Felix Kempf liegt das Analytische. Beruflich hat der Physiker und Versicherungsmathematiker bisher Wahrscheinlichkeiten berechnet und Risiken eingeschätzt. Ob er sich seine Chancen, SPD-Bürgermeister von Planegg zu werden, im Vorfeld auch ausgerechnet hat? „Ich kann gut einschätzen, wann man keine gute Vorhersage treffen kann“, sagt er lachend. Und bei einer Kommunalwahl sei genau das der Fall. Er habe gewusst, dass er viel dafür tun müsse, und so hat er sich im Wahlkampf ausdauernd an vielen Planegger Haustüren persönlich vorgestellt. Die Rechnung ist aufgegangen: Der 37-Jährige hat in der Stichwahl mit 64,1 Prozent dem amtierenden Bürgermeister Hermann Nafziger (CSU) das Amt abgenommen.
Felix Kempf ist der neue Hoffnungsträger, der es in Planegg richten soll. Er soll den Wunsch vieler Wählerinnen und Wähler nach mehr Kommunikation, transparenten Entscheidungsfindungen und Tempo in der Umsetzung drängender Planegger Themen erfüllen. In Planegg hat er sich kommunalpolitisch nach oben gearbeitet, der SPD-Ortsverein hat ihm den Boden bereitet.
Kempf ist in Planegg und Gräfelfing aufgewachsen, hat am Kurt-Huber-Gymnasium Abitur gemacht und ist mit 20 Jahren in die SPD eingetreten. Soziale Gerechtigkeit habe ihn immer interessiert, sagt er. Während seines Freiwilligen Sozialen Jahres bei der Bahnhofsmission habe ihn dort ein Kollege auf die Idee gebracht, sich politisch zu engagieren. Es sei der beste Weg, wenn man aktiv etwas ändern wollte, sagt Kempf.
Im SPD-Ortsverein übernahm er verschiedene Ämter, darunter auch einige Jahre den Vorsitz. Annemarie Detsch, SPD-Bürgermeisterin von 2008 bis 2014, habe ihn „sehr geprägt und gefördert“, erzählt er. Sie sei es gewesen, die ihn ermutigt habe, 2014 für den Gemeinderat zu kandidieren. Er wurde gewählt, Detsch wiederum starb kurz nach ihrer Wiederwahl. Aber da war Kempf schon auf einem guten Weg, wurde zwei Jahre später Fraktionsvorsitzender und 2020 als Gemeinderat wiedergewählt. Die Idee, als Bürgermeister zu kandidieren, sei in den vergangenen drei Jahren gewachsen, sagt er. Er habe mehr Zeit und Energie in die Kommunalpolitik stecken wollen, um mitzugestalten.
Fünf SPD-Bürgermeister hat es seit 1966 in der Gemeinde gegeben
Im SPD-Ortsverein könne man sich „entfalten“, sagt er. Die Partei gestalte Politik maßgeblich mit in Planegg, „das macht es interessant, dabei zu sein“. Seit 1966 gab es fünf SPD-Bürgermeister – Kempf ist der sechste – und nur dreimal war die CSU am Ruder. Im Ortsverein wurden SPD-Kommunalpolitiker groß, die sich weit über Planegg hinaus einen Namen gemacht haben: Bela Bach etwa, die für kurze Zeit sogar in den Bundestag nachrückte, oder Korbinian Rüger, der aktuelle Vorsitzende der SPD München-Land.
Jetzt also Felix Kempf, der bisher jüngste Bürgermeister von Planegg. Äußerlich hat er sich auch mit 37 Jahren etwas Bubenhaftes bewahrt, was ihn deutlich jünger wirken lässt. Dass Physik, seine Promotion in theoretischer Biophysik und sein bisheriger Job als Versicherungsmathematiker beim Allianz-Konzern auch etwas mit dem Bürgermeisterjob zu tun haben, hat er wie eine logische Konsequenz beim SPD-Neujahrsempfang im Januar erklärt: Die Physik habe ihn den Respekt vor komplexen Systemen gelehrt, die Mathematik die Klarheit und seine Arbeit mit Risiken und Wahrscheinlichkeiten beim Versicherer einen Blick dafür, was Menschen in besonderen Situationen bräuchten. Bei allem Kalkül und sorgfältiger Analyse hat Kempf auch etwas Bodenständiges: Er spielt Fußball, fährt Fahrrad, baut in seinem Garten in Lochham Gemüse an und pflegt seine Obstbäume.
Das Bahnhofsareal in Planegg ist einer der Orte, an dem Kempf eine der größten Herausforderungen seiner Amtszeit sieht. Rund 30 000 Quadratmeter gilt es hier mit Wohnungen, Gewerbe und Einkaufsmöglichkeiten zu gestalten. Der neue Bürgermeister sieht es als seine Aufgabe, das seiner Meinung nach qualitativ gute Konzept „nicht zu verwässern“ und einen guten Blick darauf zu haben, welche Art von Wohnraum hier entstehen soll. Gemeindewohnungen seien denkbar, aber auch Wohnen in einem Genossenschaftsmodell, Seniorenwohnen oder ein Mehrgenerationenprojekt. Das brauche viele Abwägungen, meint er.
Auf dem Weg will er alle mitnehmen. „Ich will Entscheidungen erklären und ein offenes Ohr haben“, sagt er. Dann zieht er die blaue Allwetterjacke über das Sakko, wirft den Rucksack über die Schulter, krempelt das rechte Hosenbein hoch und saust auf seinem Fahrrad zum nächsten Termin.


