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Pandemie:Dicke Luft hinter der Maske

Schulkinder in Hohenbrunn erzählen von ihrem Corona-Alltag

Von Claudia Wessel, Hohenbrunn

"Vor Kurzem habe ich ein Pfefferminzkaugummi gekaut", erzählt Ferdi. Er ist elf Jahre alt und geht in die fünfte Klasse einer Realschule. "Zuerst ist das Pfefferminz immer in meine Augen gekommen und hat gebrannt. Danach hat die Maske aber wenigstens nach Pfefferminz gerochen." Im Garten der Familie Reischl in Hohenbrunn hat der achtjährige Benjamin liebevoll Stühle in einen Kreis auf die Wiese gestellt. An diesem Nachmittag sollen einmal ganz speziell die Kinder gefragt werden, wie es ihnen mit Corona und den Corona-Regeln in der Schule geht. Benjamin hat noch drei Brüder. Die zwei ganz Großen, 16 und 19, sind anderweitig beschäftigt, der 14-jährige Elias aber hat einiges mitzuteilen. Außerdem sind noch die Nachbarskinder Ferdi und dessen Schwester Floriana, 8, da.

"Ich find' eigentlich Corona blöd", sagt Benjamin. Zuerst bemerkt hat er das an seinem Geburtstag im März. Da haben drei Freunde abgesagt, weil sie vorher in Südtirol waren. "Da war ich schon ein bisschen traurig." Hatte er auch Angst vor der Krankheit? "Na ja, ein bisschen schon, dass Mama und Papa..." - er spricht den Satz nicht zu Ende. Blöd fand er auch, dass ein Nachbarsjunge gesagt hat: "Ich darf nicht zu dir kommen, sonst sterben Oma und Opa."

"Ich fand's auch blöd", sagt Floriana. "Ich dachte, dass es vielleicht erst in ein paar Jahren weggeht." Die Schule habe sie sehr vermisst, sagt sie. "Und ich fand es blöd, dass meine Eltern so wenig Zeit hatten." Sie waren zwar immer zu Hause, mussten aber vor einem Bildschirm sitzen und arbeiten. "Mir war's egal, dass ich die nicht sehen durfte", sagt Ferdi über seine Schulkameraden. Jedenfalls über einige. Seinen besten Freund hat er natürlich vermisst. "Das Blödeste an Corona ist, dass all die coolen Sachen geschlossen sind: der Jugendtreff, der Bayernpark", findet er. Langweilt er sich? "Nein, ich hab' ja mein Handy."

Elias muss in der Schule den ganzen Tag die Maske tragen, und da es eine Ganztagsschule ist manchmal also sieben Stunden, wie er berichtet. Es gebe allerdings Lehrerinnen, die den Schülern erlaubten, zwischendrin ihre Masken abzunehmen. "Aber dann kommt eine andere rein und brüllt: Lüften und Masken auf!" Seine besorgte Mutter hat ihm Orangen- und Zitronenduftöl gegeben, mit dem er die Maske oft beträufelt, damit sie wenigstens gut riecht. Er findet es komisch mit der Maske. "Man denkt, man ist in China." Dann grinst er und sagt: "Manchmal sind die Masken aber auch ganz praktisch. Zum Beispiel wenn man was essen will." Dann sieht der Lehrer nicht, wenn man kaut.

Ansonsten hat er festgestellt, dass er in der Corona-Zeit "fauler geworden" ist. Den ganzen Tag im Zimmer sitzen, macht träge. Aber jetzt endlich ist beim Fußball auch Körperkontakt wieder erlaubt. Floriana findet es komisch, wenn ein Klassenkamerad auf sie zugeht und ruft: "Abstand, Abstand!" Und viele Spiele gingen nicht. "Fangen zum Beispiel". "Und Prügeln", sagt ihr Bruder verschmitzt. "Etwas Doofes" ist Benjamin passiert: Letztens kam ein Erwachsener an den Gartenzaun und fragte, ob er der Sohn von Anamarija Reischl sei. Seine Mutter geht mit bei den Hohenbrunner Spaziergängen gegen die Corona-Einschränkungen. Seither grüßten sie viele nicht mehr am Ort, sagt Reischl mit Tränen in den Augen.

© SZ vom 16.07.2020

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