bedeckt München 25°

Pullach:Bürgerbegehren per Post

Havarie in Chemiefabrik Peroxid am 29.10.2002

Im Werk der heutigen Firma United Initiators ereignete sich 2002 ein schwerer Chemieunfall.

(Foto: Claus Schunk)

Die Initiative gegen die Erweiterung der Chemiefirma United Initiators startet die Unterschriftensammlung mit einem Brief an alle Haushalte.

Von Claudia Wessel, Baierbrunn/Pullach

Die Schreiben zur Unterschriftensammlung für das Bürgerbegehren "Expansionsstopp der Chemiefirma United Initiators Pullach" sind fertig gedruckt, jetzt müssen sie nur noch an die Bürger gebracht werden. Was heißt nur? Auch darüber muss sich der Baierbrunner Architekt Walter-Viktor Adolf, einer der Initiatoren, aufregen. Denn die Post möchte diese Schreiben nur an die Hälfte der Pullacher Haushalte verteilen, nämlich an 2300, da es sich dabei um Werbung handele. Das ist natürlich für die Sammlung von Unterschriften für ein Bürgerbegehren, für das man in Pullach 700 Unterzeichner braucht, nicht gerade passend. Deshalb wollen die Initiatoren die Briefe möglichst noch diese Woche bei den restlichen 2200 Haushalten selbst einwerfen.

Wütend ist Adolf sowieso schon reichlich angesichts des Vorhabens der Gemeinde Pullach, die Erweiterungspläne der Chemiefirma zu akzeptieren und dafür "auf die Schnelle" unter anderem einen neuen Flächennutzungsplan durchzuwinken. "Die Firma hat einen CO₂-Ausstoß von 24 000 Tonnen im Jahr", sagt Adolf. Von vielen Menschen sei er bereits gefragt worden, wieso eine "grüne Bürgermeisterin" wie Susanna Tausendfreund einer solchen Firma eine Erweiterung um das Dreifache gestatten kann, bei der sogar die Hälfte eines Waldes draufgehen solle. "Das ist mir das blanke Rätsel", sagt er. "Was die treibt, ist völlig irreal." Noch 2002 als Landtagsabgeordnete habe sie nach dem damaligen Chemieunfall in der Firma deren Rückbau gefordert.

Dass es daran liegen könnte, dass man die Gewerbesteuereinnahmen der Firma brauche, findet Adolf ebenfalls absurd. "Die haben die Weltfirma Linde mit über 5000 Mitarbeitern, die eine dreistellige Millionensumme an Gewerbesteuer zahlen", sagt er. Im Vergleich dazu sei die kleine 300-Mann-Firma United Initiators ja wohl kein großes Pfund.

Die Frage, wieso eine "grüne Bürgermeisterin" die Erweiterungspläne zulasse, sei falsch gestellt, sagt Susanna Tausendfreund. "Ich muss mich ja nach der Mehrheit im Gemeinderat richten. Und der hat zusammen mit mir beschlossen, dass die Firma nicht aus Pullach vertrieben werden soll." Das Baurecht für die jetzigen Erweiterungspläne habe die Firma ohnehin schon seit Langem gehabt, nur nicht ausgeschöpft. Anstatt einzelne Erweiterungsschritte zu genehmigen, habe die Gemeinde ein Gesamtkonzept verlangt. Dieses habe die Firma geliefert, unter anderem ein neues Logistikkonzept, das umweltfreundlicher sei als das bisherige. So sollen gefertigte Produkte künftig auf dem Gelände gelagert werden, bis sie weiter verkauft werden. Bisher werden sie in Lager in allen möglichen Orten transportiert und dann wieder zurück nach Pullach.

Zu dem Vorwurf, das Verfahren solle schnell und am Bürger vorbei durchgewunken werden, sagt Tausendfreund: "Das Teilverfahren, mit dem die südliche Bebauung durchgewunken worden wäre, haben wir gestoppt. Nun wird das Gesamtverfahren neutral und transparent gestaltet, wir gehen mit dieser Firma um, wie mit jeder anderen. Wir haben keine Aktien in United Inititators."

Sollten die nötigen Unterschriften zusammenkommen und das Bürgerbegehren auch sonst alle rechtlichen Voraussetzungen erfüllen, wird den Pullachern in einem Bürgerentscheid folgende Frage vorgelegt: "Sind Sie dafür, dass die Gemeinde Pullach alle rechtlich zur Verfügung stehenden, sowie baurechtlichen und planungsrechtlichen Maßnahmen ergreift, um eine (weitere) Expansion der Chemiefirma (Peroxid) United Initiators in Pullach zu verhindern?"

© SZ vom 18.06.2021
Zur SZ-Startseite
BRAND CHEMIEFABRIK PULLACH

Pullach
:Druck im Kessel

Im Isartal sorgen sich Anwohner eines Chemie-Betriebs vor möglichen Risiken durch ein neues Gefahrgutlager.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB