Pläne für U-Bahnbetriebshof:"Banalisierung der Beeinträchtigungen"

U-Bahn-Werkstatt der MVG in Fröttmaning, 2012

Die U-Bahnwerkstatt in Fröttmaning kann nicht erweitert werden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Protest gegen den geplanten U-Bahn-Betriebshof in Neuperlach wächst - die Kritiker sehen sich nicht ernst genommen. Die MVG verweist auf eingehaltene Grenzwerte und lehnt Taufkirchen als alternativen Standort ab

Von Hubert Grundner und Thomas Kronewiter

In geballter Form haben die "Bürgerinitiative (BI) Saubere Luft für Waldperlach und Neubiberg" sowie die "Siedler- und Eigenheimervereinigung Waldperlach-Neubiberg" ihre Kritik an dem in Neuperlach geplanten U-Bahn-Betriebshof Süd erneuert. Mit ihrem Schreiben an die Rathäuser in München und Neubiberg sowie an den Bezirksausschuss Ramersdorf-Perlach wollen sie erreichen, dass der für das Projekt notwendige Änderungsantrag des Flächennutzungsplans für den Bereich Arnold-Sommerfeld-Straße (südlich) und Lise-Meitner-Weg (nördlich) komplett überarbeitet wird. Darüber sollen die Stadträte allerdings schon in der Sitzung des Planungsausschusses am Mittwoch, 7. Juli, abstimmen. Eine am Samstag geplante Ortsbegehung sagte die Initiative kurzfristig ab, weil sie bei der auf 200 Menschen begrenzten Versammlung mit "einem Vielfachen der erlaubten Teilnehmer" hätten rechnen müssen. Eine erst kürzlich freigeschaltete Online-Petition hat jedenfalls (Stand: Sonntagmittag) bereits 1130 Unterstützer.

Ein Kritikpunkt hat sich unmittelbar vor dem Wochenende zumindest formal erledigt: Denn die mehr als 400 Fragen von betroffenen Bürgerinnen und Bürgern, die sie während der Online-Veranstaltung der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) zum Thema gestellt hatten, sind nun durch einen im Internet zugänglichen Frage-Antwort-Katalog (www.mvg.de) beantwortet. In den Augen der künftigen Nachbarn entbehrt die Planung gleichwohl jeglichen realen Bezugs: So finde sich kein einziges Mal das Wort "Waldperlach" und "Neubiberg" in den Ausführungen. Dabei werde Waldperlach auf dem Münchner Stadtportal als "Gartenstadt" und als "ein ebenso schönes wie beliebtes Wohnquartier" beschrieben. Kein Hinweis auch darauf, dass sich in unmittelbarer Nähe des Planungsgebietes fast nur reine Wohngebiete mit Spielplätzen und Kindertagesstätten befänden. Vielmehr werde nur lapidar erwähnt, das Areal liege in einem Bereich, wo sich "Wohngebäude als Wohnenklave inmitten der umgebenden gewerblichen und freiräumlichen Nutzungen" befänden. Weiter heißt es, das Gebiet sei "ohnehin belastet". Damit solle wohl, so die BI, der Eindruck erweckt werden: "Auch schon egal."

Überhaupt liest sich die Begründung für die Kritiker wie eine einzige "Banalisierung der Beeinträchtigungen", die auf die dort lebenden Menschen zukommen werden. So können sie auch in keiner Weise nachvollziehen, wenn sie in den Unterlagen auf Passagen wie diese stoßen: "Insgesamt sind im Hinblick auf die Erholungsnutzung negative Auswirkungen zu verzeichnen, die jedoch nach gegenwärtigem Kenntnisstand unterhalb der Erheblichkeitsschwelle liegen." In ihren Antworten hält die MVG nun konkret fest, dass weder der benachbarte Grünzug noch die Kleingärten betroffen seien. Ein Schallgutachten habe ergeben, dass eine Halle oder Einhausung nicht nötig sei, um die gesetzlichen Grenzwerte einzuhalten. Die stattdessen geplanten Schallschutzmauern würden insgesamt acht Meter hoch. Die Prognose gelte auch, obwohl der Betriebshof rund um die Uhr betrieben werde, also gerade nachts Reparaturen und Wartung an den Zügen, Ein-und Ausrückfahrten sowie Abnahmefahrten stattfänden.

Die BI hingegen sagt deswegen voraus, dass Zehntausende Menschen in Waldperlach, Neuperlach und auch Neubiberg erhebliche Eingriffe in ihrem Lebens- und Wohnraum zu erwarten hätten. Damit werde mehr als deutlich, dass wohl allein wirtschaftliche Faktoren ausschlaggebend seien, die Anlage günstig oberirdisch in Neuperlach-Süd bauen zu wollen. "Dagegen wehren wir uns!", heißt es kämpferisch im Schreiben an die Rathäuser.

Den Kritikern geht es aber nicht nur um das eigene Umfeld: Das aktuelle Baukonzept müsse neben seiner reinen Funktionalität auch den heutigen Anforderungen an Klimaneutralität, Natur und Umwelt sowie der Lebensqualität der Anwohner genügen, monieren sie. Neben den funktionalen Anforderungen an den Ausbau der - natürlich sinnvollen - U-Bahn-Linien sei das ökologische Gesamtkonzept inklusive der technisch erforderlichen Betriebshöfe zu betrachten. So fordert die Bürgerinitiative beispielsweise, eine Standortverlegung des Betriebshofs an das künftige Ende der Linie U 5 in Taufkirchen, nahe der Autobahn, erneut zu prüfen. Geprüft hat die MVG tatsächlich noch Flächen im östlichen Riem, in Feldmoching, Moosach, Olympia-Einkaufszentrum und Studentenstadt: "Allerdings stand nur in Riem-Ost und in Neuperlach Süd eine ausreichende Fläche zur Verfügung." Der Betriebshof müsse aber jetzt realisiert werden, um die U-Bahn wie geplant ausbauen zu können. Ein Standort im Landkreis scheide daher schon aus zeitlichen Gründen aus.

© SZ vom 05.07.2021
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