Chemiewerk:United Initiators zieht Erweiterungspläne zurück

Lesezeit: 3 min

Die Erweiterungspläne von United Initiators liegen wegen des Streits in der Gemeinde auf Eis. (Foto: Sebastian Gabriel)

Das Unternehmen reagiert auf den anhaltenden Streit über den Ausbau des Standorts in Pullach. Ob die Gemeinde trotzdem ihren Wertstoffhof auf dem Firmengelände verwirklichen kann, ist offen.

Von Michael Morosow, Pullach

Mit einem Paukenschlag hat Andreas Rutsch, der Geschäftsführer des Chemiewerks United Initiators (UI), den seit zwei Jahren tobenden Streit in Pullach um die Umbau- und Erweiterungspläne des Unternehmens beendet. "United Initiators hat sich entschieden, den 2019 beim Landratsamt München gestellten Antrag zur Errichtung eines Lagers für organische Peroxide am Standort Pullach zurückzunehmen", heißt es in einer Pressemitteilung des vom Unternehmen mit der Öffentlichkeitsarbeit beauftragten Marketingbüros Heller & Partner von Dienstagnachmittag. Damit steht alles wieder auf null.

Sie könne die Entscheidung nachvollziehen, sei davon aber überrascht worden, sagte Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne), die denn auch die Tagesordnung der Gemeinderatssitzung am Dienstagabend entsprechend umwerfen musste. Die Entscheidung der Werksleitung von UI machte einen geplanten Sachstandsbericht zu Bürgerbegehren und Ratsbegehren sowie Beratungen zum weiteren Vorgehen im Bauleitplanverfahren überflüssig. "Wir sind in einer komplett neuen Situation", sagte Gemeinderat Andreas Most von der Fraktion Pullach Plus.

Pullach
:Chemiewerk-Gegner beharren auf Bürgerentscheid

Der Anwalt der Bürgerinitiative hält die Kehrtwende der Gemeinderäte für unwirksam. Das Rathaus widerspricht.

Von Michael Morosow

Als Gründe für seinen Aufsehen erregenden Schritt nennt das Unternehmen die "anhaltenden Unklarheiten in Bezug auf den angestrebten Bebauungsplan Nr. 23b, die zeitliche Dauer des Verfahrens und die geäußerten Bedenken der Pullacherinnen und Pullacher". Damit spricht er offenbar die zunehmend eskalierende Situation an, die entstanden ist, nachdem der Ferienausschuss den Beschluss des Gemeinderats zur Zulässigkeit eines Bürgerbegehrens wieder rückgängig gemacht hatte, unter anderem weil deren Initiatoren gegen ein Ratsbegehren vor Gericht gezogen sind.

"Wir sind seit über 111 Jahren fester Bestandteil der Gemeinde Pullach. Für unser Unternehmen, aber auch für viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist Pullach das Zuhause. Auch wenn die Kritik rund um unsere geplante Lagererweiterung vermehrt durch Falschdarstellungen und Irreführungen getrieben ist, haben wir uns entschieden, vorerst von unseren Plänen abzusehen", erklärt UI-Geschäftsführer Rutsch seine Beweggründe. Der Pullacher Gemeinderat habe vor rund drei Jahren einstimmig die Neuordnung des Bebauungsplans als Reaktion auf den Antrag von United Initiators beschlossen. United Initiators sei weiterhin bestrebt, die gemeinsam mit der Gemeinde entwickelten Ziele zu erfüllen. "Gleichzeitig nimmt das Unternehmen die Bedenken der Bürgerinnen und Bürger ernst und möchte mit diesem Schritt die angespannte Situation entzerren", heißt es weiter in der Presseerklärung des Unternehmens.

"Es ist klar, dass United Initiators die Geduld verliert", sagt Gemeinderat Ptacek

Man habe gewusst, dass United Initiators sich den zeitlichen Ablauf seines Vorhabens anders vorgestellt hat, sagt Bürgermeisterin Tausendfreund. In der Juli-Sitzung des Gemeinderats seien die Vertreter des Unternehmens jedenfalls sehr überrascht davon gewesen, als kein Satzungsbeschluss gefasst und gleichzeitig das Bürgerbegehren zugelassen wurde. "Es ist klar, dass United Initiators die Geduld verliert", erklärt Holger Ptacek (SPD), der UI-Chef Andreas Rutsch als Gast für den am Donnerstag in der Waldwirtschaft Großhesselohe stattfindenden Monatsstammtisch der SPD Pullach gewonnen hat. Dabei hätte Rutsch, so heißt es in einer Einladung dazu, unter anderem erklären sollen, warum UI beinahe eine Neuaufstellung des Bebauungsplans in den Verhandlungen mit der Gemeinde habe platzen lassen.

Das Thema wird nun wohl ein anderes werden. Denn für die Gemeinde ist es jetzt interessanter zu erfahren, welche Auswirkungen die Entscheidung von UI auf die eigenen Pläne auf dem Gelände des Unternehmens haben werden. Bekanntlich haben die Kommune und UI eine Vereinbarung getroffen, wonach der Gemeinde auf dem Firmengelände Platz für einen Wertstoffhof und eine Tafel eingeräumt wird. Ob der städtebauliche Vertrag und die Grundvereinbarungen zwischen Gemeinde und Unternehmen noch einen Wert haben und ob United Initiators einen Teil seines Vorhabens "Big Wings" jetzt nach Maßgaben des alten Bebauungsplans umsetzen wird, steht noch nicht fest. Big Wings wäre nicht so schlimm, sagt Agenda-Sprecher Peter Kloeber, der Agenda gehe es darum, eine Erhöhung der Produktion im Chemiewerk zu verhindern.

Der überraschende Rückzug des Unternehmens hat auch einen Vorstoß der FDP-Fraktion obsolet gemacht. Sie hatte für die Gemeinderatssitzung am Dienstag einen Antrag eingebracht, mit dem sie die Kuh vom Eis bringen wollte. An einem runden Tisch sollten UI, Rathaus, Gemeinderat, Agenda 21 und Vertreter des Bürgerbegehrens eine offene Kommunikation führen, Missverständnisse ausräumen und eventuell zu Kompromissen kommen. "Die FDP-Fraktion gibt sich nicht der Illusion hin, dass die Parteien in der Lage sein werden, sich an dem beantragten runden Tisch inhaltlich zu einigen, ob eine Erweiterung des Betriebs von United Initiators in Höllriegelskreuth erfolgen soll oder nicht. Es geht darum einen Weg der Entscheidungsfindung zu vereinbaren, der "ohne gegenseitige Herabsetzungen und Diskreditierungen erfolgt", hieß es in der Antragsbegründung.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Gaspreise
:Zwei, die es ausbaden müssen

Vom 1. November an sollen Viola und Wolfram Krautz aus Ismaning rund 400 Euro pro Monat für Heizung und Warmwasser bezahlen - vorerst. "Das tut jetzt richtig weh", sagt das Rentnerehepaar. Über einen Fall von Tausenden im Großraum München.

Von Michael Morosow

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: