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Parteiwechsel:"Dann haben wir ja alles richtig gemacht"

Tobias Thalhammer (links) und Florian Riegel waren nie gleichzeitig in derselben Partei und kannten sich vor dem Interviewtermin nicht persönlich.

(Foto: Claus Schunk)

Tobias Thalhammer wechselte 2018 von der FDP zur CSU, Florian Riegel ging etwa zur selben Zeit den umgekehrten Weg. Obwohl keiner seiner alten Partei nachtrauert, verstehen sich die beiden Kommunalpolitiker aus Neubiberg und Unterhaching auf Anhieb.

Florian Riegel und Tobias Thalhammer sind politisch einen ähnlichen Weg gegangen, allerdings in umgekehrter Richtung. Riegel war bis 2017 in der CSU und ist seit 2018 Mitglied der FDP, Thalhammer wechselte 2018 von der FDP zur CSU. Beide engagieren sich schon lange in der Kommunalpolitik - Riegel, 38, als Gemeinderat in Unterhaching, Thalhammer, 40, als Gemeinderat in der Nachbargemeinde Neubiberg und als Kreisrat. Dennoch kannten sich beide bis zum Interview nicht - obwohl sie ähnlich alt sind und in den beiden Nachbargemeinden aufgewachsen sind. Beim Treffen in einer Neubiberger Gaststätte erzählen sie, wie sie in ihrer neuen politischen Rolle angekommen sind und was sie sich vorgenommen haben.

SZ: Herr Thalhammer, haben Sie noch einen gelben Pullover, den Sie Herrn Riegel vermachen könnten?

Thalhammer: Ich war damals großer Fan von Guido Westerwelle. Ich habe Hans-Dietrich Genscher immer sehr verehrt - er hat ja auch sehr viel für Deutschland getan. Das ging aber nicht so weit, dass ich diesen nicht sehr modischen, aber doch prägnanten gelben Pullover getragen hätte. Nach wie vor trage ich natürlich liberale Themen im Herzen. Und freue mich, dass ich unter der Fahne der CSU vor allem wirtschaftsliberale Themen weiter voranbringen kann.

Riegel: Und ich befürchte, der Pulli würde mir jetzt auch nicht mehr passen.

Und umgekehrt? Ein Poster von Franz Josef Strauß, wie es CSU-Parteichef Markus Söder in seinem Jugendzimmer hatte, hätten Sie, Herr Riegel, so eines noch für Herrn Thalhammer?

Riegel: Nein. Diese Leidenschaft habe ich nie geteilt. Ich habe tatsächlich in meinem Schrank noch ein Poloshirt der CSU Unterhaching. Das haben wir uns damals für das jährliche Eisstockschießen angeschafft. Das könnte ich zur Verfügung stellen.

Wie sind Sie denn in Ihrer neuen Partei angekommen?

Thalhammer: Vor allem in der Kreistagsfraktion fühle ich mich sehr wohl. Die Professionalität hier ist vergleichbar mit der damaligen Landtagsfraktionsarbeit, das macht mir sehr viel Freude und ich lerne auch immer wieder etwas Neues. Deswegen habe ich wieder meine große Leidenschaft für die Politik entfacht. Aber ich war gerne in der alten FDP.

Herr Riegel, wie ist das bei Ihnen. Vermissen Sie etwas?

Riegel: Tatsächlich nicht. Was ich an der FDP sehr schätze, ist die Art und Weise, wie man mit unterschiedlichen Meinungen umgeht. Das mag in der Einzelsituation ein bisschen beschwerlicher sein. Aber jeder wird gehört. Nachdem ich die FDP jetzt über zwei Jahre kennengelernt habe, empfinde ich das, was ich bei der CSU erlebt habe, eher als Korsett. In der Arbeit mit der FDP empfinde ich diese Freiheit auf allen Ebenen. Die öffentliche Diskussionskultur geht in jede Vorstandssitzung und jedes Hinterzimmer. Das ist Basisdemokratie und macht mir sehr viel Freude.

Thalhammer: Habt ihr jetzt Hinterzimmerpolitik bei der FDP?

Riegel: Wo wir uns hier treffen ist ja auch ein Hinterzimmer.

Sie hatten beide in Ihrer früheren Partei wichtige Positionen. Herr Riegel war Bürgermeisterkandidat, Herr Thalhammer war parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion und hat für den Posten des Landrats kandidiert. Jetzt mussten Sie in die hintere Reihe rücken.

