Praxistest der Prüfer Fast fahrradfreundlich

Die Bewertungskommission schaut genau hin, bevor sie das Siegel "Fahrradfreundliche Kommune" vergibt. An der Oberhachinger Linienstraße gab es viel Diskussionsbedarf über die Verkehrsführung.

(Foto: Claus Schunk)

Eine Kommission würdigt die Bemühungen Oberhachings um die Förderung des Radverkehrs und stellt das ersehnte Siegel in Aussicht. Bevor die Gemeinde es tatsächlich bekommt, muss sie aber noch einige Hausaufgaben erledigen.

Von Iris Hilberth, Oberhaching

Dass sie etwas für die Radfahrer tun wollen, würden wohl viele Gemeinden von sich behaupten. Hier ein Stück Radweg, dort ein paar Fahrradständer - doch der große Wurf ist eher selten darunter. Um tatsächlich als "fahrradfreundlich" zu gelten und diese Haltung auch offiziell von der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen (AGFK) besiegelt zu bekommen, muss eine Gemeinde tüchtig in die Pedale treten und die Nutzung des Rads seinen Bürgern auch attraktiv machen.

Es gilt eine ganze Reihe harter Kriterien zu erfüllen, um nachzuweisen, dass es einem richtig ernst ist mit der Förderung des Radverkehrs. Oberhaching ist auf einem guten Weg dorthin. Nach der Hauptbereisung der Bewertungskommission, quasi die große Praxisprüfung, bekam die Gemeinde signalisiert, mit ein paar kleinen Nachbesserungen im Oktober bei der Auszeichnungsveranstaltung im bayerischen Verkehrsministerium dabei zu sein. Sieben Jahren hat das Siegel Bestand. Dann rücken die Prüfer erneut an.

Drei Stunden lang ist das Gremium mit Bürgermeister Stefan Schelle (CSU) und Vertretern der Verwaltung durch die Oberhachinger Straßen geradelt, hat sich heikle Stellen angesehen, gelungene und missglückte Verkehrsführungen betrachtet, Radständer geprüft und Beschilderung getestet. Entscheidend für lobende Worte der Prüfer bei der Hauptbereisung ist auch eine Verbesserung seit der ersten Rundfahrt, die in Oberhaching vor zwei Jahren stattgefunden hat. In ihrem Urteil verlässt sich die Kommission auf Experten wie Vertreter des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) und der örtlichen Polizei.

"Mobilität ohne Auto ist uns sehr wichtig"

"Mobilität ohne Auto ist uns sehr wichtig", begründet Bürgermeister Schelle das Engagement seiner Gemeinde in der Arbeitsgemeinschaft. 2012 hatte es in Oberhaching dazu einen Grundsatzbeschluss des Gemeinderats gegeben. Seither versucht man mit Aktionen und einer verbesserten Infrastruktur die Oberhachinger davon zu überzeugen, aufs Rad zu steigen. "Wir wollen nicht moralisieren, aber das Verkehrsverhalten in Richtung Radverkehr verschieben", sagt Julia Rieß, die im Bauamt für dieses Anliegen zuständig ist.

Konkret bedeutet das: Oberhaching hat sich selbst verpflichtet, die innerörtlichen Radfahrten bis zum Jahr 2023 im Vergleich zum Jahr 2017 um zehn Prozent zu steigern. Flächendeckend Tempo 30, den neuen Radweg nach Oberbiberg, 2000 meist überdachte Radständer, Aktionen für Schwimmbadbesucher "Mit dem Rad zum Bad" und für Schüler "Autofrei, ich bin dabei", Dienstfahrräder für die Kitas und die Beteiligung am MVV-Mietradsystem führen die Oberhachinger als positive Entwicklung hin zur radfreundlichen Kommune an. Ideologische Grabenkämpfe will man damit nicht lostreten und betont, dass alle Verkehrsmittel ihre Berechtigung haben.

Wie schwer Oberhaching sich trotz erklärter Radfreundlichkeit mitunter dabei tut, zeigt die Uneinigkeit im Gemeinderat über die Beibehaltung von Tempo 70 zwischen Deisenhofen und Ödenpullach. "Eine Diskussion, die ich überhaupt nicht verstehe", wie Robert Burschik vom ADFC bei der Bereisung verwundert feststellte. Schelle versprach, die Schilder über den Sommer stehen zu lassen und dann das Thema im Gremium erneut zu behandeln.

Bürokratische Hürden erschweren die Schnellverbindung

Längst gerne ein Stück weiter wäre Oberhaching mit einer schnellen Radverbindung von Sauerlach durch den Perlach Forst bis nach München. Einfach asphaltieren, Winterdienst einrichten und losradeln, hatte sich Bürgermeister Schelle vor drei Jahren gedacht. Doch scheitert die Umsetzung bislang an ungeahnten bürokratischen Hürden. So brauchen die Gemeinden laut Schelle etwa eine Rodungsgenehmigung für einen Abschnitt, auf dem gar kein Baum steht, weil es dort bereits einen Weg gibt. "Da bist du hilflos", sagt Schelle, der sich etwas mehr Pragmatismus wünscht.

Schwierigkeiten sieht der Bürgermeister auch in dem Vorschlag der Kommission, die Linienstraße zur Fahrradstraße zu ernennen. Denn viele Rennradfahrer würden hier heute schon "mit Tunnelblick" durchrasen. Auf diese "Egomanen auf dem Radl", die sich nicht an Tempo 30 hielten, ist er gar nicht gut zu sprechen. Die Linienstraße zählt eh zu den schwierigen Abschnitten im Oberhachinger Radwegenetz. Hier werden die Radler vom Fuß- und Radweg auf die Straße geleitet, was nicht ungefährlich ist. Viele bleiben auf dem Fußweg. Die Experten finden das unübersichtlich.

Größter Kritikpunkt war aber die bislang fehlende Erhebung der Aufteilung des Verkehrs in Oberhaching. Die muss die Gemeinde nun noch nachreichen, um überhaupt in fünf Jahren die Steigerung des Radverkehrs nachweisen zu können.

Ein paar weiße Striche sind zu wenig

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