Krieg gegen die Ukraine:Das Ende des ewigen Friedens

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Der Politikprofessor und Militärexperte Carlo Masala (links) spricht mit Holger Ptacek, Fraktionssprecher der Pullacher SPD, über Weltpolitik und den Krieg in der Ukraine. (Foto: Claus Schunk)

Der Politikwissenschaftler und Militärexperte Carlo Masala zeichnet bei der SPD in Pullach ein radikal realistisches Bild der Weltpolitik - und nährt trotzdem die Hoffnung, dass Putin in seine Schranken verwiesen werden kann.

Von Udo Watter, Pullach

Eine europäische Armee? "Klingt cool. Ist aber Kokolores." Carlo Masala redet Klartext, mal im akademischen Duktus, mal erfrischend schnörkellos. Was also manch hiesiger Politiker als Alternative zur militärischen Abhängigkeit von der USA vorschlägt, findet kein Gefallen bei dem Mann, der als Professor für internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg lehrt und im zurückliegenden Jahr als sehr präsenter Erklärer des Ukraine-Krieges TV-Prominenz erlangte.

Statt Anne Will oder Sandra Maischberger sitzt ihm an diesem Abend Holger Ptacek gegenüber, Fraktionssprecher der SPD im Pullacher Gemeinderat. Die Diskussionsveranstaltung im Sportheim an der Gistlstraße steht unter dem Motto "Weltunordnung - die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die internationale Politik", das inspiriert ist von Masalas Buch "Weltunordnung - die globalen Krisen und die Illusionen des Westens".

Dass Masala, der auch international ein gefragter Gesprächspartner und Experte für militärisch-politische Themen ist, mit lässig übereinandergeschlagenen Beinen in einem Sessel im Sportheim des SV Pullach sitzt, ist schon ein kleiner Coup des SPD-Ortsvereins. Entsprechend gut besetzt ist der Saal, neben örtlichen Politikern und Künstlern ist auch Christine Himmelberg, die SPD-Landtagskandidatin für München-Land Süd, anwesend, die gegen Ende der Veranstaltung noch gesammelte Fragen aus dem Publikum Masala zur Beantwortung gibt.

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Eine davon ist besagte nach einer europäischen Armee. Wenn als Voraussetzung die Einstimmigkeit aller EU-Länder nötig wäre, käme diese Armee ohnehin nie zum Einsatz, antwortete Masala. Wäre die Entscheidung indes an eine Mehrheit der Länder gebunden, könnte der Fall eintreten, dass deutsche Soldaten im Kriegsgebiet agieren müssten, obwohl die eigene Regierung in Berlin dagegen gestimmt hätte. Tja.

Masala, geboren am 27. März 1968 in Köln als Sohn eines italienischen Vaters und einer österreichischen Mutter, plädiert hingegen für eine Verzahnung der Waffensysteme, wie sie teils ja jetzt schon praktiziert werde. Die gemeinsame Anstrengung zur Munitionsbeschaffung für die Ukraine hält er ebenfalls für ein wichtiges Zeichen. Denn den Munitionsmangel sieht er im Moment als Riesenproblem. Dass zudem gerade zahlreiche professionelle Kämpfer der Ukraine bei der Verteidigung von Bachmut ("Halte ich für einen Fehler") fielen, sei nachteilig für die erwartete Offensive im April.

Generell dominiert der Politikprofessor den Diskussionsabend - Ptacek nutzt zwar die ein oder andere Gelegenheit für Fragen und als Stichwortgeber, ist aber klug genug, dem eloquenten Experten viel Raum zu geben. "Die Leute sind ja hier, um Sie reden zu hören", sagt er. Das Feld, das abgeschritten wird, ist weit. Es geht um politische Analysen, persönliche Anekdoten und geschichtsphilosophische Thesen. Masalas Blick ist nicht gerade optimistisch: Er geht davon aus, dass die aktuell herrschende Unordnung von Dauer sein wird. Diese Unordnung folgt für ihn dem gescheiterten Versuch der Amerikaner, die Welt zu verwestlichen, eine liberal-demokratische Ordnung global zu verbreiten.

"Gerade sind wir dabei zu sehen, wie das in Mali scheitern wird"

Masala blickt auf die Neunziger, das "Ende der Geschichte" (Fukuyama), das Ende des Kalten Krieges und der Bipolarität von USA und Sowjetunion. "Das Zeitalter des ewigen Friedens", sagt er - "natürlich eine Illusion". Er spricht über die gescheiterten "Abenteuer" in Irak und Afghanistan. "Und gerade sind wir dabei zu sehen, wie das in Mali scheitern wird." Natürlich geht es auch um China, die Macht, welche die USA mehr fürchten als Russland, und die etwa in Afrika ihren Einfluss dank skrupelloser Investitionen ausbaut. China sei die "vielleicht klügste aufstrebende Macht der Weltgeschichte".

"Immer einen Plan B haben", rät der Politikwissenschaftler Carlo Masala den Politikern. (Foto: Claus Schunk)

Vom größten Interesse dürften freilich seine Einschätzungen zu Putin, zur militärischen Lage, zur möglichen Mitverantwortung des Westens und zum Ausgang des Krieges gewesen sein. Spannend sein Hinweis, dass der Kreml seit Beginn des Krieges quasi nicht mehr von der Bedrohung durch die Nato spreche, sondern die Gründe von machtpolitisch-realistisch zu ontologischen sich verschoben hätten: also die Behauptung, die Ukrainer seien eigentlich alle Russen. Putin sei ein sehr rationaler Akteur, dessen Entscheidungen aber dennoch katastrophale Konsequenzen zeitigen - auch weil er von falschen Prämissen ausgehe.

Eindrücklich auch, wie er die gern zitierten Vergleiche und den Vorwurf westlicher Doppelmoral - etwa mit Hinweis auf den zweiten Irakkrieg - zerlegt: "Zum einen rechtfertigt ein Unrecht nicht das andere." Und zum anderen sei es bei aller Kritik ein Unterschied, ob man einen Diktator wie Saddam stürzen und Demokratie in einem Land installieren will oder ob man ein demokratisches Land überfallen und "platt machen" wolle. Putin als möglichen Verhandlungsführer bei Friedensgesprächen könne er sich kaum mehr vorstellen. Dass manche auch noch fordern, dieser solle dabei "sein Gesicht wahren können", findet er ob der mutmaßlichen Kriegsverbrechen absurd.

Und wie geht es weiter? Putins Chance sei, dass er - frei von demokratischer Öffentlichkeit - als Diktator den längeren "strategischen Atem" habe. Falls es aber der Ukraine gelänge, bei der anstehenden Offensive den Druck auf die Krim so zu intensivieren, dass Russland Gefahr liefe, diese zu verlieren - also die Kosten-Nutzen-Kalkulation sich verändere - könnte Bewegung im Kreml entstehen.

Was der Westen und besonders Deutschland aus der Russland-Politik lernen könnten? "Immer einen Plan B haben." Den habe übrigens auch Willy Brandt bei der Verwirklichung seiner Ostpolitik in der Tasche gehabt. Man sei bei aller Öffnung immer "fest eingebettet gewesen" in eine militärische Stärke des Westens.

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