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Landtagswahl in Bayern:Revolution in der Herzkammer

Maximilianeum in München, 2017

Sehnsuchtsort der Politik: Bis zu acht Abgeordnete aus dem Landkreis München könnten künftig im Maximilianeum sitzen.

(Foto: Florian Peljak)
  • Fünd Abgeordnete vertreten bisher die zwei Stimmkreise im Landkreis München.
  • Alle Prognosen sagen vorher, dass das Parlament und damir auch die Region sehr viel bunter werden.
  • Schwergewichte wie Staatsministerin Kerstin Schreyer und Ernst Weidenbusch werden weiter präsent sein.

Von Martin Mühlfenzl

Möglicherweise ist es nur ein Zufall. Der sonst eher besonnene Markus Rinderspacher ruft an diesem Montag zum Umsturz auf. Genau genommen: "Rinderspacher lädt ein zur Revolution", von 19.30 Uhr an im Bürgerhaus Putzbrunn. Passt so formuliert auch besser zum kreuzbraven Fraktionschef der SPD im Landtag.

Eine halbe Stunde vorher wird Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) im Ottobrunner Wolf-Ferrari-Haus über die "Innere Sicherheit in Bayern" sprechen. Ob er wohl nach dem Auftritt sofort die Kavallerie ausschicken wird, um mögliche Unruhen der Sozialdemokraten im benachbarten Putzbrunn zu verhindern?

Dass sich zwei hochrangige Vertreter der beiden größten Parteien im Maximilianeum am Montag im Landkreis München ein kleines Fernduell liefern, ist wahrscheinlich doch nur ein Zufall. Und Rinderspacher will, so vermeldet es der Putzbrunner SPD-Ortsverein, weniger selbst den nächsten Putsch anzetteln als vielmehr an "100 Jahre Freistaat Bayern" und die Rolle Kurt Eisners als sozialistischen Revolutionär erinnern.

Der Wahlkampf ist längst in vollem Gange

Das Aufeinandertreffen macht aber deutlich, dass der Landtagswahlkampf im Landkreis längst in vollem Gange ist. Die Junge Union Neubiberg etwa echauffiert sich über Wahlwerbung von SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen, die plakatiert: "Aus München. Für Bayern."

Peinlich sei das, findet die JU. Kohnen leugne entweder "ihren Wohnort für billige Wahlkampfzwecke" oder kenne "den Unterschied zwischen der Landeshauptstadt und dem Landkreis nicht". Die Neubibergerin solle am besten gleich ihr Kreistagsmandat zurückgeben, findet der CSU-Nachwuchs.

Währenddessen tingelt Helmut Markwort, der 81-jährige Spitzenkandidat der FDP im Stimmkreis München-Land Süd, mit seinem "Faktomobil" durch die Region, einem gelben Kleintransporter, auf dem der Schriftzug "Frisches Bayern" prangt. Der ehemalige Focus-Herausgeber macht ernst und mit ihm sollen "Fakten in den Landtag" einziehen. Klar.

Fünf Landtagsabgeordnete vertreten den Landkreis mit seinen beiden Stimmkreisen (Nord und Süd) derzeit im Maximilianeum. Neben den beiden Gewinnern der Direktmandate, Kerstin Schreyer und Ernst Weidenbusch von der CSU, sind dies die Sozialdemokraten Natascha Kohnen und Peter Paul Gantzer sowie Nikolaus Kraus von den Freien Wählern.

Schwarz, rot und orange - diese Farben haben den Landkreis München in den vergangenen fünf Jahren im Landtag repräsentiert. Tritt ein, was derzeit alle Umfragen vorhersagen und vermuten lassen, wird nicht nur das Parlament als Ganzes sehr viel bunter - es könnte vor allem der bevölkerungsreichste Landkreis des Freistaats vom prognostizierten Beben an der Urne profitieren. Und möglicherweise bis zu acht Abgeordnete ins Maximilianeum entsenden. Acht von insgesamt 180.

Natürlich lässt sich politisches Gewicht quantitativ bemessen. Es lohnt aber auch, darauf zu achten, wer denn da genau den Landkreis auf Landesebene vertritt - und künftig vertreten könnte. Die Unterhachingerin Kerstin Schreyer ist mit der Kabinettsumbildung im März von der ehrenamtlichen Integrationsbeauftragten mit eigenem Büro in der Staatskanzlei zur Sozialministerin mit eigenem Ressort aufgestiegen.

Der Haarer Ernst Weidenbusch gehört nicht zuletzt dank seines gleichermaßen harten wie geschickten Auftretens in den Verhandlungen um die Abwicklung der Skandalbank Hypo Alpe Adria zum engsten Kreis um Ministerpräsident Markus Söder, der damals noch Finanzminister war.

Ein arg gebeuteltes Wrack

Die Neubibergerin Natascha Kohnen, Spitzenkandidatin der Bayern-SPD und stellvertretende Bundesvorsitzende ihrer Partei, ist nach den tristen Pronold-Jahren so etwas wie die letzte Hoffnung der Genossen. Der Rettungsanker eines Schiffes, das mittlerweile eher an ein vom Sturm gebeuteltes, fahrunfähiges Wrack erinnert.

Das war einmal anders. Der Fallschirmspringer Peter Paul Gantzer, seit 1978 Mitglied des Bayerischen Landtags und Grandseigneur seiner Partei, weiß das genau. Als einer, der die guten Jahre der SPD in Bayern hautnah mit erlebt und gestaltet hat. Als sie etwa 1994 bei der Landtagswahl mit der Spitzenkandidatin Renate Schmidt satte 30 Prozent und vier Jahre später immerhin noch 28,7 Prozent holte.

Gantzer geht in diesem Herbst in den politischen Ruhestand - und mit ihm verschwindet auch ein wenig die Hoffnung, die SPD könnte noch einmal ein Ergebnis mit einer Zwei vorne erzielen.

Während die Bedeutung der SPD schwindet, wird die des Landkreises zunehmen; als eine Art Herzkammer der Landespolitik - mit vielen Facetten und unterschiedlichen Gesichtern.

Der letzte Bayerntrend des BR-Magazins Kontrovers prognostiziert eine radikale Veränderung der politischen Landschaft - und damit auch im Landkreis München. Wird das außergewöhnlichste Szenario Realität, sitzen künftig Abgeordnete aus sieben Parteien im Parlament.

Die Furcht der CSU vor dem Supergau ist allerorten zu spüren. Der bestünde ja nicht nur aus dem Verlust der absoluten Mehrheit, das haben die Christsozialen schon erlebt - sondern einem historischen Abrutschen unter die 40-Prozent-Marke. Welche Folgen ein derartiges Abschneiden nach sich ziehen könnte, ist noch nicht absehbar. Es wird aber kaum dazu führen, dass Kerstin Schreyer und Ernst Weidenbusch um ihre Direktmandate zittern müssen. Eine Erdrutschsieg mit 46,4 Prozent der Erststimmen wie vor fünf Jahren aber wird etwa die Sozialministerin kaum mehr einfahren.

Auch der Wiedereinzug Natascha Kohnens in den Landtag gilt als sicher, selbst bei einem dramatischen Einbruch auf nur noch zwölf oder 13 Prozent. Die Spitzenkandidatin ist die populärste und weithin bekannteste Sozialdemokratin im Freistaat und wird Stimmen ziehen.

Dahinter - oder davor, je nach Perspektive - wird es spannend. Der Grüne Markus Büchler aus Oberschleißheim, der im Stimmkreis München-Land Süd antritt, hat mit Listenplatz vier in Oberbayern beste Chancen auf den Einzug in den Landtag; durch den taktischen Kniff, nicht im Norden anzutreten, erhofft sich der Verkehrsexperte einen deutlichen Stimmenzuwachs.

Ein möglichwewr Häufelkönig aus der FDP

Seinen Bekanntheitsgrad will auch FDP-Kandidat Helmut Markwort nutzen, vor dem nicht zuletzt die eigenen Parteifreunde in München zittern. Der Medienmacher tritt als Nachfolger des fahnenflüchtigen Tobias Thalhammer im Süden an - und könnte durchaus als Häufelkönig den Sprung ins Parlament schaffen. Der Wiedereinzug von Nikolaus Kraus aus Ismaning für die Freien Wähler, der auf Platz fünf der Liste rangiert, ist sehr wahrscheinlich.

Schreyer, Weidenbusch, Kohnen, Büchler, Markwort, Kraus - dieses Sextett teils herausragender Namen in der Landespolitik gilt für die Interessenvertretung des Landkreises im Landtag als gesetzt. Rutscht Bayern aber nur ein kleines Stückchen nach links, könnte ein achter hinzukommen. Schafft die Linke in Bayern erstmals den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde, hat der Gewerkschaftsfunktionär Bernhard Baudler im Süden realistische Chancen, ein Mandat zu erringen.

Doch auch rechts der Mitte kann sich noch etwas bewegen. Der Einzug der AfD ins Maximilianeum ist sehr wahrscheinlich; auch sie schickt zwei Direktkandidaten ins Rennen. Ob Ulrich Riediger (Stimmkreis Süd) oder Rainer Gross (Nord) ausreichend Stimme zusammenbekommen, ist indes fraglich. Ihre Listenplätze (27 und 24) sprechen dagegen.

Diese spielen beim bayerischen Wahlsystem aber nur eine untergeordnete Rolle. Und so hoffen die Kandidatinnen der SPD und der Grünen im Norden, Annette Ganssmüller-Maluche und Claudia Köhler, erstens auf ein gutes Abschneiden ihrer Parteien und zweitens auf persönlich optimale Ergebnisse. Die könnten den mächtigen Stimmkreisen des Landkreises weitere Abgeordnete bescheren.

Die Revolution wird kommen, aber anders als sie sich Kurt Eisner vorgestellt hat oder Markus Rinderspacher wünscht. Und die CSU sollte sich nicht in Sicherheit wiegen, Bayern wird sich am 14. Oktober verändern. Der Landkreis München, als politische Herzkammer des Freistaats, aber könnte profitieren.

© SZ vom 04.08.2018
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