An seinem schnittigen Nachnamen dürfte es nicht liegen, dass der Komponist Ermanno Wolf-Ferrari heute weitgehend vergessen ist. Der 1876 in Venedig geborene Deutsch-Italiener war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein global erfolgreicher Komponist, wurde als Nachfolger Rossinis betrachtet und für seine damalige Wiederbelebung der Opera Buffa („Die neugierigen Frauen“ von 1903 oder „Die vier Grobiane“ von 1906, beide in München uraufgeführt) gefeiert. Doch der Ruhm der Welt ist vergänglich und Wolf-Ferrari, der viele Jahrzehnte im Raum München lebte und dessen melodische, (nach)romantische Tonsprache schon zu seinen Lebzeiten nicht gerade avantgardistisch anmutete, bedürfte heute ebenfalls einer Wiederbelebung, was Wahrnehmung und Wirkungsgeschichte seines Werkes angehen.
Genau das haben sich – aus Anlass seines 150. Geburtstags am 12. Januar – verschiedene Institutionen der Gemeinde Ottobrunn auf die Fahnen geschrieben, schließlich lebte der Komponist, der neben seinen komischen Opern zahlreiche Chorwerke, Orchester und Kammermusik geschrieben hat, eine Weile hier sowie im benachbarten Riemerling und das 1986 eröffnete Kulturzentrum in der Ottobrunner Ortsmitte trägt seinen Namen.
„Wir möchten den heute nicht mehr allzu bekannten Wolf-Ferrari 2026 wieder mehr in den Blick nehmen“, kündigt Tabea Förth, Leiterin des benachbarten König-Otto-von-Griechenland-Museums für die Auftaktveranstaltung des Festjahres an diesem Montag an.
Die findet im Ratssaal des Wolf-Ferrari-Hauses statt und widmet sich besonders den Spuren, die der 1948 verstorbene Musiker in der Stadt und vor allem im Münchner Südosten hinterlassen hat: „Ermanno Wolf-Ferrari und Ottobrunn: ‚... damals, als die Welt mit meiner Seele so ganz überein stimmte‘“ lautet der Titel. Der unter anderem von der VHS und der Theobald-Rosmarie-Musikschule organisierte Abend wartet mit einer Melange aus musikalischen und wissenschaftlichen Vorträgen auf. Gespielt werden ausgewählte Klavierstücke Wolf-Ferraris, die der Pianist Michael Schneidt darbietet.
Spannend dürfte der Vortrag von Felicitas Kolb werden, die als Hauptreferentin des Abends agiert: Als Wolf-Ferrari-Expertin wird sie dabei, ausgehend von ihrer zum Jubiläum verfassten Festschrift, das Leben, das Werk und die engen biografischen Bezüge des Komponisten zu Ottobrunn beleuchten.

Der feinsinnige, dezidiert unpolitische und wohl zum Eskapismus neigende Deutsch-Italiener verbrachte ungefähr 16 Jahre im Raum Hohenbrunn und Ottobrunn, lebte auch in München und besaß von den 1930er-Jahren an eine Villa in Krailling. Begraben ist er in seiner Geburtsstadt Venedig. „Denken Sie sich, was es heißt, von einem deutschen Vater und einer italienischen Mutter abzustammen, jetzt im Kriege!“, klagte er 1915. Er selbst sah sich als Italiener wie als Deutscher. Während der Herrschaft des NS-Regimes und des italienischen Faschismus erfuhr der Tondichter öffentlich-künstlerisch keine Einschränkungen, litt aber wohl unter den Entwicklungen der Zeit und später des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Krieg und seinem Tod gerieten sein Name und Werk relativ schnell in Vergessen.
Im Jubiläumsjahr soll sich das ändern. Neben der feierlichen Auftaktveranstaltung am Montag, 12. Januar, die bei freiem Eintritt um 19 Uhr beginnt, stehen weitere Termine im Festkalender: Unter anderem eine Ausstellung, die mit dem Festakt zum 40-jährigen Bestehen des Wolf-Ferrari-Hauses im Herbst korrespondiert und am 26. September eröffnet wird. Schwerpunkte sind dabei die frühen Jahre zu Beginn von Ferraris Weltkarriere sowie die im Hohenbrunner und Ottobrunner Raum verbrachte Zeit. Im Oktober ist zudem ein Konzert mit Lehrerinnen und Lehrern der Rosmarie-Theobald-Musikschule geplant.

