Ukraine-Krieg:Weil es schmerzlich sein muss

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Nach der Vorführung des Films diskutiert das Publikum im Pullacher Bürgerhaus per Videokonferenz mit Augenzeugen des Kriegs in Kiew. (Foto: Stephan Rumpf)

Mit dem preisgekrönten Film „20 Days in Mariupol“ und einer anschließenden Diskussion mit Augenzeugen wollen der Pullacher Burkhart Ceppa und die Gemeinde verhindern, dass der Krieg in der Ukraine verdrängt wird.

Von Thalia Bouchehrian, Pullach

Eine ungewöhnliche Spannung liegt an diesem Freitagabend in der Luft des Pullacher Bürgerhauses. Wo sonst Theater, Kabarett und Konzerte das Geschehen bestimmen, flimmern düstere Bilder von bombardierten Krankenhäusern und Massengräbern über die Leinwand. Die Vorführung des oscarprämierten Dokumentarfilms „20 Days in Mariupol“, der die Gräueltaten im Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine zeigt, versetzt die Besucher des „ukrainischen Filmabends“ 92 Minuten lang in einen Schockzustand.

„Ich bin nicht bereit zu akzeptieren, dass dieser Angriffskrieg zu unserem Alltag wird“, erklärt Veranstalter Burkhart Ceppa vom Lions Club, der den Abend gemeinsam mit dem Partnerschaftenverein Pullach im Isartal, dem Kulturamt der Gemeinde, der Friedrich-Naumann-Stiftung und der Thomas-Dehler-Stiftung organisiert hat. Aus Sorge darüber, dass der anhaltende Krieg in der Ukraine allmählich in Vergessenheit geraten könnte, möchten Ceppa und seine Unterstützer im Rahmen von zwei Veranstaltungen mit Dokumentarfilmen und Diskussionsrunden grundlegende Fragen zu Russlands Krieg gegen die Ukraine erörtern: Warum ist der Krieg 2014 ausgebrochen? Was hat es mit der Euromaidan-Revolution auf sich? Wie führt Russland den Krieg seit der Großinvasion 2022? Und was bedeutet er für die Zivilbevölkerung in der Ukraine?

In eindrucksvollen Bildern zeigt „20 Days in Mariupol“ das erschütternde Leid der belagerten Zivilbevölkerung während der ersten 20 Tage der russischen Invasion in der ukrainischen Hafenstadt Mariupol. Als einzige internationale Reporter vor Ort hält ein ukrainisches Team der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) im Frühjahr 2022 trotz der Belagerung die entscheidende Kriegsbilder fest: die Bombardierung einer Entbindungsklinik, Kinderleichen, Massengräber, überlastete Leichenhallen und den erbitterten Kampf ums Überleben im einzigen noch funktionierenden Krankenhaus der Stadt.

Der Film des preisgekrönten Regisseurs, Kriegsfotografen und Pulitzer-Preisträger Mstyslav Chernov basiert auf täglichen Nachrichtenberichten und eigenen Aufnahmen aus dem Kriegsgebiet, die die verheerenden Folgen des russischen Angriffs auf Mariupol schonungslos zeigen. Als Chernov mit den Worten „This is painful to watch. But it must be painful to watch“ („Das ist schmerzlich zu sehen. Aber es muss schmerzlich sein.“) auf die Grausamkeit der bevorstehenden Bilder hinweist, fließen die ersten Tränen im Saal.

Nach einer gemeinsamen Schweigeminute richtet sich der betrübte Blick der Zuschauer erneut auf die Leinwand, auf der sich die ukrainische Aktivistin und Augenzeugin Diana Berg per Zoom aus Kiew zugeschaltet hat. Zehn Tage lang hielt sie im besetzten Mariupol aus, bevor ihr im März 2022 die riskante Flucht gelang. Eine Packung Dosenfisch ist nicht nur das einzige Überbleibsel, sondern auch ein symbolisches Andenken an ihre Zeit in Mariupol.

Constantin Groth von der Friedrich-Naumann-Stiftung und Moderatorin Maria Vasiljewa führen durch die Diskussion im Pullacher Bürgerhaus. (Foto: Stephan Rumpf)

Vor dem Pullacher Publikum berichtet sie im Gespräch mit Moderatorin Maria Vasiljewa von ihrem Lebensweg, der maßgeblich von Russlands Krieg gegen die Ukraine bestimmt worden ist. In Donezk geboren, initiierte sie dort 2014 eine pro-ukrainische Bewegung, bevor sie aus ihrer besetzten Heimatstadt fliehen musste. Nach ihrer Flucht ließ sie sich in Mariupol nieder, gründete 2016 das Zentrum „Tu“ für sozialen Wandel durch Kunst und Kultur und floh schließlich nach Kiew. „Mariupol war ein Kampf ums Überleben – die Hölle auf Erden. Der Film zeigt lediglich 20 Tage in der Stadt, doch Mariupol fiel erst nach 84 Tagen. Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, berichtet Berg.

Erst später habe sie realisiert, dass das, was sie erlebte, nichts im Gegensatz zu dem sei, was diejenigen durchgemacht haben, die nicht fliehen konnten. „Wir leben immer noch im Trauma“, sagt die Ukrainerin und betont die Bedeutung, den Erzählungen von Ukrainerinnen und Ukrainern Glauben zu schenken und sich nicht von russischer Propaganda täuschen zu lassen. Ihr Schlussappell ist deutlich: „Wir können mit diesen Mördern nicht verhandeln.“ Constantin Groth, Programmreferent der Friedrich-Naumann-Stiftung, beendet den Abend mit der Mahnung, dass der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine auch ein hybrider Krieg gegen Deutschland sei, und ruft zur Solidarität mit den Ukrainern auf.

„Heute Nacht werde ich sicherlich nicht schlafen können“

„Heute Nacht werde ich sicherlich nicht schlafen können“, gesteht Zuschauerin Susanne Lauer nach der Veranstaltung. Obwohl sie viele der im Film gezeigten Bilder bereits aus den Medien kannte, habe sie der Film tief erschüttert. „Am 21. sind wir auf jeden Fall wieder dabei“, fügt ihr Begleiter Dietmar Unger mit Blick auf die zweite Veranstaltung hinzu, die Vorführung des Films „Freedom or Death: Zehn Jahre Euromaidan-Revolution“, ebenfalls im Bürgerhaus Pullach.

Alex, ein Zuschauer mit ukrainischen Wurzeln, der nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, ist weniger begeistert: „Das war mir alles zu oberflächlich. Sowohl der Film als auch die Diskussion. Um zu verstehen, was in der Ukraine wirklich passiert, muss man tiefer graben und sich mit den komplexen Hintergründen des Krieges auseinandersetzen.“ Dennoch sei es wichtig, dass solche Veranstaltungen stattfinden, damit die Menschen in der Ukraine nicht in Vergessenheit geraten.

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