Für das Duell zu dritt hat sich mittlerweile der Begriff Triell durchgesetzt, für den Showdown zu fünft gibt es noch kein Wort mit ähnlicher Prägnanz. Ähnlich freilich wie das jüngste Streitgespräch des Münchner OB-Bewerber-Trios lief nun auch die Podiumsdiskussion in der benachbarten Gemeinde Pullach ab: Das Quintett der Bürgermeister-Kandidatinnen und -Kandidaten ging so „gesittet“ miteinander um, dass Moderatorin und SZ-Redakteurin Lisa Marie Wimmer, die auch andere Tonlagen aus dem Gemeinderat kennt, sich beinahe überrascht zeigte.
„Das liegt daran, dass wir hier nur ein Mikrofon haben“, entgegnete ihr Christine Eisenmann (CSU) schmunzelnd, aber in der Tat atmete der von der WIP (Wir in Pullach) organisierte Abend im proppenvollen Sportheim eine faire Atmosphäre. Weder gifteten sich Eisenmann, Michael Reich (FDP), Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne), Heinrich Klein (parteilos, nominiert von WIP) und Ulrike Barth (parteilos, nominiert von der SPD) untereinander an noch gab es aus dem Publikum, das vorher Fragen einschicken konnte, böse Zwischenrufe.

Was nicht heißt, dass der Abend keinen Unterhaltungswert geboten hätte, denn die Kandidaten rieben sich natürlich aneinander bei Themen wie „Kinderbetreuung“, „Geothermie“ oder „Bahnhofssanierung“ und zeigten – je nach Rampensau-Charakter und rhetorischer Strategie – auch unterschiedliche Wege, sich als Persönlichkeit zu inszenieren oder aus den Grenzen der vorgegebenen Redezeit zu lösen.
Amtsinhaberin Tausendfreund, die nach ihrem Fahrradunfall mit verletztem Bein auf der Bühne saß, nutzte ihr Rederecht zeitlich ungenierter aus als die Konkurrenz. Ihre rhetorische Wirkung basierte weniger auf Charisma als auf Sachkenntnis, Erfahrung und einer gewissen Gelassenheit im Umgang mit Kritik. Mag sein, dass man – wenn es um die Zukunft des maroden Pullacher Schwimmbads geht, Kita-Pläne im Ortsteil Großhesselohe, Verkehrsberuhigung im Ortszentrum oder Geothermie-Partnerschaften mit anderen Gemeinden – mit ihr nicht einer Meinung ist, aber sie pariert unbeirrt-nüchtern mit Zahlen und dem Verweis auf politische Gegebenheiten.
Was den Versuch von CSU, WIP und FDP angeht, die Errichtung einer Kita an der Kreuzeckstraße aufzuhalten, meint sie nur: „Das wurde im Gemeinderat mit elf gegen neun Stimmen beschlossen. Ich erwarte, dass Entscheidungen akzeptiert werden.“

Gleichwohl muss sie damit leben, dass an diesem Abend der Vorwurf mangelnder Transparenz, des Stillstands bei Bauprojekten oder zu vieler Machbarkeitsstudien zutage tritt – und da kommt nicht zuletzt Heinrich Klein ins Spiel, der seit 2019 Geschäftsleiter der Gemeinde ist, und nun kandidiert: Er wolle den Schritt von der Verwaltung in die Politik machen, weil er eben mit seiner Erfahrung jetzt auch auf seine Weise „gestalten“ wolle: „Ich bin ein strategisch denkender Mensch“ sagt er, „jemand, der sich an die Dinge rantraut“. Mit „kleinen Schritten zum Erfolg zu kommen“ ist seine Maxime, und nicht ständig neue Ideen zu bringen. Ob er bei einer Wahlniederlage weiter im Rathaus arbeiten würde, lässt er offen.
Dass der gebürtige Stuttgarter mitunter ins Schwäbeln kommt, („schnellschtmöglich“), vor allem, wenn es ums Geld gehe, wie er selbstironisch anmerkt, greift Michael Reich gern auf, schwäbelt selbst kurz und gibt sich überhaupt extrovertierter als die neben ihm sitzende Tausendfreund. Angesprochen von Wimmer auf den kürzlich erfolgten Rücktritt von Alexander Betz als FDP-Fraktionsvorsitzender – der ist im Gegensatz zu Reich nicht gegen den Bau der Kita in Großhesselohe – reagierte er recht souverän: So einen „Bing Bang“ zwischen ihm und Betz gebe es immer wieder mal, man habe sich ausgesprochen und der Parteifreund habe ihm viel Glück für den Abend gewünscht.
Er, Reich, habe im Kontext des Wahlkampfs falsch eingeschätzt, dass andere Parteien der FDP vorwerfen würden, „kinderfeindlich“ zu sein. Aus seiner Sicht fälschlicherweise, er sehe schlicht keinen Bedarf für Plätze. In der finalen Selbsteinschätzung bezeichnet er sich als einen, der „für rationale und sachliche Diskussion steht“, der aber auch Humor habe. Der Wirtschaftsanwalt ist zwar, was Parkplätze oder Verkehrsberuhigung angeht, ähnlich wie Eisenmann eher auf Autofahrer-Linie, steigt aber selbst auch gern aufs Fahrrad und nutzt die S-Bahn.

Ja, die S 7 – sie ist als stetes Ärgernis für Pullach auch ein Thema an diesem Abend. „Da müssen wir noch lauter werden“, fordert Reich. Bei Themen wie Geothermie oder dem Areal um den ehemaligen Staatsbahnhof Großhesselohe, sind die Positionen der Kandidaten indes gar nicht so verschieden. Auch Christine Eisenmann, die 2020 in der Stichwahl relativ knapp scheiterte, ist zwar angriffslustig, aber dezent.
In zahlreichen Themenpunkten stimmt sie der Bürgermeisterin nicht zu („Wir brauchen kein Radkonzept“) und sieht vor allem Defizite im Vorantreiben und Anpacken von Projekten. Die Bautechnikerin, die im Ministerium für Wohnen, Bau und Verkehr arbeitet, sieht in ihrer Erfahrung in Verwaltung und Gemeinderat ihre Stärken. Auch zeigte Eisenmann taktische Spontanität, als sie beim kurzzeitigen Verschwinden der mit einer Fahne bewehrten SZ-Praktikantin, die auf die Redezeit achtete, ihre Chance sah: „Die Fähnchenfrau ist weg.“

Einig waren sich alle, dass Pullach mit seiner Lage im Isartal privilegiert sei. „Pullach ist liebens- und lebenswert“, sagte Ulrike Barth. Die von der SPD aufgestellte Kandidatin, hat sich das Motto: „Nicht jammern, sondern handeln“, auf die Fahnen geschrieben. Der Büromanagerin liegen die Themen bezahlbares Wohnen und Kinderbetreuung am Herzen, sie nimmt für sich in Anspruch, verlässlich zu sein und zu wissen, was „Führungsverantwortung“ ist. Mit Verlässlichkeit will auch Tausendfreund punkten, sie erwähnte zudem die „kulturelle Daseinsvorsorge“, für die eine Kommune verantwortlich sei.
Am Anfang hatte Moderatorin Lisa Marie Wimmer ins Publikum gefragt, wer noch unentschieden sei, was die Bürgermeisterwahl angehe. Es waren gar nicht so wenige, die da die Hand hoben. Auch am Ende wirkte der Applaus ziemlich gerecht verteilt.

