Es lässt sich erahnen: Hier hat jemand groß gedacht. Der Rohbau für die Tierpathologie auf der Baustelle in Oberschleißheim sieht weite Öffnungen für Tore und breite Gänge vor. Schließlich sollen in dem Gebäude bald nicht nur Hunde und Katzen auf dem Seziertisch landen, sondern vielleicht auch mal ein Gnu oder ein tonnenschwerer Elefant aus dem Tierpark Hellabrunn. Der fertige Rohbau für Pathologie und Anatomie steht in seiner Extravaganz exemplarisch für ein besonderes Projekt im Münchner Norden. In der sonst nur für die Prachtbauten großspuriger Kurfürsten bekannten Schlössergemeinde wächst ein europaweit einmaliger Campus für Forschung und Lehre der Veterinärmedizin heran.
Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) war in den vergangenen Jahren oft da. Ein Spatenstich am Campus der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) folgte auf den nächsten. Am Dienstag ist er wegen des Baubeginns für das Zentralgebäude und die Bibliothek gekommen. Und weil der Rohbau mit den XXL-Maßen für die Tierpathologie und -anatomie nebenan gerade fertig ist, begeht er gemeinsam mit Bauminister Christian Bernreiter (CSU) gleich das Richtfest mit. Das sei gelebte Effizienz und Entbürokratisierung, preisen sich die Kabinettskollegen selbst. Gemeinsam mit dem LMU-Präsidenten Bernd Huber bringe man den Masterplan für die Universität voran und sichere deren Exzellenz auch für die Zukunft.
Das Ereignis mit den obligatorischen Spaten und Richtkrone wirft ein Schlaglicht auf Oberschleißheim. Bisher haben den Ort gemeinhin wenige auf dem Schirm, wenn sie vom Isar-Valley reden. Meist geht es dann um München selbst mit seinen universitären Einrichtungen und Instituten oder um den TU-Standort in Garching, den Biotechnologie-Cluster in Martinsried oder auch Ottobrunn und Taufkirchen, wo jetzt ein neuer TU-Standort für Luft- und Raumfahrt entsteht. Doch Oberschleißheim gehört längst auch in diese Reihe, zumal man anders als etwa in Ottobrunn oder Taufkirchen bereits vor veritablen Gebäuden steht, in denen auch geforscht und gelehrt wird.
Es existiert außer den Stallungen der LMU-Tiermediziner die Klinik für Vögel und Fische. Die Pferdeklinik entstand zuletzt neu, und in der ebenfalls modernen Mikrobiologie beugen sich Wissenschaftler in Laboren über Mikroskope. „Der LMU-Campus Oberschleißheim wird das Zentrum moderner Tiermedizin in Europa“, ordnet deshalb Minister Blume bei dem Termin das Ganze ein. 132 Millionen Euro investiere der Freistaat in die Anatomie und Pathologie, weitere 75,5 Millionen Euro flössen in die Zentralgebäude. Insgesamt seien für den Campus 430 Millionen Euro bereits fix, sagt Blume und er ergänzt: Unter den mittlerweile schwierigeren finanziellen Bedingungen sei es fraglich, ob solch ein Betrag wieder so genehmigt würde.

Der bereits als Betonskelett existierende Neubau beeindruckt ohne Blick auf die Kosten auch Tierparkchef Rasem Baban, der als Partner der LMU-Tiermedizin die neuen Gebäude mit inspiziert. „Die Tore müssen breit sein. Ein Elefant hat schon fünf, sechs Tonnen“, sagt Baban und preist die für die Wissenschaft und Forschung der Wildtiere „ganz seltene Zusammenarbeit“ mit der LMU. Das neue Gebäude vereint laut Universität auf 6000 Quadratmetern Fläche die Fachrichtungen Pathologie und Anatomie unter einem Dach und ermöglicht so einen intensiveren Austausch. Dort entstünden großvolumige Präparations- und Sektionssäle, umfangreiche Schausammlungen und auch Hörsäle. 150 Beschäftigte würden dort in Zukunft arbeiten. Insbesondere die Tierpathologie biete wichtige Leistungen für Tierärzte und -kliniken, Landwirtschaft sowie Tierparks.
Die Zentralgebäude mit Hörsälen, Mensa, Cafeteria und Bibliothek sollen als Herz des Campus erste Anlaufpunkte werden und das städtebauliche Ensemble komplettieren. Ein Skills-Lab wird der LMU zufolge die Lehre für alle Tiermedizin-Studierenden und Auszubildenden in der Tierpflege der LMU auf innovative Weise prägen. Dort arbeiteten die Studierenden an wirklichkeitsnahen Modellen und würden so auf ihren späteren Beruf vorbereitet. Die neuen Schulungsräume seien signifikant größer als auf dem Stammgelände in der Münchner Innenstadt und erlaubten ein modellbasiertes und virtuelles Lernen. Bauminister Bernreiter sagte, bei Kosten und Terminen befinde man sich im Plan, die Fertigstellung sei für 2027 vorgesehen.

Für den Dekan der Veterinärmedizinischen Fakultät der LMU, Reinhard Straubinger, rückt damit ein weit über Bayern hinausragendes Vorhaben in greifbare Nähe. Er geht nach eigenen Worten davon aus, dass in zwei Jahren der Lehrbetrieb komplett in Oberschleißheim stattfinden könne. Dann fänden dort 1400 Studierende und etwa 500 Doktoranden einen neuen Lern- und Lehrort. Mit der ebenso in Oberschleißheim ansässigen Landesanstalt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit entstehe ein Forschungscluster.
Dabei hat Straubinger die 2030er-Jahre im Blick: Bis Ende 2029 sollen Gebäude für die vier Lehrstühle für Biochemie, Pharmakologie, Physiologie und Tierschutz entstehen. Ein Institutsgebäude für Kleintiere sei zudem vorgesehen. Ungeachtet der warnenden Worte von Minister Blume nutzt der Dekan die Gelegenheit, für weitere kostenträchtige und aus seiner Sicht lohnende Ausbauschritte zu werben. Südlich des Campus angrenzende Flächen böten dafür Platz genug. „Der Campus muss weiter wachsen.“
Zunächst aber soll es Blume zufolge um die frei werdenden Flächen der Veterinärmediziner in der Münchner Innenstadt am Englischen Garten gehen. Diese würden geräumt, um Platz für Neues zu schaffen, so der Minister. „Bald kann es nun auch mit dem Physikcampus in der Königinstraße richtig losgehen.“

