Süddeutsche Zeitung

Zeitgeschichte:Neuer Anlauf für Gedenken an NS-Opfer

Eine Kommission soll klären, wie in Pullach an ermordete Juden und Zwangsarbeiter erinnert werden kann. Bisher gibt es dort nur ein Kriegerdenkmal.

Von Udo Watter, Pullach

Die Frage des adäquaten Gedenkens gehört zu den Gretchenfragen nicht nur, aber besonders der deutschen Geschichte. In Pullach, einem Ort, der in der NS-Zeit keine unbedeutende Rolle gespielt hat - und wo aus der Reichsiedlung "Rudolf Heß" nach dem Krieg die BND-Zentrale wurde - zieht sich die Debatte um ein spezielles sichtbares Gedenken an die Opfer des NS-Diktatur schon einige Jahre hin. Der Gemeinderat hat jetzt aber einstimmig beschlossen, die Kommission zur Umgestaltung der Gefallenengedenkstätte ("Kriegerdenkmal") an der Hochleite wieder einzusetzen.

Das Ziel ist, zusätzlich zum gemeinsamen namentlichen Gedenken an Kriegsopfer, vermisste Wehrmachtsoldaten, Bombenkriegstote und Opfer von Flucht und Vertreibung eine manifestierte Form der Erinnerung für jüdische NS-Opfer und Zwangsarbeiter zu schaffen. Die Kommission wird aus Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne) und je einer Vertretung aus den Fraktionen (Grüne, CSU, WIP, SPD, FDP) bestehen. Zudem aus Angelika Bahl-Benker und Peter Habit vom Pullacher Geschichtsforum, den Pfarrern Wolfgang Fluck und Martin Zöbeley sowie Erwin Deprosse und Christian Sachse als Vertreter des Gemeindearchivs. Auf Antrag von Christine Eisenmann (CSU) wird auch noch Heinrich Fischer von der Soldatenkameradschaft zur Kommission gehören.

Die erste Initiative verlief im Sande

"Das Thema schwelt schon lange", erklärte Tausendfreud. In der Tat: Bereits im März 2011 hatte der damalige Pfarrer Kurt Heinrich Bordon vorgeschlagen, eine zusätzliche Gedenktafel für ermordete jüdische Bürger der Gemeinde und Kriegsgefangene anzubringen und im November gab es einen grundsätzlichen Beschluss zur Umgestaltung der 1959 von Bruno Biehler errichteten Gedenkstätte an der Hochleite, auch eine Kommission wurde eingerichtet.

Diese tagte aber nur selten und von 2012 bis 2018 gar nicht mehr. Ganz untätig war die Verwaltung aber nicht und seit 2018 hat eine Kommission in neuer beratender Zusammensetzung wieder Expertenmeinungen eingeholt: von Historikern, der Israelitischen Kultusgemeinde, aber auch von künstlerischen Gestaltern und Denkmalplanern. Die "Pullacher Schriften" zur Aufarbeitung der NS-Zeit dienen zudem als Grundlage.

Tausendfreund und ihre Parteifreundin Renate Grasse erklärten, dass man "klar den Opfergedanken in den Vordergrund stellen" wolle und Archivar Sachse betonte, dass man "ein Vermischen von Einzelfällen nicht machen" könne. Konkret: Ein Gedenkort für die Opfer sollte in angemessenem Abstand vom Kriegerdenkmal mit seiner sakralen Architektur entstehen, zumal dort auch historisch eher zweifelhaft beleumundete Personen erwähnt werden - es soll dort auch eine Erklärungstafel angebracht werden.

Namentliche Erwähnung ist bei dem neuen Denkmal, das in Form von Gedenksteinen entstehen könnte, unbedingt angedacht: "Das ist Standard in der heutigen Erinnerungskultur", so Sachse. Peter Bekk (Grüne) wies auch noch auf den gesellschaftliche Kontext hin und den erstarkenden Antisemitismus. Holger Ptacek (SPD) äußerst sich in Hinblick auf die derzeitige Arbeitsbelastung skeptisch, was die Einrichtung der Kommission betrifft und Cornelia Zechmeister (WIP) gab zu Bedenken, ob ein von der zentralen Berliner Gedenkstätte "Neue Wache" inspirierter Text, wie von Andreas Most (CSU) vorgeschlagen, nicht ausreichend wäre. Der Beschuss, die Kommission in neuer Form wieder einzusetzen, war einstimmig.

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SZ vom 14.10.2020/wkr
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