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Partnergemeinden:Verbunden trotz Abstand

Coronavirus - Frankreich

Passanten tragen in der Haupteinkaufsstraße Sainte-Catherine von Bordeaux Mundschutz, nachdem am 15. August das Tragen einer Maske verpflichtend wurde.

(Foto: Mehdi Fedouach/dpa)

Die zweite Welle der Corona-Pandemie trifft die europäischen Nachbarländer schwerer als Deutschland. Wie ist die Lage in den Partnerstädten von Aschheim bis Unterschleißheim?

Von Daniela Bode,  Irmengard Gnau, Christina Hertel, Bernhard Lohr und Monique Nauzin

Deutschland gilt in der Corona-Pandemie aktuell noch als Insel der Seligen. In den allermeisten europäischen Ländern liegen die Neuinfektionen deutlich höher; das gilt auch für die Zahl der Schwerkranken und die Belegung von Intensivbetten dort. In Aschheim, Höhenkirchen-Siegertsbrunn, Neubiberg, Pullach, Unterschleißheim und Haar verfolgt man die Entwicklungen bei den europäischen Freunden besonders aufmerksam - die Kommunen unterhalten, wie viele andere auch, Städtepartnerschaften in andere Länder.

Le Crès, Südfrankreich

Frankreich hat derzeit mit steigenden Covid-19-Fallzahlen zu kämpfen, die Zentralregierung hat für die meisten Regionen Einschränkungen beschlossen. Das Auswärtige Amt rät Deutschen von nicht notwendigen touristischen Reisen ab. Auch an der Südküste, wo Unterschleißheims Partnergemeinde Le Crès liegt, hat sich das Coronavirus zuletzt rasant ausgebreitet; seit 13. Oktober haben die Gesundheitsbehörden für die Metropolregion Montpellier-Mediterranée die höchste Warnstufe ausgerufen. Jeder der knapp 10 000 Einwohner von Le Crès, der elf Jahre oder älter ist, muss deshalb überall in der Öffentlichkeit eine Maske tragen. Außerdem gelten strenge Restriktionen: Festlichkeiten sind zum Beispiel verboten ebenso wie ein Treffen von mehr als zehn Personen; Cafés und Bars sind teilweise geschlossen, Fitnesscenter und Sporthallen für Privatleute gesperrt.

Diese Vorschriften belasten den Alltag der Menschen in Le Crès. Dennoch lobt César Vezzani, Wirtschaftsreferent der Stadtverwaltung, seine Mitbürger. Die Einwohner arrangierten sich im Großen und Ganzen recht gut mit all den Maßnahmen. Sie hätten verstanden, wie wichtig diese sind, um eine generelle Ausgangsbeschränkung wie im Frühjahr zu vermeiden. Die Kommune verteilt Masken an die Bevölkerung und bemüht sich, die Ausbreitung des Virus, aber gleichzeitig das Entstehen eines angstvollen Klimas zu verhindern.

Im Sommer verhinderte die Pandemie bereits das Wiedersehen mit den Freunden im Landkreis: Im Juli hätte eine Abordnung aus Le Crès nach Unterschleißheim reisen sollen anlässlich des Fests zur 20-jährigen Stadterhebung. Doch daraus wurde nichts, was die Vorsitzende des Partnerschaftsbeirats, Christine Hupf, bedauert. "Es ist sehr schade, dass es nicht geklappt hat. Es war schon alles im Kasten", sagt Hupf. "Auch die Gastgeber hatten sich schon gefreut." Es wäre der erste Besuch von Stéphane Champay gewesen, im März hatten ihn die Bewohner in Le Crès zu ihrem neuen Bürgermeister gewählt. Nun muss der französische Rathauschef noch eine Weile warten, bis er seinem Unterschleißheimer Kollegen Christoph Böck persönlich die Hand geben kann - oder zumindest den Ellbogen. Beim Volksfest im kommenden Jahr, hofft Hupf, werde "le maire" seinen Antrittsbesuch nachholen können.

