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Pandemie im Landkreis München:Corona erreicht immer mehr Pflegeheime

Laut Gesundheitsamt sind 20 Einrichtungen betroffen: 170 Bewohner und 103 Mitarbeiter haben sich infiziert - Tendenz steigend. Landrat Göbel sieht in der mangelnden Impfbereitschaft des Personals einen großen Risikofaktor und appelliert an die Beschäftigten.

Von Iris Hilberth, Landkreis

Die Zahl der Corona-Infektionen in den Alten- und Pflegeheimen im Landkreis München geht erneut rasant nach oben. In den vergangenen Tagen hat es mehrere Ausbrüche, etwa in Pullach, Oberhaching, Neubiberg und teilweise auch in Garching, gegeben, trotz strenger Hygienevorschriften, Tests für Besucher und Schichtbetrieb. Am Donnerstagnachmittag meldete das Landratsamt insgesamt 170 Bewohner in 15 Einrichtungen und 103 Mitarbeiter aus diesen und fünf zusätzlichen Heimen, die sich mit Covid-19 infiziert haben.

Auch die Zahl der Todesfälle nach einer Corona-Infektion steigt wieder. Lag vor etwa drei Wochen die Mortalitätsrate noch unter der im Frühjahr, "lässt sich diese Aussage jetzt nicht mehr aufrecht erhalten", sagte Gesundheitsamtschef Gerhard Schmid.

Landrat Christoph Göbel (CSU) geht davon aus, dass das Virus durch die Angestellten in die Einrichtungen hineingetragen wurde. Zwar haben die Impfungen in den Einrichtungen bereits nach Weihnachten begonnen. Doch ist ein Großteil der Mitarbeiter offenbar nicht bereit, an der Immunisierung teilzunehmen. Auf eine genaue Zahl der derzeitigen Impfverweigerer unter dem Personal in den Heimen wollte sich der Landrat zwar nicht festlegen. Bekannt geworden war nach einem Impftermin in Gräfelfing, dass sich dort nur 37 von 100 Mitarbeitern die Spritze geben ließen. Dazu sagte Göbel: "Das ist schöner als die Zahl, die mir vorliegt." Trotz zahlreicher Aufrufe, sich impfen zu lassen, seien die Zahlen noch niedriger. Dies habe aber offenbar nichts mit Fachwissen zu tun. "In Krankenhäusern und unter Ärzten ist die Impfbereitschaft sehr hoch", so der Landrat. Wo wirklich Fachkenntnisse da seien, bestehe auch Vertrauen. Peter Distler-Hohenstatt, Leiter der Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen im Landratsamt, hatte nach nochmaligem intensiven Telefongesprächen festgestellt: "Viele Mitarbeiter in den Einrichtungen wollen die ersten Impfungen abwarten."

Impfen lassen: Diesen Appell richtet der Landrat an die Mitarbeiter in den Pflegeheimen.

(Foto: Claus Schunk)

Impfreaktionen sind dem Landratamt bislang noch keine bekannt. Die deutschlandweit verzeichneten Komplikationen sind nach Kenntnissen des Landrats vor allem auf Allergien zurückzuführen. Es gehe dabei in der Regel um eine Unverträglichkeit von bestimmten Eiweißen. "Dies wird vor einem Impfung aber explizit abgefragt", sagte Göbel.

2000 Personen in 19 Heimen geimpft

Insgesamt wurden laut Landratsamt bis zum Donnerstag etwa 2000 Personen in 19 Einrichtungen geimpft. Dazu kommen Klinikpersonal und Mitarbeiter in den Impfzentren, sodass bislang 2372 Menschen im Landkreis die erste Dosis erhalten haben. Zuletzt war am 4. Januar eine solche Spritze gesetzt worden, die nächste Lieferung wird an diesem Freitag erwartet. Das Landratsamt rechnet erneut mit 1950 Dosen. "Wir hoffen auf dieselbe Menge am 12. und am 15. Februar", sagte der Landrat. Erstmals können dann auch Senioren über 80 Jahre, die nicht in Pflegeheimen wohnen, in den drei Impfzentren im Landkreis versorgt werden.

