiefung in der Sohle des Isarbetts, ein sogenannter Kolk, der durch ein Hochwasser entstanden war, mit Spundwänden gesichert und mit großen Steinen durch die Baufirma Leonhard Moll verfüllt worden war“, berichtet er.

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Für die Bauarbeiten am Wehr habe man die Steine aus dem Wasser holen müssen. „Vor Beginn der Bauarbeiten haben wir Taucher runtergeschickt, um das zu untersuchen.“ Wieder zurück an der Wasseroberfläche berichteten sie von Grabsteinen und anderen beschlagenen Steinen am Isargrund. Das war im Juni 2023. Später, im Januar 2025, gab es noch einen weiteren Fund. Insgesamt wurden 500 Steine geborgen.

Der Fund entpuppte sich als Sensation. Einer der Steine, so ergaben Recherchen, war eine etwa 600 Kilogramm schwere, weitgehend erhaltene Gebotstafel des Thora-Schreins der ehemaligen prachtvollen Münchner Hauptsynagoge, die in der Nazi-Zeit im Juni 1938 abgerissen worden war. In hebräischer Schrift sind die Zehn Gebote in den Stein aus Marmor eingehauen. „Die Firma Moll war 1938 mit dem Abriss der Synagoge beauftragt, die Steine wurden offenbar zwischengelagert, und als Moll mit der Verfüllung des Kolks beauftragt wurde, gelangten sie so 1956 in die Isar“, erzählt Rapp.

2027 soll es eine Ausstellung über die Steinfunde geben

Unter Wasser lagerten offenbar auch Steine anderer Gebäude. Woher genau diese stammen, wird derzeit noch analysiert. Das Jüdische Museum München koordiniert eine interdisziplinäre Untersuchung der Gebäudefragmente und forscht selbst zum historischen Kontext der Steinfunde. Im Frühjahr 2027 sei eine Ausstellung zu den vielschichtigen Aspekten der Steinfunde geplant, sagte eine Sprecherin des Jüdischen Museums auf SZ-Anfrage. Die Gebotstafel hat inzwischen ihren Weg ins Foyer der neuen Hauptsynagoge der Israelitischen Kultusgemeinde am Sankt-Jakobs-Platz gefunden.

Wasserwirtschaft, Denkmalschutz, Natur, Freizeit – am Großhesseloher Wehr kommen viele Interessen zusammen. Alles hat jetzt seinen Platz gefunden. Der letzte Kran hat die Baustelle verlassen, bis zum nächsten Sommer wird Gras über die Baustellenzufahrten wachsen. Christian Hickisch, seine Familie und der Hund haben wieder Ruhe am Wohn- und Arbeitsplatz. Und das Isarwehr kann konstant und automatisiert seine Funktion erfüllen – für die nächsten 100 Jahre, so ist der Plan.

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