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Psychische Erkrankungen:"Schon bei den ganz Kleinen gibt es Suizidgedanken"

Gewalt in der Erziehung

Viele Kinder leiden extrem unter den Folgen der Pandemie.

(Foto: picture alliance / Nicolas Armer)

Taufkirchner Erziehungsberater warnen vor dramatischen Folgen der Pandemie.

Von Patrik Stäbler, Taufkirchen

Zum Schluss ihrer Präsentation werfen Barbara Schroeder und Karl Brückner einige Fotos von Kindern an die Leinwand im Taufkirchner Ratssaal. Zu sehen sind unter anderem ein traurig dreinblickendes Mädchen und ein ebenso niedergeschlagener Bub mit einem Fußball in der Hand, jedoch weit und breit kein Mitspieler.

"In solche Augen haben wir in den letzten Monaten viel zu oft gesehen", sagt Brückner, der ebenso wie Schroeder bei der Erziehungsberatungsstelle der Caritas am Lindenring arbeitet. Was deren zehnköpfiges Team für diese Kinder tun konnte, "das war wichtig und hilfreich", sagt er. "Aber was wir nicht geben konnten, das sind die Kontakte zum besten Freund, das ist der Sportverein, das ist die Musikschule. All das ist schmerzlich auf der Strecke geblieben, und die Auswirkungen sehen wir jeden Tag."

Diese Sätze stehen am Ende eines Berichts im Sozialausschuss, der bei vielen Gemeinderatsmitgliedern tiefen Eindruck hinterlässt. Mit eindringlichen Worten schildern Schroeder und Brückner, wie sich ihre Arbeit in den vergangenen Monaten durch die Pandemie verändert hat. Das Offenkundigste seien die Gründe, deretwegen die Kinder, Jugendlichen und Eltern die Beratungsstelle aufsuchen, sagt Barbara Schroeder, die Leiterin der Einrichtung.

"Es ist nach wie vor eine große Hoffnungslosigkeit und Motivationslosigkeit bei Kindern und Jugendlichen zu spüren."

Vor Corona seien dies oft schwierige Familiensituationen gewesen, etwa eine Trennung der Eltern, oder Verhaltensauffälligkeiten. Infolge des Lockdowns habe man mit ganz anderen Phänomenen zu tun gehabt - beispielsweise Vereinsamung, Depressionen, Essstörungen, Leistungsverweigerung in der Schule. "Es ist nach wie vor eine große Hoffnungslosigkeit und Motivationslosigkeit bei Kindern und Jugendlichen zu spüren", sagt Schroeder, die auch von Drogenmissbrauch und "pathologischem Medienkonsum" berichtet. "Schon bei den ganz Kleinen gibt es Suizidgedanken - so etwas lässt einen auch als Beraterin nicht kalt."

Ursächlich hierfür seien "komplett neue Herausforderungen", mit denen Eltern zu kämpfen hätten, sagt Brückner. "Das Spannungsfeld aus Homeschooling und Home-Office, Streit zwischen Geschwistern, die eigenen emotionalen Veränderungen." All das führe zu großer Not und Verzweiflung: "Das Erleben von elterlichem Versagen und Ohnmacht ist täglich Thema in den Beratungen gewesen." Erschwerend komme hinzu, dass das Hilfesystem die Grenzen der Auslastung längst überschritten habe, sagt Brückner und nennt beispielhaft die Wartezeiten für dringend benötigte therapeutische Plätze in den Klinken - mindestens vier, mitunter sechs Monate.

Umso wichtiger seien Angebote wie die Caritas-Beratungsstelle, wo es längstens drei Wochen Wartezeit gebe - "und wenn es akut ist, bekommt man auch morgen einen Termin", so Brückner. Zudem habe man trotz aller Belastungen auch in der Corona-Zeit die Erfolge der eigenen Arbeit gesehen, betont Schroeder. "Wir können beobachten, dass schon eine kurze Folge von Sitzungen und die Arbeit mit den Eltern, Kindern und Jugendlichen eine positive Veränderung im Familienalltag bewirken."

Wobei man bei der Beratungsstelle davon ausgeht, "dass der Peak der Belastungssituation bei Kindern und Familien noch nicht erreicht ist", wie Brückner mit Blick auf das nächste Schuljahr sagt: "Da werden quer durch alle Jahrgangsstufen unglaubliche Herausforderungen kommen." Schließlich zeigten sich erst jetzt nach und nach die dramatischen Folgen der Lockdown-Monate in vielen Familien.

Um entgegenzuwirken, erarbeitet das Rathaus laut Sozialreferent Andreas Bayerle gerade verschiedene Programme, und zwar sowohl im schulischen als auch im sozialen Bereich. "Es wird mehr brauchen als zwei Wochen Unterricht in den Sommerferien", so Bayerle.

© SZ vom 21.07.2021/wkr
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