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Pandemie:Eine Hochzeit und viele Infektionsfälle

In Baierbrunn geht die Diskussion über eine Feier und die schwerwiegenden Folgen im Gemeinderat weiter

Von Patrik Stäbler, Baierbrunn

Die Welle an Infektionen, die Baierbrunn zwischenzeitlich zu einem Corona-Hotspot gemacht hat, ist mittlerweile abgeebbt - die öffentliche Diskussion inklusive Vorwürfen, Entschuldigungen und Schuldzuweisungen aber hallt weiter nach in der 3500-Einwohner-Gemeinde. Nun hat Bürgermeister Patrick Ott von der Überparteilichen Wählergruppe (ÜWG) die jüngste Gemeinderatssitzung dazu genutzt, um seine Sicht der Geschehnisse ausführlich darzulegen. Dabei räumte er erneut Fehler ein - wiederholte aber auch seine Kritik an der örtlichen Pfarrei sowie den zwei Baierbrunner Familien, bei deren Hochzeitsfeier sich das Virus mutmaßlich ausgebreitet hatte.

Anfang Oktober, berichtete Rathauschef Ott, habe das Rathaus erste Hinweise auf mehrere Infektionsfälle in der Gemeinde bekommen. Kurz darauf stellte sich heraus, dass diese ausschließlich zwei Familien betreffen, bei denen letztlich 21 Mitglieder positiv getestet wurden. Sie seien "glücklicherweise ohne schwierige Krankheitsverläufe" geblieben, sagte der Bürgermeister. Lediglich ein Infizierter - der erste, der auffällig wurde - habe einige Tage in der Klinik verbracht.

Sehr früh habe er die Information bekommen, "dass es bei den zwei Familien eine größere Feier gegeben hat", sagte Ott im Gemeinderat. Dies habe er öffentlich kritisiert, und das, so erneuerte er, tue er auch weiterhin. "Solche Feiern - auch wenn sie rechtlich zulässig sind - gehören nicht in die Zeit. Es wäre verantwortungsbewusst gewesen, diese Feier nicht durchzuführen", befand der Bürgermeister.

Dass er zunächst öffentlich kundtat, das Hochzeitsfest habe im Pfarrsaal in seiner Gemeinde stattgefunden, "das war mein Fehler", räumte Ott ein. Dafür habe er sich auch bei Pfarrer Peter J. Vogelsang entschuldigt. Tatsächlich wurde die Hochzeit nämlich am 26. September in Unterföhring gefeiert. Jedoch fand eine Woche zuvor im Baierbrunner Pfarrsaal ebenfalls ein Fest statt - eine interne Veranstaltung, bei der auch Mitglieder der betroffenen Familien zugegen waren. "Meine Grundkritik, eine Feier im Pfarrsaal durchzuführen, bleibt bestehen", betonte Ott. Auch wies er Aussagen zurück, wonach das kircheninterne Fest mit den Infektionen nichts zu tun gehabt hätte. "Ich habe mich mit mehreren Ärzten unterhalten. Und die sind einstimmig zu dem Ergebnis gekommen, dass die erste Infektion auf der ersten Feier stattgefunden haben müsste. Über die große Feier hat sich das dann verbreitet", sagte Ott.

"Sehr ärgerlich" sei die Tatsache gewesen, dass über die Nationalität der Familien debattiert wurde, sagte Ott. Gegenüber den Medien habe er gebeten, dies außen vor zu lassen. Dann aber habe er selbst in einer Situation öffentlich korrigiert, dass es sich um eine kurdische und nicht um eine türkische Hochzeit gehandelt habe. "Das war ein Fehler", sagte Ott, "und das hat dann die Runde gemacht". Genau das hatten kürzlich Mitglieder der betroffenen Familien beklagt - mit dem Hinweis, dass sie wegen ihrer Nationalität "schon anders behandelt" worden seien.

Patrick Ott distanzierte sich im Gemeinderat von jeglichen fremdenfeindlichen Ressentiments, verteidigte aber seine Kritik an der Feier erneut. Diese hätte er ebenso geäußert, wenn Burschenschaft oder Sportverein der Veranstalter eines Festes gewesen wäre.

Insgesamt hätten infolge der Infektionen 150 Baierbrunner Kinder in Quarantäne gemusst. "Das ist weiß Gott nichts Schönes", sagte Ott. Dass sich außerhalb der zwei Familien niemand angesteckt habe, zeige jedoch, "dass die Hygienemaßnahmen in den Schulen und Kitas offenbar funktionieren". Zudem habe es die Gemeindeverwaltung unter Mithilfe mehrerer Ärzte geschafft, drei Reihentestungen durchzuführen. Die "zweite positive Lektion" sei daher, so Ott: "Wenn so etwas wieder über uns hereinbrechen sollte, dann wissen wir, wie schnell wir solche Teststationen aufbauen können."

Gisela Gojczyk (ÜWG) lobte derweil ausdrücklich die Grundschule, die "sehr bemüht gewesen ist und die Kinder wahnsinnig gut versorgt hat". Kritische Worte in Richtung Rathauschef gab es allein von Christine Kammermeier (SPD). Ihr zufolge sei die Öffentlichkeitsarbeit "nicht optimal gelaufen". Zudem hätte sie sich als Gemeinderätin mehr Informationen vom Bürgermeister gewünscht, "sodass man nicht alles von der Presse und von den Nachbarn erfahren muss", so Kammermeier. Ihr Fazit lautete: "Insgesamt war das bitter und bedauernswert für Baierbrunn."

© SZ vom 26.10.2020

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