Pflegealltag:Schmerzhafte Tatsachen

Pflegealltag: Die Schülerinnen produzierten zwei Podcasts, die auch an anderen Schulen zu hören sein werden.

Die Schülerinnen produzierten zwei Podcasts, die auch an anderen Schulen zu hören sein werden.

(Foto: Claus Schunk)

Neubiberger Schülerinnen setzen sich in einem Projekt mit dem Pflegeberuf auseinander

Von Angela Boschert, Neubiberg

Mit der Kampagne "Pflegehelden" will das bayerische Gesundheitsministerium durch eine realistische Darstellung das Interesse von Schülern aller Schularten für den Pflegeberuf wecken. Die 2020 eingeführte generalistische Pflegeausbildung fasst die bisherigen drei Bereiche Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege zusammen und ermöglicht Spezialisierungen sowie das Studium der Pflegewissenschaft. Fachliche Schwerpunkte aus allen drei Pflegebereichen fließen zusammen, wodurch sich breite und anspruchsvolle Berufsfelder eröffnen. Am Gymnasium Neubiberg hatten Schülerinnen und Schüler drei Tage Gelegenheit, sich damit zu beschäftigen.

"Ich habe von dem Projekt gelesen, habe Interesse, Medizin zu studieren, und halte es für eine gute Informationsmöglichkeit", beschreibt Carolin aus der zehnten Klasse ihre Motivation und sagt, es mache ihr viel Spaß. Ähnlich ergeht es ihren Stufenkameradinnen Irim und Annika sowie Mariella und Lucero aus der Q 11. Was sie in den drei Tagen erwartet, hat ihnen Projektleiter Jean-Francois Drozak am Montagmorgen "mit sehr vielen Informationen" erläutert, wie Mariella augenzwinkernd erzählt. Dann haben sie Dialogtexte mit Szenen aus dem Pflegealltag gelesen, diskutiert und redaktionell bearbeitet.

Das spannendste für die Schülerinnen war, die Szene in verteilten Rollen als Podcast aufzunehmen. Theaterpädagoge Drozak saß dabei am Mischpult. Anmoderiert von ihm sind kurze, eindringliche Hörstücke entstanden, die an diesem Mittwoch etwa einhundert Schülern des Gymnasiums vorgestellt werden. Nach den Sommerferien sollen sie an weiteren Schulen zu hören sein.

Eine dieser Szenen zeigt, dass bei persönlichem Kontakt und Zuwendung auch Raum sein muss, um ehrlich selbst schmerzhafte Tatsachen zu benennen. Etwa wenn die Pflegerin der jungen Frau, die in der Beauty-Branche arbeitet, sagen muss, dass ihr wegen der Chemotherapie alle Haare ausfallen werden. "Andere trinken jetzt Aperol, ich bekomme Chemo", sagt die Betroffene. Bei der Aufnahme mit Mariella und Lucero klingt das nicht deprimiert oder verzweifelt, es hat etwas von klarer Sicht auf den Krebs, den die Erkrankte überwinden will. Sei es auch nur, indem sie die Pflegerin bittet, ihr den Kopf kahl zu scheren, weil sie die Haarlosigkeit dann selbstbestimmt herbeigeführt hat. Die Neubiberger Gymnasiastinnen demonstrieren, welches Einfühlungsvermögen, aber auch Verantwortungsbewusstsein Pfleger haben müssen, weil sie Menschen betreuen mit Willen und Zielen, auf die es einzugehen gilt. Und so sagt Lucero aus der Q 11, die über ein Freiwilliges Soziales Jahr vor der Aufnahme des Medizinstudiums nachdenkt, es gehe in der Pflege um mehr, als man denke. Sie wolle ihren Mitschülern zeigen, wie der Alltag in der Pflege aussieht.

"Wir wollen nicht mit einer rosaroten Brille auf den Pflegeberuf blicken", sagt Drozak im Verlauf der Podcast-Produktion immer wieder. Ziel des Projekts, das für die Schüler als Praktikum im Zuge der Berufsorientierung gewertet wird, sei, den Interessierten einen wahrhaften Einblick in alle Facetten des Berufs als Pflegefachfrau beziehungsweise Pflegefachmann zu geben. Wie vielfältig, anspruchsvoll und anstrengend dieser Beruf ist, erfahren die Schülerinnen in den Szenen. Man unterstütze Menschen auf intimster Ebene, das brauche mehr Anerkennung und müsse besser bezahlt werden, finden sie.

Einen anderen Aspekt der neuen Möglichkeiten zeigt der zweite Podcast. In ihm besucht die Pflegebeauftragte die chirurgische Station eines Krankenhauses. Doch sie macht den Pflegekräften keinen Vorwurf, weil ein Patient ein Druckliegegeschwür hat, sondern betont, Studien hätten ergeben, dass solch ein sogenannter Dekubitus erst nach 72 Stunden falscher Lagerung des Patienten auftrete. Die Ursache liege also nicht allein bei den gerade Diensthabenden. Nun will sie mit den praktizierenden Pflegern erarbeiten, wo und wie man diese Gefahr verringern könne. Theorie trifft Praxis, beide ergänzen einander. Auch das sei ein Ziel der neuen Ausbildungsstruktur, so Drozak.

Die Macher, darunter Projektleiter Drozak aus Nürnberg, wollen die Jugendlichen nicht nur "aufschließen" für den Pflegeberuf, sondern der Einstellung und Motivation der jungen Generation auf die Spur kommen. Für die fünf Neubiberger Gymnasiastinnen zählt, anderen Menschen wirklich helfen zu können. Noch denken vier von ihnen an ein Medizinstudium.

© SZ vom 28.07.2021
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