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Paartherapie:Die Partner können ihre eigene Geschichte gestalten

Die Praxis von Gebert-Riess liegt direkt unterm Dach. An der Wand ein Buddha-Bild, der Boden in hellgrauer Holzoptik. In der Nische ein Schreibtisch, ein Paar Stühle für Gespräche, sonst ist der Raum fast leer. "Für meine Therapiemethoden brauche ich oft viel Platz", sagt die Therapeutin.

Zum Beispiel für das Lebensflussmodell. Hierbei bekommt jeder Partner ein Seil - das eine Ende stellt die Geburt dar, das andere die Gegenwart. Hier ein Knötchen, da eine Kurve. An Stellen wie der Geburt der Kinder, gemeinsamen Urlauben oder der Hochzeit überschneiden sich die Seile. Die Partner können ihre eigene Geschichte gestalten: Steine symbolisieren Krisen. Weitere Zettel - mit Begriffen wie Vertrauen, Zweisamkeit oder auch Verletzung und Wut - kann das Paar zu bestimmten Ereignissen dazulegen. "Durch die Methode kann das Paar sehen, was es schon zusammen erlebt hat", sagt Gebert-Riess.

Paartherapie

Wie bringe ich meine Bedürfnisse und Wünsche zum Ausdruck? Wie kann ich Kritik am Partner üben ohne ihn zu verletzen? Diesen Fragen wird Paartherapeutin Eva-Maria Gebert-Riess in einem Vortrag an der Volkshochschule Oberhaching nachgehen. Hierbei wird sie allgemeine Grundregeln einer Paarbeziehung anschaulich erklären und Anstöße zum konstruktiven Kommunizieren in der Paarbeziehung geben. Der Vortrag findet am Freitag, 29. April, von 18.30 bis 21 Uhr in der VHS Oberhaching, Raiffeisenallee 3, statt und kostet 22 Euro.

Und dennoch: "Als Therapeutin kann ich das Paar nur dabei unterstützen, herauszufinden, was für sie das Beste ist." Das könne sowohl ein Zusammenzubleiben oder die Trennung bedeuten. Sie müsse sich aus der Beziehung heraushalten, dürfe auch keine Freundin des Paares werden. "Meine persönliche Geschichte gehört nicht in die Therapie. Ich bin wie ein weißes Blatt; ergreife keine Partei", sagt sie.

Paartherapien müssen privat bezahlt werden. Krankenkasse übernehmen die Kosten nicht. Sitzungen kosten je nach Therapeut in der Regel zwischen 80 und 120 Euro. Nicht für jedes Paar leicht bezahlbar. Gebert-Riess ist jedoch der Ansicht, dass die Motivation der Teilnehmer dadurch gesteigert wird.

Gesellschaftlich sei eine Therapie weitaus anerkannter als früher, sagt sie. "Es ist heutzutage nicht mehr schlimm, sich helfen zu lassen." Und dennoch: Die meisten Patienten schreiben nur anonyme Bewertungen zu Psychotherapeuten in Internetforen. Auch Annemarie und Ludwig möchten lieber anonym bleiben. "Bei der Arbeit, unter Freunden und mit der Familie rede ich offen darüber", sagt Annemarie. Trotzdem sei die Therapie etwas sehr Privates.

Ludwig weiß, dass vor allem Männern der Schritt in die Therapie schwer falle: "Mann oder Memme - viele denken in diesen Kategorien, aber eine Eheberatung hat nichts mit Schwäche zu tun." Haltungen wie "Das schaff' ich selbst" hält er für den falschen Ansatz. Der Schritt erfordere Mut. Mut, für sich selbst zu sorgen und für die Beziehung einzutreten.

"Einen Schweinehund mussten wir nicht überwinden, um zur Therapie zu gehen", sagt Annemarie. "Wir wollten schließlich etwas ändern, wollten, dass es besser wird." Das ist auch gelungen. Die Gespräche zwischen den Eheleuten haben sich verändert. Weniger Vorwürfe. Weniger Schuldgefühle. Das zeige sich auch im Familienleben. "Der Streit zwischen uns hat sich auch bei unseren Kindern gespiegelt", sagt Ludwig. Inzwischen sei das anders. Die Kinder seien ruhiger. Zwar in der Pubertät, aber dennoch ruhiger. Annemarie und Ludwig sind sich sicher, dass sie trotzdem noch einige Sitzungen brauchen. Wie oft sie wiederkommen werden? "Keine Ahnung. Wir sind auf einem guten Weg", sagt Ludwig. "Alleine hätten wir das nicht geschafft."

© SZ vom 28.04.2016/hilb
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