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Personalie:Von Mensch zu Mensch

Diakon Markus Jaehnert verlässt nach zwölf Jahren die Kreuz-Christi-Kirche in Höhenkirchen. Die Kinder- und Jugendarbeit tauscht er gegen einen Job beim kirchlichen Sozialdienst am Flughafen

Markus Jaehnert war mit 13 Jahren zum ersten Mal ehrenamtlicher Jugendleiter einer christlichen Gemeinde, später hat er sein Hobby zum Beruf gemacht. Nach 33 Jahren Kinder- und Jugendarbeit wendet er sich jetzt neuen Dinge zu. Am Sonntag verabschiedet ihn die evangelische Kirchengemeinde Höhenkirchen.

Jaehnert kommt im Jahr 2005 zur Kreuz-Christi-Kirche. Er betreut Konfirmanden, veranstaltet zahlreiche große Freizeiten im In- und Ausland, organisiert Jugendgottesdienste und weist neue Jugendleiter an. In Höhenkirchen-Siegertsbrunn ist er für knapp 500 Kinder und Jugendliche verantwortlich. Der Job ist wie geschaffen für den heute 46-jährigen Diakon. Er nimmt sich Zeit für die Ängste und Sorgen der jungen Gemeindemitglieder.

Bei den Jugendlichen kommt das an. Sie sprechen mit ihm über den ersten Liebeskummer und den ersten Vollrausch. Jaehnert ist da, als drei Kinder durch einen Autounfall ihre Eltern verlieren und Vollwaisen werden. Er trauert mit ihnen und hört zu. Einige der Kinder, die er vor zwölf Jahren kennen gelernt hat, sind heute noch in der Kirchengemeinde aktiv. Vielleicht auch wegen ihm. Viele übernehmen selbst als Jugendleiter Verantwortung. Darüber freut sich Jaehnert besonders. Trotz seiner 46 Jahre wirkt er mit langem Pferdeschwanz, dem Ohrring am rechten Ohr und der Eidechsenhalskette heute noch jung. Jaehnert, den viele nur als "Hossi" kennen, sagt selbst: "Noch macht es mir Spaß, auf der Isomatte zu pennen. Aber das geht nicht ewig. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist."

Liebeskummer, Trauer und auch kleinere Sorgen: Diakon Markus Jaehnert stand seit 2005 an der Kreuz-Christi-Kirche in Höhenkirchen Jugendlichen zur Seite. Am Sonntag wird er verabschiedet

(Foto: Claus Schunk)

Also entscheidet er sich vor fünf Jahren dazu, berufsbegleitend soziale Arbeit im Bachelor zu studieren. Mit dem Ziel, danach neue Herausforderungen zu suchen. Währenddessen bekommen seine Frau und er zwei Kinder, Miriam und Samuel machen die Familie komplett. An dem Tag, an dem Jaehnert sein Zeugnis an der Fachhochschule abholt, erzählt ihm ein Kollege von einer neuen Stelle. Am Flughafen wird ein Sozialarbeiter der Kirche gesucht, der sich für die knapp 100 Obdachlosen einsetzt, die dort leben. Der Job wurde für diese Situation von der Landeskirche und dem Flughafen München neu geschaffen. Am Flughafen leben viele ältere Obdachlose, die sich in der Innenstadt im Konkurrenzkampf mit jüngeren Wohnsitzlosen nicht durchsetzen können. Einige von ihnen sind dem Reden nach "unsichtbar". Sie sind normal gekleidet und fallen neben den normalen Fluggästen kaum auf. Trotzdem haben sie keine Wohnung. Entdeckt werden können sie nur durch tägliche Beobachtung.

Die Flughafengesellschaft könnte die Obdachlosen von der Polizei wegbringen lassen, möchte das Problem aber langfristig bekämpfen. Jaehnert und seine Kollegin sollen sich von November an für diese Menschen einsetzen und versuchen, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Jaehnert reizt das neue Arbeitsfeld und er möchte das Vertrauen der Menschen gewinnen. Dazu hat er zunächst drei Jahre Zeit. Der 46-Jährige vertraut darauf, dass Gott ihn dort einsetzt, wo er ihn gebrauchen kann. Sein Selbstverständnis als Diakon ist es, mit und für Menschen zu arbeiten. In Höhenkirchen war er glücklich, er arbeitete in einer Wohlstandsgesellschaft. Doch nach zwölf Jahren möchte er es der Gemeinde auch lassen, dass ein neuer Diakon kommt, der wieder mit neuen Ideen an die Jugendarbeit herangeht.

Freund der Jugend: Markus Jaehner

(Foto: Claus Schunk)

Dem Mann, der Menschen selbstbewusst und verantwortungsvoll dient, fällt der Abschied schwer. "Mir graut es vor Sonntag", gibt er zu. Er weiß, dass Gemeindemitglieder nach seiner letzten Predigt etwas vorbereiten und ihn überraschen wollen und hofft, dass es nicht zu emotional wird. Dem neuen Job sieht er neugierig entgegen. Seine einzige Sorge im täglichen Umgang mit den Obdachlosen ist, dass er die Menschen nicht erreicht. Die Jugend in Höhenkirchen hat er erreicht und er hinterlässt eine Lücke, die sein Nachfolger erst einmal füllen muss.

© SZ vom 21.10.2017

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