Landrat Göbel verteidigte erneut die Strategie, zunächst in den Pflegeeinrichtungen mit mobilen Impfteams tätig zu werden. Von den 35 000 Personen, die im Landkreis München der priorisierten Gruppe 1 zugerechnet werden, sind immerhin 3600 in Heimen untergebracht. "Wenn dort aber ein Termin etwa wegen eines Ausbruchs nicht stattfinden kann, werden die übrigen Impfdosen für die Zentren freigegeben", erläuterte er.

Die ersten Termine an den Impfzentren finden von diesem Samstag bis Dienstag in Haar, Unterschleißheim (jeweils 40) sowie in Oberhaching (70) statt. Allerdings sind alle bereits vergeben. Es empfiehlt sich daher, regelmäßig auf der Webseite des Landratsamts nach freigeschalteten Terminen zu schauen. Das Landratsamt erwartet, dass diese in den kommenden Woche stets schnell ausgebucht sein werden. Zudem seien die Informationsbriefe an alle Landkreisbewohner über 80 Jahre inzwischen mit der Post rausgegangen und sollten die Betroffenen in den nächsten Tagen erreichen. Das vierte Impfzentrum des Landkreises entsteht in Planegg. Als Standort wurde ein Grundstück nahe Maria Eich westlich der Bahn gewählt. Göbel geht davon aus, dass der Betrieb in Containern Anfang Februar aufgenommen werden kann.

Zwei weitere Tote

Das Landratsamt hat zwei weitere Todesfälle nach einer Infektion mit dem Coronavirus registriert. Es handelt sich um zwei Männer zwischen Mitte 70 und Anfang 80. Beide Personen wohnten zuletzt in verschiedenen Pflegeeinrichtungen und verstarben im Krankenhaus. Das Landratsamt berichtet von erhebliche Vorerkrankungen. Die Zahl der Neuinfektionen muss das Landratsamt nach einem Software-Problem korrigieren. Nach neuen Berechnungen gab es am Mittwoch 73 Neuinfektionen weniger als die ursprünglich 210 gemeldeten Fälle. Mit den am Donnerstag registrierten 66 weiteren Fälle ergibt sich eine Gesamtzahl von 9438 bestätigten Infektionen seit Beginn der Pandemie. Es gab demnach doppelt verrechneten Datensätze aus 22 Kommunen. Die meisten Neuinfektionen meldete am Donnerstag Unterschleißheim (20). hilb

Die Infektionszahlen bezeichnete der Landrat weiterhin als "viel zu hoch für die Phase des Lockdowns". Den Schock von den vergangenen Tagen, als dem Landkreis mehrfach eine tiefrote Sieben-Tage-Inzidenz von über 200 angezeigt wurde, hat er allerdings bereits verdaut. Denn diese stellte sich als Fehlermeldung aufgrund einer Systemumstellung heraus. Die Zahlen waren viel zu hoch, einige Fälle offenbar doppelt gezählt worden. Am Donnerstag betrug der Wert, der angibt, wie viele Personen sich in den vergangenen sieben Tagen pro 100 000 Einwohner infiziert haben, laut Robert-Koch-Institut (RKI) 137,5. Göbel geht allerdings davon aus, dass die Zahlen im Landkreis in Wirklichkeit doch etwas höher sind, als dieser Wert derzeit vorgibt. "Viele waren doch irgendwo im Urlaub, zudem haben wir die Unwägbarkeit mutierter Virusversionen", sagte er. Das Landesamt für Gesundheit gab die Inzidenz am Donnerstag derweil mit 148,6 an.

Jörg Spennemann, Leiter für Infrastruktur und Gesundheit, bestätigte das EDV-Problem. Seit 1. Januar werde eine neue Software genutzt, es gebe Schwierigkeiten an den Schnittstellen. "Die Dubletten können nicht herausgefiltert werden", sagte er, andere Gesundheitsämter hätten eine bessere Melde-Software, wieder andere gar keine. Demnächst stehe noch eine größere Software-Umstellung an, warnt er schon mal vor. "In der Praxis ist es nicht so, dass es nicht irgendwo hakt."

© SZ vom 08.01.2021/belo
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