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Ottobrunn:Zum Sieg gereimt

Die Gewinner des Kabarettwettbewerb im Wolf-Ferrari-Haus überzeugten durch Professionalität und Persönlichkeit.

(Foto: Claus Schunk)

Beim 16. Amici Artium in Ottobrunn reißen alle sechs Kabarettisten und Comedians die Zuschauer zu Tränen hin.Der Kölner Rupert Schieche gewinnt mit seinen in Verse verpackten Gags nicht nur den Publikumspreis, er überzeugt auch die Jury.

Von Franziska Gerlach, Ottobrunn

So schnell kann es gehen: Da dachte man bislang, das Vortragen von Gedichten sei eine eher dröge Angelegenheit. Und dann? Reist Rupert Schieche, brave Weste und Querbinder, aus Köln nach Ottobrunn und gewinnt mit genau dieser Disziplin den bekannten Wettbewerb "Amici Artium" für Kabarettisten und Comedians - und zwar nicht nur den Publikumspreis, sondern auch jenen, den die Jury zu vergeben hatte. Schieche rezitiere nämlich nicht nur, hatte Holger Müller, Kabarettist und Jurymitglied, die Entscheidung begründet. "Du bist ein Eigener." Den zweiten Platz belegte das Duo "Fußpflege Deluxe", ebenfalls aus Köln. Der dritte Preis ging an Thomas Rix Rottenbiller aus Forstern bei Erding.

Sieger Rupert Schieche reimt sich in Rage

In Zeiten, da das Internet jedem selbsternannten Komödianten eine Plattform zur Blödelei bietet, schätzt das Publikum Werte wie Professionalität und Persönlichkeit. Das zeigte sich auch im Saal des Wolf-Ferrari-Hauses in Ottobrunn, wo der von der Brauerei Aying unterstützte Wettbewerb am Samstagabend zum 16. Mal stattfand. Und Schieche, der früher die Kinder- und Jugenddarsteller für die Fernsehserie "Lindenstraße" gecoacht hatte, tat in seiner Rolle als Gisbert Fleumes genau das Richtige, um die Ottobrunner für sich zu gewinnen. Er füllte die Figur der Servicekraft im 15. Ausbildungsjahr nicht nur bis in die zusammen gekniffenen Augenlider mit Leben aus. Er bot von der Schwiegermutter bis hin zur Salatschleuder auch noch inhaltliche Vielfalt, als er seine versiert gereimten Gags in den Saal schickte.

Dass er sich dabei regelrecht in Rage reimte, hinterließ einigen Eindruck. Doch Rezitieren, so verriet Schieche in seiner Dankesrede (die freilich auch Grüße an seinen Onkel in Ottobrunn einschloss), ist nun einmal sein Ding: Bereits seinen Platz an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule hatte sich der heute 50 Jahre alte Schauspieler mit der Präsentation eines Gedichtes gesichert.

Mehr als 60 Bewerber hatte Bernd Seidel in diesem Jahr gesichtet. Nicht alles hatte den Initiator der Veranstaltung begeistert. Kabarett - das könne einfach nicht jeder. Auf jene sechs Acts, die Seidel für diesen Abend ausgewählt hatte, traf freilich das Gegenteil zu. Das Niveau der Darbietungen war hoch, sogar höher als in den Jahren zuvor, wie mancher im Saal meinte. Und trotzdem brach sich nach drei vergnüglichen Stunden, in denen man immer wieder aus vollem Herzen lachen konnte, ganz unweigerlich die Erkenntnis Bahn, dass es manchmal eben nicht reicht, als überdrehte Version seiner Selbst auf der Bühne zu stehen.

Köln war in diesem Jahr sehr gut vertreten

"Das kennt man ja", sagt ein junger Mann zu seinem Tischnachbarn. Er meinte damit Thomas Rix Rottenbiller, der dem Publikum mit seiner Darstellung des grobschlächtigen, bayerischen DJs auf einer Hochzeit in den neuen, deutschen Bundesländern (und selbstredend ließ es sich Rottenbiller nicht nehmen, das Wort "DDR" phonetisch zu verzerren) Lachsalven abrang. Sein Spiel mit den Klischees war gut, keine Frage. Die Pointen saßen, der Akzent war authentisch, manche seiner Witze dreckig - genau das, was man von einem Bayern in der Rolle eines Bayern erwartet.

Anderes Thema, ähnliches Prinzip: Der Rechtsanwalt Dominik Herzog gab Weisheiten über seinen Berufsstand zum Besten ("Weil sie im Suff ihr Dasein fristen, nennt man sie auch Volljuristen."), setzte sich noch kurz ans Klavier und belegte so den fünften Rang. Der Ire Mel Kelly gewährte dem Zuschauer Einblicke in die Seele eines Iren in Deutschland. Auch in seinen Gags ging es um Alkohol und Stereotypen und der sympathische Kelly verstand es, sie den Ottobrunnern mit reichlich Naivität und Fähigkeit zur nationalen Eigenreflexion unterzujubeln.

Letztlich reichte das für den sechsten Platz und auf einen solchen kann man angesichts des sicheren Händchens, das Veranstalter Seidel in diesem Jahr bewiesen hatte, auch durchaus stolz sein. Mancher im Publikum wünschte sich bei diesem Angebot sogar, differenzierter abstimmen zu können. Denn: Nur einen Favoriten zu wählen? Das ist schwer. Schließlich war Johannes Schwelm alias Mami Wurstsalat (Platz 4) in seinem Leopardenkleid schon eine echte Nummer gewesen.

Hemmungslose Selbstironie ist ein Garant für gelungenes Kabarett

Etliche Gäste schwankten aber zwischen Schieche und Fußpflege Deluxe. Das Kölner Duo hatte die undankbare Aufgabe des ersten Auftritts übernommen, spielte sich dann aber rasant der Klimax entgegen. Hamlet war ihr Thema oder genauer: der unbeholfene Versuch von Carolin Seeger, dem Publikum die Tragödie von Shakespeare zu vermitteln. "Wir sind hier im Wolf-Ferrari-Haus in Ottobrunn, da kennen die Leute wohl Hamlet", konterte ihr Partner Christoph Schlewinski. Mit einem Blick, der sagte: Die hat sie doch nicht alle. Von diesem Moment an entwickelte die Darbietung eine Dynamik, der man sich kaum entziehen konnte.

Mit Charme und Kölner Zungenschlag reißen Seeger und Schlewinski die Mauer der Distanz ein, die eben noch zwischen ihnen und dem Publikum aufragte. Hemmungslose Selbstironie ist eben noch immer der beste Garant für gelungenes Kabarett, zumal wenn man eingangs darauf verwiesen hat, dass sich das Publikum am Ende des Abends eine Frage möglichst nicht stellen sollte: "Fußpflege Deluxe - wer war denn das? Ach, stimmt: Der Fette und die Vollidiotin."

© SZ vom 14.11.2016/gna
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