Thalhammer: Ich habe wieder bei null angefangen. Ich versuche, mich lokal vor Ort einzubringen, für meine Ideen zu werben und mitzuhelfen, vom Plakatekleben bis hin zu organisatorischen Aufgaben. Politik ist auch harte Arbeit. Es freut mich, dass ich das wieder kennenlernen darf. Das erdet nicht nur, sondern ist auch wieder näher am Menschen, was es früher vielleicht nicht mehr ganz so häufig war, weil man in anderen Sphären geschwebt ist. Ich bin jetzt Platz 51 bei der Kreistagswahl. Eine so tiefe Position hatte ich innerhalb der FDP nie. Aber mir wurde auch innerhalb der FDP noch nie etwas geschenkt, ich musste es mir immer erarbeiten.

Riegel: Ich habe ja immer gesagt, die Bürgermeisterkandidatur war für mich mit 32 Jahren eine unglaubliche Chance, die junge Leute nicht unbedingt bekommen. Deshalb bin ich der CSU Unterhaching auch nach wie vor dankbar. Ich empfinde die jetzige Situation aber nicht als Rücksprung. Ich bin ja Gemeinderat, habe die Fraktion gewechselt, wir haben viele interessante Themen erarbeitet und entwickelt, haben einen sehr engagierten Kommunalwahlkampf geführt. Ich habe jetzt erstmals die Chance, mich auf Kreisebene mit Platz vier auf der Liste zu engagieren. Insofern ist das für mich eher ein Schritt weiter. Ich mache Kommunalpolitik, weil sie mir Spaß macht, weil ich etwas bewegen will.

Haben Sie noch Kontakt zu den alten Kollegen?

Thalhammer: Ja. Und das freut mich auch sehr, dass ich immer wieder im Austausch bin über politische Themen. Es gibt schöne und traurige Anlässe, an denen man sich trifft. Ich habe mich das letzte Mal sehr gefreut, als mich Michael Ritz zu sich an den Tisch eingeladen hat, das war eine sehr schöne Geste.

Riegel: Das Kompliment kann ich nicht zurückgeben an die CSU. An die CSU Unterhaching natürlich. Jetzt hat sich da personell doch einiges verändert, Julia Mittermeier ist ja zu den Freien Wählern gewechselt, da ist durchaus ein enger Kontakt noch da. Zu den neuen Figuren in der vordersten Reihe nicht so sehr. Auf Kreisebene ist es so, dass man mich bestenfalls ignoriert.

Sie kandidieren beide für den Kreistag. Gibt es etwas, das sie anstoßen wollen und das mit der neuen Partei besser geht? Oder etwas, das nun nicht mehr geht?

Riegel: Themen, die nicht mehr so gehen, nein. Was angenehm ist, dass es keine Denkverbote mehr gibt. Auch keine Verbote bei Aussagen. Es ist schön, dass die FDP sehr weltoffen ist und gute Ideen hat. Ein Beispiel aus dem aktuellen Wahlprogramm: Die FDP fordert eine 24 Stunden- Kinder-Betreuung. Wir denken da an Schichtarbeiter oder Familien, in denen beide Elternteile sich einmal nicht kümmern können und auch keine Großeltern zur Verfügung stehen. Bei der CSU tut sich bei dem Thema auch etwas, aber da hieß es anfangs eher, ob man Kinderbetreuung überhaupt brauche.

Merken Sie etwas von Denkverboten in der CSU, Herr Thalhammer? Waren Sie vorher freier?

Thalhammer: Nein, ich war vorher viel eingeschränkter, weil man einfach nichts realisieren konnte. Nahezu jeden politischen Erfolg, den ich verzeichnet habe, sei es beim Bau von Schulen oder der Bundesratsinitiative, Fernbuslinien neben der Bahn zuzulassen, habe ich nicht wegen der FDP geschafft, sondern trotz der FDP. Hätte ich nicht seit jeher sehr gute Kontakte zur CSU gehabt, hätte ich einiges nicht umsetzen können. Ich glaube, von der CSU zur FDP wechselt man, weil man eine neue Chance sucht. Von der FDP zur CSU wechselt man, weil man eine neue Challenge sucht. Da bin ich gerade dabei.

