Süddeutsche Zeitung

Kommunalwahl in Pullach:CSU stimmt gegen ihren eigenen Mann

Der bisherige Fraktionsvorsitzende Andreas Most gewinnt die Wahl zum Zweiten Bürgermeister, in der seine Partei WIP-Frau Zechmeister unterstützt

Bei der konstituierenden Sitzung des Pullacher Gemeinderats am Dienstagabend im Bürgerhaus ist der Bruch innerhalb der CSU-Fraktion offen zutage getreten. Gezeigt hat er sich eindrucksvoll bei der Wahl des Zweiten Bürgermeisters: Das Amt wurde Andreas Most zugesprochen, zur Enttäuschung der eigenen Fraktion, die lieber die bisherige zweite Bürgermeisterin Cornelia Zechmeister von der verbündeten WIP auf diesem Posten gesehen hätte, sich also gegen den eigenen Mann aussprach.

Most, der vom alten und neuen Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Fabian Müller-Klug, vorgeschlagen wurde, war bei seiner Wahl aber auch vom Glück begünstigt: Er wurde nach einem Stimmenpatt im ersten und zweiten Wahldurchgang per Losverfahren zum Sieger gekürt. Cornelia Zechmeister wurde schließlich Dritte Bürgermeisterin. Von Reinhard Vennekold (WIP) vorgeschlagen, setzte sie sich mit elf gegen zehn Stimmen gegen den von Renate Grasse (Grüne) vorgeschlagenen Holger Ptacek (SPD) durch.

Als Christine Eisenmann, die zuvor von ihren Parteifreunden offiziell als neue CSU-Fraktionssprecherin benannt worden war, nach Müller-Klug ans Mikrofon trat und die Entscheidung ihrer Fraktion zugunsten der WIP-Frau Zechmeister und damit gegen den eigenen Fraktionskollegenkundtat, zeigten sich einige Besucher sehr überrascht: Leises Raunen setzte ein. Eisenmann sagte: "Der Vorschlag der Grünen-Fraktion schmeichelt der CSU sehr. Die CSU-Fraktion stellt sich aber hinter Frau Cornelia Zechmeister. Sie hat die Gemeinde sehr gut vertreten und für einen starken Zusammenhalt gesorgt. Die CSU-Fraktion wurde erst heute um 17 Uhr darüber informiert, dass Andreas Most kandidieren möchte. Die CSU-Fraktion bleibt aber bei ihrer Unterstützung für Conny Zechmeister."

Was zu diesem Zeitpunkt nur wenige Eingeweihte wussten: Der Lossieg von Andreas Most machte der CSU einen weiteren Strich durch ihre Rechnung, die Wahl von Caroline Voit. "Wir haben uns für Zechmeister als Zweite Bürgermeisterin entschieden und wollten eigentlich unsere Caroline Voit als Dritte Bürgermeisterin vorschlagen", sagte Eisenmann anderntags zur SZ. "Aber nachdem Most Zweiter wurde, konnten wir das nicht mehr. Das ist schade." Dabei könne sie es nicht so recht glauben, dass die Bewerbung von Most zwei Stunden vor Sitzungsbeginn eine spontane Entscheidung gewesen sei. "Man hat an der tief greifenden Laudatio von Müller-Klug auf Andreas Most ablesen können, dass die Bewerbung nicht spontan erfolgt ist", sagte Eisenmann. Warum der alte Fraktionsvorsitzende nicht die Rückendeckung seiner Fraktion hat, dafür hat Eisenmann eine einfache Erklärung: "Fünf in der Fraktion sind sich einig über den zukünftigen Weg in Pullach, Andres Most halt nicht."

Zu allerlei Spekulationen führten auch die einzelnen Abstimmungsergebnisse: Im ersten Wahlgang für den Zweiten Bürgermeister erhielt Most zehn, Zechmeister neun und der von keiner Fraktion vorgeschlagene Michael Schönlein (SPD) eine Stimme. Eine Stimme war ungültig. Damit hatte kein Kandidat die für eine Mehrheit nötigen elf Stimmen. Im zweiten Wahlgang fielen je zehn Stimmen auf Zechmeister und Most, wiederum eine war ungültig. So musste gelost werden. Dazu muss man wissen, dass CSU, WIP und FDP, die nach eigenem Bekunden im neuen Gemeinderat bei vielen Themen an einem Strang ziehen wollen, zusammen zwölf Stimmen haben, was nichts anderes heißt, als dass im ersten Wahlgang drei, im zweiten einer aus dieser Allianz ausgeschieden war, zumindest rechnerisch. Die ungültige Stimme in beiden Wahlgängen verorten mehrere Gemeinderatsmitglieder unterschiedlicher Couleur hinter vorgehaltener Hand bei Caroline Voit (CSU), die, so heißt es, sich in einem Loyalitätsdilemma befunden habe, weil sie eigentlich Andreas Most näherstehe als anderen in ihrer Fraktion, aber nicht gegen den Konsens ihrer Fraktion habe votieren wollen.

In einer Art Grundsatzrede vor Beginn der Wahlgänge wiederholte Alexander Betz (FDP) seine Kritik an der Debattenkultur im alten Gemeinderat. Verächtliche Laute und Zwischenrufe trügen nicht zu einem konstruktiven Gedankenaustausch bei, monierte Betz, der Sprecher der Fraktion bleibt wie auch Holger Ptacek für die SPD und Reinhard Vennekold für die WIP sowie Fabian Müller-Klug für die Grünen. Den einzigen Wechsel gab es an der Spitze der CSU-Fraktion.

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SZ vom 14.05.2020/lb
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