Pauillac, Frankreich

Auch in Bordeaux zirkuliert das Virus zu schnell, die Stadt wurde bereits am 25. September in eine "erweiterte Alarmzone" aufgenommen, was zu neuen Beschränkungen im gesamten Departement Gironde führte. Auf der Halbinsel Medoc, wo Pauillac, Pullachs Partnerstadt liegt, scheint sich das Virus dagegen relativ wenig auszubreiten. Pauillac hat bisher nur einen Todesfall registriert: einen 89-Jährigen im April. Menschen, die positiv getestet wurden, sind oft asymptomatisch und müssen sieben Tage lang in ihren Häusern bleiben. Es gibt bisher sehr wenige Krankenhausaufenthalte und Beatmungen.

Das Tragen einer Maske, Desinfektion, Händewaschen und Abstandhalten sind in geschlossenen Räumen obligatorisch. Die Regeln gelten im Rathaus, in der Bibliothek, in Unternehmen, Hochschulen und Gymnasien, Restaurants, Kino und Kulturzentrum. Fast alle sportlichen und kulturellen Aktivitäten sind verboten, was in Pauillac auf viel Missverständnis stößt.

Der Austausch mit Pullach ist schwierig trotz des guten Willens von Yannick Brel, dem Präsidenten des Partnerschaftskomitees, und seinem Team. Da pro Sitzung maximal zehn Personen genehmigt sind - einschließlich fünf Mitgliedern des Rathauses -, war es notwendig, drei Sitzungen seit dem Schulanfang zu organisieren. Das Team, zu dem viele Senioren gehören, ist jedoch entschlossen, die Partnerschaft am Leben zu erhalten.

(Die Autorin ist Journalistin bei der Zeitung Le Journal du Médoc.)

Im Flüchtlingslager auf Leros leben derzeit 500 Menschen.

(Foto: Louisa Gouliamaki/AFP)

Leros, Griechenland

All seine Informationen kämen von der "Inselpost", sagt Klaus Hüttemann und meint damit die Gerüchteküche, die auf der griechischen Insel Leros gerne brodelt. Denn mit 8000 Einwohnern sei diese eigentlich ein Dorf und sogar noch ein wenig kleiner als deren Partnergemeinde Aschheim. Der Inselpost zufolge sind bislang auf Leros gerade einmal zwei Menschen an Corona erkrankt, sagt Hüttemann, der vor zehn Jahren nach Leros auswanderte und darüber ein Buch schrieb. Außer, dass er nun beim Einkaufen eine Maske tragen müsse, habe sich sein Leben nicht verändert. "Ich habe Respekt vor Corona, aber keine Angst. Denn das Leben hier spielt sich ohnehin an der frischen Luft ab."

Ein Ausbruch des Virus jedoch hätte auf Leros dramatische Folgen: Auf der Insel existiert ein Flüchtlingscamp, in dem um die 500 Menschen leben. So wie auf der griechischen Insel Lesbos sollen die Geflüchteten von dort weiterverteilt werden. Doch anders als in dem Lager Moria habe es auf Leros noch keine Krawalle und brennenden Zelte gegeben. Vielmehr würden Läden und Händler von den Geflüchteten, die bei ihnen einkaufen, profitieren, meint Hüttemann. Denn auf Leros gebe es weniger Tourismus als auf anderen griechischen Inseln. Das hat damit zu tun, dass dort lange Zeit die größte psychiatrische Klinik Griechenlands existierte.

In den Achtzigerjahren machten die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen die fast 3000 Patienten litten, auch in deutschen Medien Schlagzeilen. Heute haben sich die Bedingungen verändert, viele Patienten seien entlassen. "Das Leben bei uns ist sehr ruhig", sagt Hüttemann. An den Trubel der Großstadt könne er sich nicht mehr gewöhnen, sagt der 70-Jährige. "Neulich war ich in München zu Besuch und als ich die Leute auf der Straße gegrüßt habe, haben die mich angeschaut, als wollte ich ihnen etwas verkaufen."

