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Pullach:Erinnerung an NS-Opfer

Isartalgemeinde will Hans-Meiser-Straße nach Richard Eylenburg benennen

Von Michael Morosow, Pullach

Pullach bereitet die Änderung zweier Straßennamen vor. So soll die Bischof-Meiser-Straße in Dr.-Richard-Eylenburg-Straße, die Industriestraße in Dr.-Franz-Pollitzer-Straße umbenannt werden. Zuvor aber, so hat der Gemeinderat in seiner Sitzung am Dienstag mehrheitlich entscheiden, sollen die betroffenen Anlieger angehört werden. Eine Umbenennung des Charlottenwegs in Charlotte-Dessecker-Weg wurde dagegen abgelehnt.

Für eine Umbenennung der Bischof-Meiser-Straße plädiert insbesondere das Geschichtsforum Pullach, das sich intensiv mit dem Wirken des Kirchenmanns während der NS-Zeit beschäftigt hat. Der Bischof sei eine ambivalente Persönlichkeit gewesen, sagte Gemeindearchivar Christian Sachse, der den Antrag des Geschichtsforums auf eine Umbenennung im Gemeinderat begründete. So habe er 1934 die bayerische evangelische Landeskirche vor der Gleichschaltung bewahrt und entschlossen gekämpft, als es um die Freiheit der Kirche ging. Er habe aber den Erhalt kirchlicher Strukturen vor die christlich gebotene Fürsorge um die Opfer gestellt, noch 1943 "dezidiert antisemitisch argumentiert - nicht antijudaisch theologisch, sondern rassistisch antisemitisch", und habe in der NS-Zeit konsequent zur Judenverfolgung und Euthanasie geschwiegen, wie es im Antragsschreiben des Geschichtsforums heißt. Es würde nun in deren Sinne sein, wenn die Straße in Dr.-Richard-Eylenburg-Straße umbenannt würde. Eylenburg erlebte als Jude hautnah die Schrecken der NS-Zeit, verbrachte Jahre in Konzentrationslagern und Arbeitslagern, war Berufungsrichter in Entnazifizierungsprozessen und Pullachs Zweiter Bürgermeister in der Zeit des Wiederaufbaus.

Auch Franz Pollitzer, der potenzielle neue Namensgeber für die Industriestraße, ist ein Opfer des Naziregimes. Als 20-Jähriger zog es den studierten Chemiker 1911 von Berlin nach Pullach zur Firma "Linde's Eismaschinen", nach dem Pogrom 1938 flüchtete er nach Frankreich, wurde von dort 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er vermutlich ermordet wurde.

Weil die Reduzierung von Frauen auf ihren Vornamen unpassend sei, sollte Charlotte Dessecker, langjährige Gemeinderätin und Ehrenbürgerin der Gemeinde, das Recht auf die Nennung ihres kompletten Namens bekommen. Dann müssten auch andere Vornamen-Straßen umbenannt werden, hieß es.

© SZ vom 29.04.2021
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