Damit hatten die Planegger CSU-Mitglieder bei der nicht öffentlichen Aufstellungsversammlung für ihren Bürgermeisterkandidaten nicht gerechnet. Zwar wurde der amtierende Bürgermeister Hermann Nafziger mit 23 von 27 Stimmen wieder gewählt; doch die eigentliche Sensation kam nach dem Wahlgang: Michaela Erdmann, langjährige Gemeinderätin der CSU und am Ort bekannte Apothekerin, warf den Bettel hin. Sie trat aus der CSU aus und will erst mal fraktionslose Gemeinderätin bleiben, bevor sie sich einer anderen Fraktion anschließt.
Erdmanns Begründung geht in zwei Richtungen: Zum einen kritisiert sie heftig den Planegger CSU-Vorstand und spricht davon, die „Situation in der Fraktion, im Vorstand und im Ortsverband der CSU Planegg“ habe „immer weniger mit meinen Vorstellungen zu tun. Die Art, wie man miteinander umgeht, ist entscheidend, vor allem, wenn man verschiedener Meinung ist. Ich lege Wert auf Geradlinigkeit.“ Die finde sie in der Planegger CSU immer weniger. „Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Sie ist das Ergebnis reiflicher Überlegungen über viele Monate.“
Einen weiteren Punkt sieht sie in „der Landes- und Bundespolitik der CDU/CSU.“ Vor allem die Flüchtlings- und Finanzpolitik derzeit „geht gar nicht“. Man könne „nicht immer nur gscheit daherreden und insgesamt unglaubwürdig bleiben“. Entscheidungen in der Finanzpolitik dienten niemandem und blieben unausgewogen.
Immer wieder waren in den vergangenen Monaten Berichte über Auseinandersetzungen in der CSU-Fraktion an die Öffentlichkeit gelangt. Dabei ging es offenbar auch um die Art und Weise, wie Bürgermeister Nafziger seine politischen Entscheidungen kommuniziert. „Da gibt es keine Einheit in der Fraktion“, sagt Erdmann der SZ. „Wir ziehen nicht an einem Strang, oft herrscht ein Durcheinander.“ Sie frage sich, wie man auf diese Weise in den Wahlkampf ziehen soll. „Das geht seit einigen Jahren so.“ Eine Spitze gegen den amtierenden Vorstand. Erdmann betont, sie habe sich immer solidarisch mit dem Bürgermeister gezeigt, ihn „bei den letzten Wahlen durchgeboxt: damals gab es noch ein absolutes Miteinander in der Planegger CSU“. Das sei komplett vorbei.

Die 61 Jahre alte Gemeinderätin war 20 Jahre Mitglied der CSU. Ihr Elternhaus, sagt sie, stand von jeher der CSU nahe. Es gab eine enge Beziehung zum früheren Bundestagspräsidenten Richard Stücklen, ein Onkel war ein CDU-Minister in Hessen. In der CSU Gräfelfing war sie zunächst eine der Vorsitzenden in der Frauen-Union, seit 2012 leitete sie die FU in Planegg. Im Wahlkampf 2020 unterstützte sie tatkräftig Hermann Nafziger, der zuvor schon dreimal gegen SPD-Kandidaten gescheitert war.
Durch Erdmanns Austritt schrumpft die Zahl der Sitze der CSU im Gemeinderat auf fünf. Erdmann will weiter tatkräftig in der Kommunalpolitik mitarbeiten: „Erstmal bin ich jetzt heimatlos. Aber ich möchte mich weiterhin für meine Heimatgemeinde engagieren.“ Das kann sie politisch allerdings nur, wenn sie für die Kommunalwahlen am 8. März Anschluss an eine neue Fraktion findet. Vorstellen kann sich Erdmann das bei den Grünen, die voraussichtlich mit Judith Grimme als Bürgermeisterkandidatin in den Wahlkampf ziehen, oder auch mit der Fraktion „Pro Planegg & Martinsried“ von Philipp Pollems und Peter von Schall-Riaucour. Allerdings strebt Erdmann eine Fraktion an, die einen eigenen Bürgermeisterkandidaten aufstellt. Und ob Philipp Pollems noch einmal will, ist offen.
In der CSU wurde Erdmanns Coup mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Während Nafziger darin einen normalen demokratischen Vorgang sieht, weil man „immer mal wieder unterschiedlicher Meinung ist“, zeigte sich Fraktionssprecher Michael Book überrascht: „Sie hat immer mal wieder angedeutet, nicht mehr antreten zu wollen. Aber dass sie gleich austritt, war mir neu.“ Ortsverbandsvorsitzender Christoph Bobe reagiert mit den Worten: „Ich habe das zu respektieren, aber die Gründe habe ich nicht verstanden.“
Erdmanns Entscheidung bedeute für die Planegger CSU und die Kommunalwahlen nichts Negatives: „Wir stellen halt eine Liste ohne sie auf. Es gibt genug namhafte Leute, die Interesse haben.“ Die Nominierung Nafzigers sieht er „konstruktiv“. Das Ergebnis zeige „ein starkes Zeichen der Geschlossenheit“. In Bobes Pressemitteilung zur Mitgliederversammlung taucht Erdmanns Name nicht auf.