Ahrntal, Südtirol

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier macht seit Jahren liebend gern Urlaub in Haars Partnergemeinde Ahrntal. Und er hat dort schon manchen Berggipfel erklommen. 2019 stieg er sozusagen auf den Haarer Hausberg, die westliche Floitenspitze, auf welcher der Vorsitzende der Haarer Sektion des Deutschen Alpenvereins, Wolfgang Hillner, einst das Gipfelkreuz setzte. Dieses Jahr aber machte Steinmeier von sich reden, als er kurzzeitig die Corona-Regeln missachtete und sich im Urlaub nach einem Treffen mit dem Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher und einer Musikgruppe ohne Make vor einer Hütte fotografieren ließ. Dabei nimmt man es in der Gemeinde Ahrntal mit den Corona-Schutzmaßnahmen sehr ernst, wie Bürgermeister Helmut Gebhard Klammer erzählt.

Die Kommune sei zwar weitläufig und abgelegen mit viel Grün. Doch die Verunsicherung sei schon groß angesichts der Verheerungen, die das Coronavirus im Frühjahr in Norditalien angerichtet hat. Erst im September fanden Kommunalwahlen in Südtirol statt, ganz ohne analoge Versammlungen der Parteien. "Wir wollen kein Hotspot werden", sagt Klammer. Eine Person ist bisher in Ahrntal an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben - das war bereits im Frühjahr. Alles in allem habe man bis jetzt noch Glück gehabt. Doch die Fallzahlen stiegen, sagt der Bürgermeister. Am vergangenen Donnerstag wurde ein neuer Erkrankter in Ahrntal gemeldet, bei 55 Infektionen in Südtirol. "Mit großer Sorge schauen wir dem Winter entgegen", sagt der Bürgermeister. Keiner wisse genau, was auf Südtirol zukomme und wie die Saison in den Skigebieten verlaufen werde. "Es ist nicht leicht", versichert Klammer.

Montemarciano, Italien

Das Meer, hügeliges grünes Hinterland, gutes Essen und vor allem im Sommer ein buntes, reges Miteinander: Die Gemeinde Montemarciano in den italienischen Marken mit ihrem alten Ortskern etwas abseits von der Küste und dem moderneren Vierteln in der Marina bietet so vieles, was Touristen an Italien schätzen. Die aus Höhenkirchen-Siegertsbrunn stammende Brigitte Meining, 82, lebt dort mit ihrem italienischen Mann seit Jahrzehnten. Für die lebensfrohe und kontaktfreudige Frau ist der Ort mit seinen 10 000 Bewohnern zur neuen geliebten Heimat geworden. Doch die gerade in Italien schon im Februar und März mit aller Macht aufgetretene Corona-Krise hat vieles verändert. "Was mir am meisten fehlt", sagt Meinig, "das sind meine Freunde. Mit Leuten zu sprechen, das ist mein Leben".

Gasse in Montemarciano

Eine Gasse in Montemarciano, der italienischen Partnergemeinde von Höhenkirchen-Siegertsbrunn.

(Foto: Gitta Eckl-Reinisch)

Über Brigitte Meining haben die beiden 745 Kilometer voneinander entfernten Gemeinden eine Partnerschaft begründet. Die Corona-Krise traf Montemarciano im Frühjahr ungleich härter. Meining ließ sich wie viele andere das Essen vom Gemüsegeschäft und vom Metzger nach Hause liefern. Mittlerweile ist trotz einer wieder steigenden Zahl an Infektionen die Lage stabiler. Bürgermeister Damiano Bartozzi, den Meining gebeten hat, die Lage für die SZ zu schildern, zeigt sich weitgehend zufrieden über die Disziplin der Bürger, die Masken zuverlässig trügen und die Corona-Regeln beherzigten. Nur die Jugend, die in der Marina zusammenkomme, bereite etwas Kopfzerbrechen, schreibt Bartozzi. Immer wieder schickt der Bürgermeister die Polizei zu den bekannten Treffpunkten. "Aber offensichtlich ist eine durchgehende Überwachung nicht möglich."