Riegel: Herr Thalhammer hat sich da gerade selbst widersprochen. Denn wenn ich die Partei wechsle, weil ich eine zweite Chance suche und gleichzeitig sage, ich habe durch die FDP nichts erreichen können, widerspricht sich das ja. Ich empfinde das anders. Positiv betrachtet haben wir genau die richtigen Entscheidungen getroffen. Wenn Herr Thalhammer sich in der CSU so wohlfühlt und ich in der FDP, dann haben wir ja alles richtig gemacht.

Ein Thema, das Neubiberg und Unterhaching berührt, ist die Frischluftschneise. Wie stehen Sie zu den Neubiberger Plänen, dort zu bauen?

Riegel: Der Gemeinderat Unterhaching hat sich bei den Vorüberlegungen zum Flächennutzungsplan sehr deutlich gegenüber Neubiberg geäußert, weil wir einfach der Überzeugung sind, dass wir diese Frischluftschneise brauchen, und auch München sie braucht. Ich habe Geografie studiert, das Thema Alpenpumpe ist durchaus bekannt. Der Gemeinderat Unterhaching hat das auch so kundgetan und wir werden das auch weiterhin tun. Neubiberg ist natürlich eine eigenständige Gemeinde und kann tun, was sie will. Man darf aber auch Infineon - auch auf Neubiberger Flur - nicht vergessen. Damals sollte das ja alles wunderschön in grünen Hügeln liegen wie die Hobbits im Auenland und damit die Frischluftschneise nicht stören. Wir wissen, es ein stückweit anders gekommen mit mehrstöckigen Häusern.

Neubiberg sieht das anders?

Thalhammer: Ich stehe vor allem für Transparenz und Bürgerbeteiligung sowie eine vernünftige Partnerschaft von Ökologie und Ökonomie. Ich lebe eigentlich in dieser Frischluftschneise, von der ich vorher noch nie etwas mitbekommen habe. Ich habe aber ganz klare Forderungen: Der Geheimvertrag zwischen Bürgermeister Günter Heyland und den Privateigentümern gehört auf den Tisch. Außerdem möchte ich, dass es östlich der Autobahn zu keiner weiteren Bebauung kommt, denn dieser Bereich sind wichtige Polder für den Hochwasserschutz. Auch soll Neubiberg, angelehnt am Beispiel Unterhaching, den Hachinger Bach renaturieren. Auch muss die Erweiterung des Gutachtens des Deutschen Wetterdiensts von 2013 endlich veröffentlicht werden. Wenn wir die Ergebnisse kennen, könnte westlich der Autobahn ökologisch und ökonomisch vernünftig gebaut werden, wie das bei einem Unternehmen bereits geglückt ist.

Braucht es eine bessere Zusammenarbeit zwischen den beiden Nachbargemeinden?

Thalhammer: Zwischen allen Gemeinden entlang des Hachinger Bachs. Da haben wir die große Herausforderung des Hochwasserschutzes. Ich habe es selbst schon erlebt, auch mein Grundstück stand schon unter Wasser. Wir haben große Gebiete wie Vivamus, die mitten in diesem Gebiet liegen. Neubiberg kann nicht alleine für den Hochwasserschutz oder für die Frischluft verantwortlich sein. Deswegen brauchen wir einen noch intensiveren interkommunalen Dialog. Bisher war Neubiberger nicht immer löblich, was diese Partnerschaft anbelangt.

Riegel: Das alpine Pumpen ist ein sehr gut erforschtes Thema. Trotzdem bin ich auch sehr neugierig auf das Gutachten vom Deutschen Wetterdienst, weil davon eine Menge abhängt. Transparenz ist vollkommen richtig und wichtig. Auch beim Hochwasserschutz hat Herr Thalhammer recht. Da bräuchte es eine Zusammenarbeit, die ja auch in dieser Form angedacht wurde. Es gab nach dem großen Hochwasser 2013 genau diese Initiative. Oberhaching und Taufkirchen sind sehr schnell aus dem gemeinsamen Hochwasserschutzkonzept ausgestiegen. Bei uns steht im Moment ein Grundwassergutachten im Bereich der Tegernseer Landstraße aus, weil bei Hochwasser sehr schnell das Wasser von unten kommt. Wenn das Gutachten vorliegt, sehen wir weiter. Aber Unterhaching kann das nicht alleine schultern.

© SZ vom 12.03.2020/wkr

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