Bürgermeister Bartozzi berichtet aktuell von zwei positiv getesteten Personen und neun in Quarantäne. Trotz der relativ niedrigen Zahl haben laut Meining gerade ältere Menschen großen Respekt vor Corona. Viele trügen Masken, auch wenn sie alleine draußen spazieren gingen. "Es wird sehr, sehr aufgepasst", sagt sie, "wir haben gelernt, mit dem Virus zu leben". Während im Frühjahr die Infektionszahlen im Norden der Marken hoch waren, steigen sie aktuell im Süden. In Montemarciano, in der Landesmitte, ist die Entwicklung moderat. Aber das Leben, sagt Meining, "ist ganz anders geworden". Wo früher die Menschen zusammenstanden, halte man Abstand.

Auch in der Partnerstadt Tschernogolowka bestimmt Corona das Leben.

(Foto: Marina Prüller/oh)

Tschernogolowka, Russland

Das Coronavirus hat auch in Tschernogolowka, der russischen Partnergemeinde von Neubiberg, den Alltag gehörig durcheinander gebracht. Mittlerweile sind aber Angst und Panik Disziplin und Selbstverantwortung gewichen. Den Eindruck vermitteln die Schilderungen von Eugenia Kashapowa, die auf russischer Seite mit Tatjana Kowalskaja den Jugendaustausch zwischen den Gemeinden leitet. Der Austausch zwischen Neubiberg und der Wissenschaftsstadt in der Nähe von Moskau besteht seit 1992.

Lokale Lockdowns gibt es laut Kashapowa momentan nicht. Doch Senioren im Alter von 65 Jahren und älter sollen Orte, an denen viele Menschen sind, nicht ohne wesentlichen Grund besuchen. So findet in den Schulen auch Präsenzunterricht statt. Aber: "Das Leben in der Schule läuft mit Veränderungen", sagt Kashapowa. "Jede Klasse lernt nur in einem Klassenzimmer. Einige Klassen haben die ersten Stunden online. Am Eingang misst man die Temperatur." Und auch wenn vielen Schülern der Fernunterricht vor ein paar Monaten nicht gefiel, "brachte das auch seine Vorteile", findet Kashapowa. Eltern und Schüler hätten sich über Dienste wie Whatsapp und Zoom mit den Lehrern verbunden. "Das Internet gab mehr Möglichkeiten, Fragen zu diskutieren", sagt sie.

Dass ein Mund-Nasen-Schutz in Geschäften und an anderen Orten Pflicht ist, hat auch in Tschernogolowka längst jeder verinnerlicht. "In unserer Stadt sind die Menschen verantwortlich und jeder hat eine Maske an oder mit", sagt Kashapowa. Strengere Maßnahmen wünschen sich die Menschen von der Politik bisher laut Kashapowa nicht. "Die Menschen lernen, selbst diszipliniert zu sein, und wollen das Recht haben, zu Hause zu bleiben oder zu arbeiten und zu lernen."

Dass die Neuinfektionen in Russland wieder auf einem recht hohen Niveau liegen - zuletzt bei mehr als 11 000 am Tag -, schockiert die Bürger offenbar nicht. Die Einstellung der Menschen hat sich im Vergleich zum Frühjahr laut Kashapowa geändert. "Es gibt keine Angst, es gibt Disziplin und Vertrauen, dass die Krankheit heilbar ist und Hilfe rechtzeitig zur Verfügung gestellt wird", sagt sie.

© SZ vom 17.10.2020/hilb

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